| 17.06 Uhr

Australian Open
Keine Chance ist Kerbers große Chance

Infos: Der Weg von Kerber zum Titel
Infos: Der Weg von Kerber zum Titel
Düsseldorf. Als zweite Deutsche nach Sabine Lisicki hat Angelique Kerber in der Ära nach Steffi Graf das Finale eines Grand-Slam-Turniers erreicht. Lisicki war 2013 auf dem Centre Court von Wimbledon ein schluchzendes Nervenbündel. Von Kerber sind während des Matches aber keine Tränen zu erwarten. Von Antje Rehse

Zum zweiten Mal steht eine Deutsche in der Ära nach Steffi Graf im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers. Sabine Lisicki war im Wimbledon-Finale 2013 mit der Situation völlig überfordert. Die Berlinerin brach schon während ihres Matches gegen Marion Bartoli in Tränen aus, weil sie mit dem nervlichen Druck und den hohen Erwartungen nicht zurecht kam.

Für Angelique Kerber stellt sich die Situation vor ihrem ersten Major-Finale anders da. Denn die Kielerin ist, anders als damals Lisicki, im Endspiel der Australian Open gegen Serena Williams am Samstag krasse Außenseiterin. "Ich habe nichts zu verlieren", sagt sie und beteuert glaubhaft: "Ich freue mich riesig auf das Match."

Ihre wohl größte nervliche Zerreißprobe in diesem Turnier hat Kerber schon gemeistert. Nach ihrem starken Viertelfinalsieg gegen die favorisierte Weißrussin Wiktoria Asarenka schien das Spiel gegen Überraschungs-Halbfinalistin Johanna Konta aus Großbritannien nur noch Formsache – und eine perfekte Einladung zum Scheitern kurz vor der Ziellinie. Kerber war die Anspannung deutlich anzumerken.

Die letzten Grand-Slam-Finals mit deutschen Frauen FOTO: dpa, mi cs

Die Kielerin agierte im Vergleich zum Viertelfinale gegen Asarenka deutlich vorsichtiger und hatte Glück, dass auch die Britin sichtlich nervös war und sich zu viele unerzwungene Fehler leistete. "Das war mental eines der schwierigsten Matches ihrer Karriere. Sie hat keinen Schönheitspreis gewonnen, aber heute war es egal, wie sie gewinnt", sagte Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner im Gespräch mit der dpa über den 7:5, 6:2-Sieg.

Was die Psyche angeht, dürfte das Endspiel gegen die Weltranglisten-Erste Williams um ein Vielfaches einfacher werden. Denn kaum einer erwartet ernsthaft von Kerber, dass sie die US-Amerikanerin bezwingt. "Wenn Serena so spielt, wie im ersten Satz, dann hat keine Spielerin der Welt eine Chance", sagte die Polin Agnieszka Radwanska über ihr Halbfinale gegen die Branchenführerin, das sie mit 0:6, 4:6 verlor. "Wenn Serena einen guten Tag erwischt, ist sie eigentlich unschlagbar", sagte Rittner.

Bilder: Kerber: Noch ein Sieg bis zum Titel FOTO: afp, fk

Kerber wirkte nach ihrem Halbfinaleinzug allerdings alles andere als eingeschüchtert. "Ich habe sie schon geschlagen und wir haben einige enge Matches gespielt. Ich glaube, Serena hat viel Respekt vor mir." Im direkten Vergleich führt Williams 5:1. Kurios: Alle Matches fanden auf Hardcourt statt. Kerbers einziger Sieg datiert aus dem Jahr 2012, als sie Williams in Cincinnati 6:4, 6:4 besiegte. In allen anderen Partien blieb Kerber ohne Satzgewinn, zwang Williams im bis dato letzten Match der beiden im Finale von Stanford 2014 im ersten Satz zumindest in einen Tie-Break, nachdem sie schon deutlich geführt hatte.

Kerber wird auch in Melbourne auf einen Fehlstart ihrer Gegnerin hoffen. Williams ist bekannt dafür, manchmal etwas schleppend in Matches hereinzukommen, auch wenn davon gegen Radwanska nichts zu sehen war. Kerber selbst erspielte sich sowohl gegen Asarenka (4:0) als auch Konta (3:0) eine frühe Führung. "Ich hoffe, dass Angie einen guten Start erwischt und Serena mental unruhig wird. Vielleicht steht sie ja mit dem falschen Bein auf, sie ist auch nur ein Mensch", sagte Rittner. Bei den US Open hatte Williams im vegangenen Jahr Nerven gezeigt, als sie völlig überraschend im Halbfinale gegen die Italienerin Roberta Vinci verlor und damit auch den Grand Slam verpasste.

Bilder: Serena Williams jubelt über Finaleinzug FOTO: ap, MDB KAJ

Auf körperliche Schwächen ihre Gegnerin darf Kerber derweil nicht hoffen. Nachdem im Vorfeld der Australian Open wegen einer Knieverletzung viele Fragezeichen hinter Williams gestanden hatten, präsentiert sich die 34-Jährige in Melbourne topfit und leichtfüßig.

Um das Match gegen Williams möglichst lange offen zu gestalten, wird Kerber gut aufschlagen müssen. Der zweite Aufschlag der Kielerin ist die größte Schwäche in ihrem Spiel, für Williams dürfte er ein ums andere Mal ein gefundenes Fressen sein. Zudem muss Kerber aggressiv agieren und Williams mit ihrem guten Winkelspiel beschäftigen. Spielt sie dagegen so vorsichtig und passiv, wie gegen Konta, dürfte das Match in Windeseile vorbei sein. Auch auf eine gute Länge in den Grundschlägen wird es ankommen, denn Williams nutzt jede kleinste Gelegenheit, um mit ihrem Power-Tennis die Ballwechsel zu bestimmen. Wird die Gegnerin zu kurz, bestraft keine Spielerin der Welt dies so gnadenlos wie Williams.

Für die US-Amerikanerin geht es am Samstag darum, den Rekord von Steffi Graf einzustellen. Die Deutsche hat 22 Grand-Slam-Turniere gewonnen, auf Williams' Habenseite stehen bislang 21. Doch nicht nur deshalb wird Graf Kerber die Daumen drücken. Beide haben schon zusammen trainiert und stehen auch während der Australian Open im Kontakt. Nach Kerbers Sieg gegen Konta schickte Graf per SMS Glückwünsche: "Ich gratuliere. Ich freue mich riesig. Liebe Grüße aus Las Vegas."

Kerber, die in der ersten Runde gegen die Japanerin Misaki Doi zwischenzeitlich schon vor dem Aus gestanden hatte und sogar einen Matchball abwehren musste, macht sich derweil Mut durch eine andere Statistik. "Seit ich 28 bin, habe ich noch kein Match verloren. Vielleicht ist das ja ein Zeichen", sagte Kerber nach ihrem Sieg gegen Konta im Interview mit Eurosport. Am 18. Januar hatte sie ihren Geburtstag in Melbourne gefeiert. Das größte Geschenk kann sie sich nun nachträglich selbst machen.

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