| 12.57 Uhr

Nadal und Federer wieder ganz oben
Wer hat an der Uhr gedreht?

Fotos: Nadal posiert vor dem Eiffelturm
Fotos: Nadal posiert vor dem Eiffelturm FOTO: afp
Düsseldorf. Rafael Nadal präsentiert sich bei den French Open wie zu seinen besten Zeiten. Auch in Wimbledon trauen ihm nun einige den Titel zu. Favorit ist dort aber ein anderer, den viele schon abgeschrieben hatten. Von Antje Rehse

Wenn es um Tennis geht, weiß Roger Federer, wovon er spricht. Das bewies der Schweizer zuletzt wieder einmal. Nachdem er im Finale von Miami Anfang April seinen langjährigen Angstgegner Rafael Nadal schon zum dritten Mal in dieser Saison besiegt hatte, fand Federer aufmunternde Worte für den Spanier. "Jetzt steht ja die Sandplatzsaison an, ich bin mir sicher, da wirst du alles auseinandernehmen."

Federer sollte Recht behalten. Natürlich. Gut zwei Monate nach dem Finale in Miami hat sich Nadal einen weiteren Eintrag in die Geschichtsbücher gesichert. Zum zehnten Mal gewann Nadal die French Open, noch nie zuvor hatte ein Spieler bei einem einzigen Grand-Slam-Turnier so häufig triumphiert. Zuvor hatte sich Nadal schon die Titel in Monte Carlo, Barcelona (ebenfalls beide zum zehnten Mal) und Madrid gesichert. Lediglich in Rom reichte es nicht zum Sieg.

Pressestimmen: "Nadal, der Außerirdische" FOTO: ap, PDJ

Beeindruckend war vor allem die Art und Weise, in der sich Nadal im Stade Roland Garros zu seinem historischen Triumph spielte. Der 31-Jährige gab keinen einzigen Satz ab, keiner seiner Gegner hatte auch nur ansatzweise eine Chance gegen den Sandplatzkönig. Nicht der als Kronprinz gehandelte Österreicher Dominic Thiem und auch nicht Finalgegner Stan Wawrinka aus der Schweiz, der das Turnier vor zwei Jahren gewonnen hatte. Nadals fast fehlerloses Spiel mit langen, druckvollen Grundschlägen, einer leichtfüßigen Beinarbeit, taktischer Abgeklärtheit und fast schon perfiden Winkeln erinnerte an den Nadal aus seinen besten Tagen, der zum Beispiel Federer im Finale 2008 die vielleicht demütigendste Niederlage der Karriere zugefügt hatte. Der Grand-Slam-Rekordchampion holte damals gegen Nadal lediglich vier Spiele, wenige Wochen später musste er sich in einem allerdings deutlich spannenderen Endspiel auch in Wimbledon geschlagen geben.

Ein Jahr für Tennis-Nostalgiker

Nadals Rückkehr auf den Thron hatte sich schon länger angedeutet. Seit Jahresbeginn agierte der Spanier im Vergleich zu seinen "Krisenjahren" – seit dem French-Open-Titel 2014 gewann er kein Major mehr – deutlich verbessert. Die Arbeit mit Carlos Moya, der im kommenden Jahr Nadals Onkel Toni als Trainer vollständig ablösen wird, trägt Früchte. Das zeigte sich schon bei den Australian Open, bei denen Nadal erst im Finale scheiterte, und auch auf den Hartplätzen in Indian Wells und Miami. Dort stand zwischen Nadal und dem Triumph jeweils ein anderer Spieler, den viele schon abgeschrieben hatten. Ein gewisser Roger Federer.

Das Jahr 2017 verläuft bisher ganz nach dem Geschmack der Tennis-Nostalgiker. Nadal und Federer, die gemeinsam die Tennis-Welt beherrschen? Das hatte es zuletzt 2010 gegeben, als Nadal das Jahr als Nummer eins vor Federer abschloss. Danach drangen Novak Djokovic und später Andy Murray immer mehr in die Phalanx der zwei lebenden Tennis-Legenden ein. Doch plötzlich sind Nadal und Federer wieder das Maß aller Dinge.

Zwei Statistiken veranschaulichen die Dominanz der beiden. Im "Race to London", der Weltrangliste, in der nur die Punkte seit Jahresbeginn gezählt werden, führt Nadal vor Federer. Und bei den großen Events, also den Grand-Slam- und Masters-Turnieren, machten die beiden die Titel fast ausschließlich unter sich aus aus. Federer gewann alle großen Hartplatzturniere und nahm sich dann während der kompletten Sandplatzsaison frei. Auf der roten Asche übernahm Nadal das Zepter. Nur in Rom schaffte es der Hamburger Alexander Zverev, die Dominanz zu brechen und sicherte sich überraschend den Titel. Nadal hatte im Viertelfinale gegen Thiem verloren. "Dass wir beide gut spielen können, das wissen wir, aber dass es noch gegen die Besten reicht, hätten wir vielleicht auch nicht mehr ganz gedacht", sagte Federer dem "SWR" am Rande des Mercedes Cups in Stuttgart. 

Die besten Tennisspieler aller Zeiten FOTO: AP

Nun geht es auf Rasen in die nächste Runde. Federer, dessen Rückkehr zu großer Form nach dem Comeback im Januar vor allem mit einer Verbesserung seiner Rückhand zu erklären ist, kehrt nach einer gut zweimonatigen Pause zurück auf die Tour und gilt bei den Buchmachern als Favorit auf den Wimbledon-Titel. Doch auch Nadal werden Chancen auf dem heiligen Rasen ausgerechnet. Denn immer, wenn er die French Open ohne Satzverlust gewann, siegte er danach auch in Wimbledon.

Doch bleibt 2017 weiter das Jahr von "Fedal", wie die Fans die befreundeten Konkurrenten nennen? Oder melden sich Murray und Djokovic in der zweiten Jahreshälfte zurück? Murray zeigte sich nach einem enttäuschenden Saisonbeginn in Paris deutlich verbessert, verlor erst im Halbfinale in einem packenden Match gegen Wawrinka. Mit dem Titelverteidiger wird in Wimbledon definitiv zu rechnen sein. Deutlich größere Fragezeichen stehen hinter Djokovic. Der Serbe lässt zwar immer wieder mal sein Können aufblitzen, doch in Paris verabschiedete er sich nach einer erschreckenden Vorstellung im Viertelfinale gegen Thiem. Traurig sei es, ihn so zu sehen, sagte sein ehemaliger Coach Boris Becker. Djokovic selbst schloss eine Tennis-Pause nicht aus.

Nadal stapelte nach seinem Sieg bei den French Open hinsichtlich seiner Chancen auf Rasen tief. Er müsse erst einmal sehen, wie sein Körper und die geschundenen Knie auf den Belagwechsel reagieren, sagte Nadal in Paris. Federer formuliert seine Ziele deutlich forscher. "Wimbledon muss mein größtes Ziel sein", sagte Federer schon vor dem Beginn der Sandplatzsaison, die er dann komplett ausließ, um sich auf den großen Traum vom achten Titel im "All England Lawn Tennis and Croquet Club" zu konzentrieren. Der 35-Jährige startet schon in dieser Woche in seine liebste Zeit des Jahres. In Stuttgart soll die Mission achter Wimbledon-Titel ihren Anfang nehmen.

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Rafael Nadal und Roger Federer: Wer hat an der Uhr gedreht?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.