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Terror-Angst beim Davis Cup
Murray und das Trauma von Dunblane

Fotos: Andy Murray: Schotte, Brite, Wimbledon-Held
Fotos: Andy Murray: Schotte, Brite, Wimbledon-Held FOTO: afp
Gent/Frankfurt. Andy Murray soll das britische Davis-Cup-Team im Finale gegen Gastgeber Belgien ab Freitag zum ersten Titel seit 1936 führen. Die Terrorgefahr dürfte dem Weltranglistenzweiten dabei zusetzen. In seiner Kindheit hat Murray selbst einen Amoklauf überlebt.

Andy Murray will erst gar nicht den Eindruck erwecken, als wäre er in diesen Tagen besonders beunruhigt oder besorgt. Trotz der in Brüssel immer noch geltenden höchsten Terror-Alarmstufe. "Business as normal" nennt der Weltranglistenzweite mit der leisen Stimme die Abläufe vor dem Davis-Cup-Finale der Briten bei Gastgeber Belgien in Gent.

Murray ist eben Profi - doch normal wird auch in den nächsten Tagen nichts sein. Schon gar nicht für den Hoffnungsträger, der Großbritannien zum ersten Triumph im bedeutendsten Tennis-Teamwettbewerb seit 79 Jahren führen soll und in seinem ersten Match am Freitag auf Ruben Bemelmans trifft.

Murray lässt Ferrer keine Chance FOTO: ap

Wenn vor der "Flanders Expo"-Arena schwerbewaffnete Polizisten mit schusssicheren Westen patrouillieren, dann werden bei Murray die Erinnerungen wohl wiederkommen. Die Erinnerungen an das Trauma, "das immer ein Teil von mir bleiben wird", wie es der 28-Jährige beschreibt.

Am 13. März 1996 war es, als ein mit vier Gewehren bewaffneter Amokläufer in die Grundschule des schottischen 9000-Seelen-Orts Dunblane stürmte. Thomas Hamilton erschoss damals 16 Kinder und eine Lehrerin, später richtete er sich selbst. Andy Murray und sein ein Jahr älterer Bruder Jamie, mit dem er am Samstag im Doppel gegen Kimmer Copperjans und Steve Darcis antritt, konnten ins Büro des Direktors flüchten. Sie versteckten sich und sangen zur Beruhigung mit einer Erzieherin Lieder. Die Murray-Brüder blieben bei dem Massaker unverletzt. Zumindest äußerlich.

Jahrelang hat Andy Murray einen falschen Heimatort angegeben, wenn er sich bei Tennisturnieren eingeschrieben hat. Er wollte nicht ständig auf die Tragödie angesprochen werden, nicht immer wieder von den traumatischen Minuten erzählen müssen. "Obwohl ich schon gemerkt habe, dass da ganz hinten in meinem Kopf etwas war", gestand Murray einmal: "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie hart solch ein Ereignis für ein Kind ist."

Bilder: Die Spieler mit den meisten Turniersiegen FOTO: dapd, Elise Amendola

Seit ein paar Jahren setzt der Sohn der früheren schottischen Tennis-Landesmeisterin Judy Murray, der 2016 selbst Vater wird, auf Konfrontation statt Verdrängung - und redet. "Ich hätte eines dieser Kinder sein können, die es getroffen hat", sagte Murray, der in seiner 2008 erschienenen Autobiografie ("Hitting back") ausführlich über seinen "ganz persönlichen Albtraum" schrieb.

Am bedrückendsten sei es gewesen, dass er den Täter kannte. Murray: "Er ist sogar einmal mit meiner Mutter und mir im Auto mitgefahren." Der Sport hat dem exzellenten Aufschläger geholfen, das Geschehene besser zu verkraften. Mit 15 Jahren zog Murray weit weg von zu Hause, nach Barcelona, wo er sich auf seine Profi-Karriere vorbereitete.

Für das Team von der Insel ist der "Highlander", der standesgemäß im Kilt heiratete, am Wochenende der große Hoffnungsträger. Er, der 2013 nach 77 Jahren die britische Durststrecke in Wimbledon mit seinem Einzel-Triumph auf dem heiligen Rasen beendete. Er, der im Jahr zuvor bei den US Open das Königreich als erster britischer Grand-Slam-Sieger seit 1936 erlöst hatte.

Die Experten zweifeln nicht an einem Erfolg der Gäste in Gent, rund 55 Kilometer vor den Toren von Brüssel. "Großbritannien ist Favorit, weil sie Andy haben", meint Grand-Slam-Rekordsieger Roger Federer (Schweiz). Und auch US-Ikone John McEnroe setzt auf Murray, der in seinen beiden Einzeln und im Doppel mit Bruder Jamie die benötigten drei Punkte holen soll: "Natürlich wird Andy viel Druck haben. Aber er hat gezeigt, dass er damit umgehen kann", meinte McEnroe. Doch die Umstände für Murray sind in diesen Tagen ganz besondere.

(sid)
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