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Davis Cup
Keiner will für Deutschland spielen

Zverev scheitert an Außenseiter Evans
Zverev scheitert an Außenseiter Evans FOTO: ap, DC
New York. Das deutsche Davis-Cup-Team kämpft gegen den Abstieg aus der Weltgruppe, doch Teamchef Michael Kohlmann weiß kaum, wen er aufstellen soll.

Hartford 1987: Boris Becker gegen John McEnroe. Göteborg 1988: Carl-Uwe Steeb gegen Mats Wilander. Moskau 1995: Michael Stich gegen Andrej Tschesnokow. Drei Davis-Cup-Partien, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der deutschen Sportfans eingegraben haben. Keine einfachen Tennisspiele. Schlachten, Wunder, Dramen. Millionen Fans, gefesselt vor ihren Fernsehern. Lang, lang ist's her.

In der grauen Gegenwart weiß Bundestrainer Michael Kohlmann zwei Wochen vor dem ersten Einzel der Relegation (16. bis 18. September) gegen Polen nicht einmal, auf wen er in Berlin bauen kann. Der Kreis der Kandidaten ist durch Verletzungen und Absagen derart eingeengt, dass mit einem Rumpfteam der erste Abstieg aus der Weltgruppe seit 13 Jahren droht. Kohlmann klang angeschlagen, als er am Rande der US Open sagte: "Diese Partie zeigt vielleicht, was einige Spieler vom Davis Cup halten."

"Wir haben mehrmals gesprochen"

Alexander Zverev zum Beispiel. Der Jungstar hatte noch vor seinem Debüt im März in Hannover gegen Tschechien (2:3) verlauten lassen: "Es war immer mein großes Ziel, im Davis Cup für Deutschland zu spielen." Heute ist ihm der Wechsel auf Sand innerhalb der Hardcourt-Saison zu beschwerlich, der Terminplan zu eng. Offen zugeben wollte er dies in New York jedoch nicht, stattdessen verbreitete Zverev die Mär, dass ihn noch niemand gefragt habe. Das wiederum konnte Kohlmann nicht stehen lassen. "Ich würde lügen, wenn ich das bestätigen würde. Wir haben mehrmals gesprochen", sagte er.

Doch Zverev ist längst nicht der einzige Spieler, auf den der Teamchef verzichten muss. Auch Zverevs älterer Bruder Mischa sagte mit dem Hinweis ab, er wolle es erst zurück unter die Top 100 schaffen. Verärgert ist Kohlmann über Dustin Browns Verzicht, der "andere Ziele" verfolge und sich zudem nach seiner Knöchelverletzung nicht fit für Matches über drei Gewinnsätze fühle. "Er will in die Top 60 und keine Challenger mehr spielen. In der Davis-Cup-Woche geht er aber bei einem Turnier in Stettin an den Start. Das lasse ich jetzt einmal unkommentiert", sagte Kohlmann.

Brown wehrt sich

Nun wehrte sich Brown: "Jeder weiß, dass ich mich bei den Olympischen Spielen in Rio verletzt habe", schrieb er bei Twitter: "Unter diesen Umständen glaube ich, dass ich nicht ins Team gehöre und andere Spieler, die zu 100 Prozent fit sind, spielen sollen." Bei den US Open war Brown im Einzel über drei Gewinnsätze und auch im anschließenden Doppel in der ersten Runde ausgeschieden.

Kohlmanns Hoffnung ruht nun auf Florian Mayer (Bayreuth), Jan-Lennard Struff (Warstein) - und einer Wunderheilung von Spitzenspieler Philipp Kohlschreiber (Augsburg). Mit seinem Start in New York trotz einer noch nicht ausgeheilten Stressfraktur im rechten Fuß hat Kohlschreiber sich und seinem Team keinen Gefallen getan. "Wenn er überhaupt ein Match bestreiten kann, würde ich mich freuen", sagte Kohlmann.

Der frühere Doppelspezialist ist frustriert, weil es für ihn selbst kaum etwas Größeres gab, als für sein Heimatland anzutreten. "Für mich war der Davis Cup immer etwas ganz Besonderes, da gab es nie eine Diskussion. Da müssen wir wieder hinkommen", sagte Kohlmann. Er selbst war und ist ein Teamplayer. Einige seiner Spieler - allen voran Alexander Zverev - sind Einzelunternehmer, die den Wert der Emotionen, die der Davis Cup nicht nur bei den legendären Partien in Hartford, Göteborg und Moskau hervorgerufen hat, nicht zu schätzen wissen.

(sid)
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