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Erben von Djokovic, Nadal und Federer
Die Tennis-Zukunft spricht Deutsch

Alexander Zverev, Dominic Thiem und Co.: Die jungen Wilden greifen an
Dominic Thiem ist Österreichs neuer Tennis-Star. FOTO: afp, cb
Düsseldorf. Es tut sich etwas im Welt-Tennis. Die Wachablösung von Novak Djokovic droht zwar noch nicht, dafür ist der Serbe einfach viel zu dominant. Doch dahinter müssen einige Etablierte um ihre Position in der Weltrangliste zittern. Von Antje Rehse

Der derzeit wohl heißeste junge Wilde Dominic Thiem fordert am Dienstag im Achtelfinale von Miami Branchenprimus Djokovic heraus. Und man darf davon ausgehen, dass sich dieses Match auch viele seiner Kollegen nicht entgehen lassen werden. Denn es ist längst überfällig, dass im Herren-Tennis neue Gesichter nachhaltig von sich reden machen. Der Österreicher ist nicht der einzige, der im Welt-Tennis anklopft. Wir haben uns die Spieler der Zukunft einmal näher angeschaut.

Dominic Thiem (22 Jahre/Nummer 14 der Welt)

Der 22-jährige Österreicher schnuppert nicht mehr nur an der Weltspitze, er ist schon ganz nah dran an den Top Ten (derzeit Nummer 14). Im Februar gewann Thiem zunächst das Sandplatzturnier in Buenos Aires – im Halbfinale besiegte er Rafael Nadal, wehrte dabei einen Matchball ab – und holte sich kurz danach in Acapulco auch seinen ersten Titel auf Hartplatz. Thiems Match-Bilanz in diesem Jahr: 24:5. Die Entwicklung des Wieners geht stetig bergauf – er gilt als extrem harter und professioneller Arbeiter. Von nennenswerten Verletzungen blieb er in seiner Profi-Karriere bislang verschont.

Stärken: Thiem agiert druckvoll von der Grundlinie und ist extrem schnell auf den Beinen. Mit der Vorhand kann er Ballwechsel dominieren, die einhändige Rückhand verzückt regelmäßig die Fans. Zudem ist sein Kick-Aufschlag bei den Gegnern gefürchtet, vor allem auf Sand.

Schwächen: Im Vergleich zu seinen jüngeren Kollegen ist das Spiel von Thiem schon relativ komplett. Im Returnspiel hat er aber Steigerungspotenzial. Genau wie am Netz, weshalb er regelmäßig Doppel spielt. Auf sehr schnellen Belägen wie Rasen tut Thiem sich mit seinen Topspin-Schlägen schwer.

Prognose: Da Thiem in den kommenden Wochen auf seinem besten Belag Sand wenig Punkte zu verteidigen hat, sind die Top Ten schon in diesem Frühjahr drin. Viele Experten sehen in dem schüchternen Österreicher einen zukünftigen French-Open-Sieger – damit könnten sie durchaus Recht behalten.

Nick Kyrgios (20 Jahre/Nummer 26 der Welt)

Der Australier machte sich zunächst einen Namen, als er als 19-Jähriger vor zwei Jahren in Wimbledon überraschend Rafael Nadal aus dem Turnier warf. Zu zweifelhaftem Ruhm kam er im August 2015, als er sich im Match in Montreal gegen Stan Wawrinka eine verbale Entgleisung Richtung Gegner und dessen Freundin leistete ("Kokkinakis hat deine Freundin gevögelt. Sorry, dass ich dir das sagen muss, Kumpel"). Doch zuletzt ließ er lieber sein Tennis für sich sprechen. Im Februar holte er sich in Marseille seinen ersten Titel. Zudem hat er schon zwei Viertelfinal-Beteiligungen bei Grand-Slam-Tunieren sowie Siege gegen Nadal, Roger Federer, Stan Wawrinka und Tomas Berdych auf der Habenseite.

Stärken: Kyrgios agiert mit unglaublich schnellen, kraftvollen und unorthodoxen Grundlinienschlägen. Seine größte Waffe ist aber sein Aufschlag. Und dass er keinen Respekt vor großen Namen hat.

Schwächen: Kyrgios wirkt noch nicht voll austrainiert und ist zudem schon früh in der Karriere sehr verletzungsanfällig. Und nicht in jedem Match scheint er sich voll reinzuhängen. An der Einstellung gilt es zu arbeiten.

Prognose: Kyrgios hat ein ungemein gefährliches Spiel. Bei den großen Turnieren wird deshalb immer wieder mit ihm zu rechnen sein – vor allem auf schnelleren Belägen. Wenn er eine konstante Größe in der Weltspitze werden will, muss er aber die genannten Schwächen abstellen.

Porträt: Alexander Zverev: Deutschlands große Tennis-Hoffnung FOTO: dpa, jrp ks

Alexander Zverev (18 Jahre/Nummer 52 der Welt)

Deutschlands große Tennis-Hoffnung spielt erst das zweite volle Jahr auf der ATP-Tour – und das mit beachtlichem Erfolg. Zverev schnuppert an den Top 50 und wäre der jüngste Spieler in diesen Regionen der Weltrangliste. Das vergangene Jahr schloss er bereits als jüngster Spieler in den Top 100 ab. 2016 hat er bereits drei Siege gegen Top-20-Spieler zu verzeichnen. Ein leichter Volleyfehler beim Matchball kostete ihn gegen Nadal den ersten Erfolg gegen einen Mann aus den Top Ten.

