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Favoritenstürze im Damentennis
"Wir sind halt Frauen"

Finale: Angelique Kerber - Serena Williams
Finale: Angelique Kerber - Serena Williams FOTO: ap, MDB KAJ
Doha. Auf die Fragen aller Fragen hatte Agnieszka Radwanska die originellste Antwort parat. "Wir sind halt Frauen. Jeden Tag anders drauf, unberechenbar, unergründbar – aber das macht uns ja so interessant", sagte die WTA-Weltmeisterin aus Polen. Und sie schmunzelte dabei ganz charmant.

Die Lacher hatte die derzeit drittbeste Spielerin im Tennis-Universum durch ihren Erklärungsversuch zum Thema Favoritenstürze auf ihrer Seite. Doch ist die Schwäche der Starken und die derzeit enorme Breite der Spitze in der Weltrangliste allein an geschlechtsspezifischen Faktoren festzumachen?

Der seit Monaten auffällige Trend jedenfalls setzte sich auch beim mit 2,82 Millionen Dollar dotierten WTA-Turnier in Doha fort. Bereits vor dem Viertelfinale waren in der Wüste fünf der sieben am höchsten gesetzten Spielerinnen auf der Strecke geblieben. Darunter auch Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber (Kiel/Nr. 1) und die Rumänin Simona Halep (Nr. 2). Beide scheiterten schon in ihren ersten Matches. "So etwas wie Konstanz gibt es momentan fast nicht. Vieles scheint möglich, nichts ist sicher", sagte US-Ikone Chris Evert jüngst.

In Dubai war es noch schlimmer

Noch krasser war die Situation in der Vorwoche: In Dubai hatte keiner der gesetzten Profis seine Auftakthürde meistern können. So etwas gab es bis dato selbst im Damen-Tennis noch nie – und wird es bei den Männern in diesem Maße wohl auch nie geben.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die einzige einigermaßen verlässliche Größe derzeit rar macht. Branchenführerin Serena Williams, die im vergangenen Jahr drei der vier Grand-Slam-Titel holte, hat seit ihrer Final-Niederlage von Melbourne gegen Kerber vor knapp vier Wochen kein Match mehr bestritten. Überhaupt hat die 34-Jährige aus den USA 2016 erst sieben Partien absolviert.

Ihre Teilnahme in Doha musste Williams wegen einer Grippe absagen. Weil in Maria Scharapowa (Russland) auch der zweite Superstar der Szene schwächelt und wegen ihrer Armverletzung nicht in Schwung kommt, eröffnen sich für die hungrigen Youngster ganz neue Perspektiven. "Inzwischen hätten es viele verdient, in den Top Ten zu stehen", meinte die 25-jährige Radwanska, die Williams trotz ihres Alters und der zunehmenden Wehwehchen nach wie vor für die klare Nummer eins hält: "Wenn sie fit ist, kann man Serena kaum besiegen. Dahinter ist das Feld allerdings sehr, sehr offen."

Klammert man Williams einmal aus, würde es Heinz Günthardt momentan "noch zehn bis 15 anderen Spielerinnen" zutrauen, einen Grand-Slam-Titel zu holen. Der Schweizer hat auch ganz andere Zeiten erlebt. Jahrelang hat Günthardt die ehemalige Nummer eins Steffi Graf betreut.

Kerbers Sieg in Melbourne dient Petkovic als "Inspiration"

Der Ausgang der letzten beiden Majors bestätigt die Einschätzung vieler Experten. Noch viel überraschender als der Coup von Kerber Ende Januar in Down Under kam der Triumph der damaligen Weltranglisten-26. Flavia Pennetta bei den US Open im September 2015. Im ersten italienischen Frauen-Finale der Grand-Slam-Historie spielte sie damals übrigens gegen Roberta Vinci, die Nummer 43 im Ranking.

"Natürlich war auch das eine besondere Motivation für uns. Man hat gesehen, dass vieles möglich ist", sagte Andrea Petkovic, die am Donnerstag im Viertelfinale von Doha auf Garbine Muguruza (Spanien/Nr. 3) traf. Die Darmstädterin fühlt sich auch vom Melbourne-Erfolg ihrer guten Freundin Kerber angespornt: "Der tolle Sieg von Angie war eine weitere Inspiration für mich, um noch härter zu arbeiten und eine bessere Spielerin zu werden."

(seeg/sid)
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