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Sieg bei den Australian Open
So knackte Kerber den Serena-Code

Kerbers Reaktion nach dem Sieg
Kerbers Reaktion nach dem Sieg FOTO: afp, rab
Melbourne. Angelique Kerber hat das Unmögliche möglich gemacht und ihren ersten Titel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen. Dabei besiegte sie im Finale der Australian Open niemand Geringeres als die beste Tennisspielerin dieses Jahrhunderts. Doch wie schaffte es die Deutsche, Serena Williams zu entzaubern? Eine Analyse. Von Antje Rehse

Viele Experten hatten im Vorfeld befürchtet, dass das Finale in Melbourne zwischen Kerber und der Weltranglisten-Ersten aus den USA eine klare Angelegenheit für die US-Amerikanerin werden würde. Immerhin war Williams nur so durch das Turnier marschiert, hatte bis zum Endspiel keinen einzigen Satz abgegeben und zudem die Erfahrung von 21 Major-Titeln auf der Habenseite. Doch Kerber zeigte keine Nerven, agierte von Beginn an auf Augenhöhe mit ihrer Gegnerin und zog dieser schließlich den Zahn. 6:4, 3:6, 6:4 lautet das nüchterne Endergebnis eines packenden Matches. Wir schlüsseln auf, wie sie das geschafft hat.

Gutes Returnspiel

Kerber feiert im schicken Kleid und mit Champagner FOTO: afp, fk

Der Aufschlag von Serena Williams ist auf der Damen-Tour gefürchtet. Auch bei den Australian Open 2016 liest sich die Statistik imposant. 53 Asse hat sie in den sieben Matches in Melbourne geschlagen, lediglich Maria Scharapowa liegt in dieser Statistik vor Williams. Während der zwei Wochen gewann Williams starke 80 Prozent der Punkte, wenn sie über den Aufschlag ging, immerhin noch 53 Prozent über den zweiten. Doch Kerber schaffte es wie keine andere im bisherigen Turnierverlauf, den Aufschlag der Amerikanerin zu lesen und immer wieder zurück ins Feld zu bringen. Vergleicht man Williams' Gesamtstatistik mit den Werten im Match gegen Kerber, zeigt sich ein deutlicher Einbruch. Eine Quote von 69 Prozent gewonnener Punkte hinter dem ersten Auschlag ist immer noch ordentlich, aber nicht überragend. Für Williams' Verhältnisse dramatisch schlecht sind die 42 Prozent gewonnen Punkte, wenn sie über den zweiten Aufschlag gehen musste.

Laufstärke und Antizipation

Kerber geht nach Triumph im Yarra River baden FOTO: dpa, sf ms

Kerber spielte ihre größten Stärken voll aus. Sie antizipierte nicht nur beim Returnspiel gut, sondern auch in den Ballwechseln. Wo Williams hinschlug, da war Kerber meist schon da. Und wenn nicht, dann rannte sie halt noch schnell hin. Kerber lief pro Punkt 9,0 Meter, Williams 8,2 – ein deutlicher Pluspunkt für die Deutsche. Damit schaffte sie es, dass Williams immer wieder noch einen, und noch einen, und noch einen Ball mehr spielen musste, als diese das gewohnt ist. Die Folge: Williams spürte den Druck und leistete sich ungewöhnlich viele leichte Fehler. 46 sogenannte Unforced Errors stehen offiziell bei ihr zu Buche.

Keine geschenkten Punkte

Kerber ging zudem unglaublich diszipliniert zu Werke und leistete sich selbst nur 13 unerzwungene Fehler. In den beiden Sätzen, die sie gewann, waren es derer jeweils nur drei. Das ist überragend. Vor allem gegen eine Spielerin wie Williams, die ihre Gegnerinnen durch ihre schier unbändige Power auch mental derart unter Druck setzt, dass diese irgendwann zu viel Risiko gehen. Nicht aber Kerber. Die Deutsche wählte über das gesamte Match die perfekte Mischung aus Aggressivität und Sicherheitstennis. Den 13 Fehlern stehen 25 direkte Gewinnschläge gegenüber (+12). Eine sehr gutes Verhältnis. Im Vergleich: Williams kam bei ihren 46 Fehlern auf 47 Winner (+1). Da stimmte die Mischung nicht so gut.

Tempo-Variation

Pressestimmen: "Die Erbin von Steffi Graf" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Williams hatte nicht ihren besten Tag, aber Kerber hatte ihren Anteil an den vielen Fehlern der Weltranglisten-Ersten. Die gebürtige Bremerin mischte immer wieder harte Schläge mit langsameren, aber dafür sehr langen Bällen, mit denen Williams nicht viel anzufangen wusste. Interessant war zu sehen, dass Williams auch mit eigentlich harmlosen, kürzeren Bällen der Deutschen immer wieder Schwierigkeiten hatte. Normalerweise sind diese ein gefundenes Fressen für die 34-Jährige. Im dritten Satz streute Kerber dann auch mehrmals Stoppbälle ein, die Williams nicht erlaufen konnte.

Verteidigung des zweiten Balles

Im Vorfeld war Kerbers zweiter Aufschlag als große Schwäche ausgemacht worden, aber überraschenderweise gewann die 28-Jährige mehr Punkte mit dem zweiten Aufschlag, als Williams (47 zu 42 Prozent). Das lag auch daran, dass Kerber ihren zweiten Ball sehr gut verteidigte. Das heißt, dass sie auf die Rückschläge von Williams gut eingestellt war und auch starke Returns der Amerikanerin immer wieder zurück ins Feld brachte. Je länger der Ballwechsel wurde, desto größer waren die Chancen von Kerber auf den Punktgewinn.

Williams' Netzschwäche

Williams, eigentlich eine erfolgreiche Doppelspielerin (zu ihren 21 Major-Titeln im Einzel gesellen sich 13 im Doppel), zeigte sich an diesem Tag am Netz schwach. Williams kam 32 Mal nach vorne, machte dann aber nur 15 Mal den Punkt und leistete sich dabei einige skurrile Volley-Fehler. Kerber agierte hier aber clever und spielte immer wieder Bälle, die sich kurz hinter dem Netz senkten. Für jemanden, der sich in diesem Punkt verunsichert zeigt, ist ein tiefer Volley alles andere als einfach.

Fazit

Kerber war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Leistung der Deutschen ist nicht hoch genug einzuschätzen. In ihrem ersten Grand-Slam-Finale agierte sie nicht nervös, sondern ausgesprochen klug, diszipliniert und kampfstark. Die Schwächen ihrer Gegnerin, die nicht ihr bestes Tennis zeigte, nutzte die Premieren-Finalistin gnadenlos aus. In ihrem allerersten Match in Melbourne hatte Kerber gegen die Japanerin Misaki Doi noch einen Matchball abwehren müssen. Gegen Williams verwandelte sie selbst ihren allerersten. Ab Montag wird sie in der Weltrangliste als Nummer zwei der Welt hinter Williams geführt. Am Samstag aber war sie der Branchenführerin eine Nasenlänge voraus.

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(areh)
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