Stärken: Die beidhändige Rückhand ist der Paradeschlag des Hamburgers, der insgesamt durch ein technisch sauberes und natürliches Schlagrepertoire glänzt. Der Aufschlag ist schon jetzt gefährlich, darf bei bei einer Größe von 1,98 Meter in Zukunft aber gerne eine noch größere Waffe werden.

Schwächen: In diesem Jahr ist deutlich zu sehen, dass Zverev aggressiver spielt, als noch in der Vergangenheit. Doch manchmal neigt der jüngere Bruder von Mischa Zverev noch immer zu einer zu vorsichtigen Spielweise. Die Vorhand ist manchmal etwas wackelig. Das Netzspiel muss er zwingend verbessern, denn bei seiner Reichweite sollte der Weg nach vorne eine konstante Option sein.

Prognose: Zverev hat die spielerischen Anlagen und den Ehrgeiz, um mittelfristig in die absolute Weltspitze vorzudringen. Es bleibt aber abzuwarten, wie der Körper des schlaksigen Teenagers auf die Strapazen der Tour reagiert. Zudem zeigt die aktuelle Weltspitze, wie entscheidend die Beinarbeit und Verteidigung im modernen Herren-Tennis ist. Auch wenn er wesentlich leichtfüßiger ist, als andere Spieler seiner Größenordnung, könnte Zverev hier im Nachteil sein. Dennoch: Nadal traut ihm zu, die Nummer eins zu werden. Und auch Stan Wawrinka hält ihn für den Youngster mit dem größten Potenzial.

Taylor Fritz (18 Jahre/Nummer 81)

Der US-Amerikaner hat in den vergangenen Monaten durch eine Siegesserie auf der Challenger-Tour einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und ist der jüngste Spieler in den Top 100. Beim ATP-Turnier in Memphis im Februar stieß er überraschend ins Finale vor und war damit der jüngste Amerikaner in einem Endspiel seit Michael Chang 1988.

Stärken: Fritz serviert stark und verfügt über eine sehr druckvolle Vorhand. Zudem beweist er in engen Matches immer wieder eine bemerkenswerte Nervenstärke bei den "Big Points", was aber natürlich auch der jugendlichen Unbekümmertheit zuzuschreiben sein könnte.

Schwächen: Fritz zeigt alle Anlagen, um ein kompletter Spieler zu werden. Wie viele junge Spieler muss er natürlich noch an der Physis arbeiten und häufiger den Weg ans Netz suchen.

Prognose: Die Amerikaner warten schon lange auf einen neuen Star im Herren-Tennis. Fritz könnte dieser Mann sein, doch der 18-Jährige, der wie Zverev und Thiem aus einer Tennis-verrückten Familie kommt, spielt gerade erst seine allerersten ATP-Turniere. Wenn er mit den gestiegenen Erwartungen in seiner Heimat umgehen kann, wird mit ihm aber definitiv zu rechnen sein.

Weitere Namen für die Zukunft

Borna Coric (19/46): Der 19-Jährige aus Kroatien ist für sein Alter physisch schon weit und gilt als großer Kämpfer. Er hat Siege gegen Nadal und Andy Murray vorzuweisen. Doch seine Vorhand ist eine große Schwachstelle und im Vergleich zu anderen Youngsters fehlen ihm die ganz großen Waffen.

Andrej Rubljew (18/154): Dass diesem schmächtigen Russen die spielerischen Waffen fehlen, kann man nicht behaupten. Im Gegenteil: Der 18-Jährige prügelt regelrecht auf die Bälle ein. Er muss in Sachen Fitness noch extrem zulegen und lernen, geduldiger und taktisch klüger zu agieren.

Thanasi Kokkinakis (19/147): Der 19-jährige Australier machte 2015 durch einige gute Ergebnisse auf sich aufmerksam, muss derzeit aber wegen einer Schulterverletzung pausieren. Bleibt abzuwarten, wie der starke Aufschläger danach zurückkommt.

Hyeon Chung (19/46): Der 19-jährige Koreaner spielte sich im vergangenen Jahr im Schatten von Coric und Zverev in die Top 100, sammelte dafür aber viele Punkte auf der zweitklassigen Challenger Tour. Ein Sieg gegen einen der Stars der Szene fehlt ihm noch – und wohl auch das Star-Potenzial. 

Frances Tiafoe (18/167): Eine weitere Hoffnung der Amerikaner. Interessanterweise führt der 18-Jährige im direkten Vergleich mit Fritz 4:0 (drei der Matches fanden im Juniorenbereich statt). Auch er agiert stark von der Grundlinie, wirkt im Vergleich zum wenige Monate älteren Fritz aber weniger abgeklärt und muss in Sachen Aufschlag etwas zurückstecken. Dennoch gut vorstellbar, dass man dieses amerikanische Duell in Zukunft häufiger auf der ATP-Tour sehen wird.

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