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Angelique Kerber im Interview
"Ich muss niemandem etwas beweisen"

Interview mit Angelique Kerber: "Ich muss niemandem etwas beweisen"
Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber mit RP-Redakteur Gianni Costa. FOTO: Gianni Costa
Leipzig . Nach ihrem ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier steht die 28-Jährige plötzlich unter Dauerbeobachtung. Ein Gespräch über Erwartungen, mentale Belastungen, den Glauben an sich selbst und den festen Willen, sich nicht verbiegen zu lassen. Von Gianni Costa

Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber und Andrea Petkovic bestreiten im Erstrundenspiel des Fed Cups gegen die Schweiz die Einzel. Teamchefin Barbara Rittner nominierte die beiden für die Partien (am Samstag ab 13 Uhr/Sat.1). Petkovic erhielt den Vorzug vor Annika Beck und Anna-Lena Friedsam. Im ersten Spiel in der Leipziger Messehalle stehen sich Petkovic und Belinda Bencic gegenüber. Danach trifft Kerber auf Timea Bacsinszky. Für das Doppel morgen sind Anna-Lena Grönefeld und Beck vorgesehen. Nach der Auslosung nahm sich Angelique Kerber trotz engem Zeitplan für unsere Redaktion noch Zeit für ein Gespräch.

Frau Kerber, Sie galten lange als eine Sportlerin, die nicht immer mit größter Zuversicht an ihr Tagwerk gegangen ist. Gibt es für Sie nach Ihrem ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier in Melbourne derzeit nur noch volle Gläser?

Kerber Das trifft meine Stimmungslage ziemlich gut. Das sind momentan so positive Emotionen, dass ein Glas nicht groß genug sein kann.

Das war nicht immer in Ihrer Karriere so, oder?

Kerber Stimmt. Es gab viele Momente, wo das Glas sogar sehr halb leer war. Ich habe wirklich schwierige Zeiten hinter mir, nun lebe ich meinen Traum. Und das fühlt sich wirklich sehr gut an.

Sie zählen ohnehin schon seit langem zu den konditionell stärksten Spielerinnen auf der Tour. Wie viel Selbstbewusstsein gibt es Ihnen, dass Sie nun auch mental standgehalten haben?

Kerber Das war ein enormer Schritt. In der Weltspitze machen viele Kleinigkeiten den Unterschied aus. Nur wenn man die alle auf den Punkt abrufen kann, hat man eine Chance. Ich habe in Australien viel gelernt. Ich halte mich jetzt gewiss nicht für unbezwingbar, aber ich bin mir meiner Stärken bewusst. Gegen eine Victoria Azarenka hatte ich vor meinem Erfolg im Viertelfinale zum Beispiel sechs Mal hintereinander verloren. Was heißt das schon? Es gibt immer eine Chance. Diesmal war ich dran. Das war ein Knackpunkt in meiner Karriere.

Sie sind die erste Deutsche nach dem Erfolg von Steffi Graf bei den French Open 1999, die eines der vier großen Tennisturniere gewinnen konnte. Wie groß ist die Bürde?

Kerber Gar nicht groß. Ich bin einfach nur wahnsinnig stolz. Es ist eine Erleichterung. Ich stehe jetzt seit vier Jahren in den Top-10. Natürlich kam oft die Frage, wann der nächste Schritt folgen würde. Ich habe die Antwort jetzt gegeben. Es macht mir unwahrscheinlich viel Spaß, Tennis zu spielen.

Trotz Ihrer sportlichen Erfolge haben andere deutsche Spielerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Beachtung bekommen. Hat Sie das geärgert?

Kerber Andere mögen im Fokus gestanden haben, wegen vieler Sachen. Das möchte ich nicht bewerten. Ich brauche niemandem mehr etwas zu beweisen. Ich gehe weiter meinen Weg und werde mich auch jetzt nicht verbiegen.

Derzeit zerren alle munter an Ihnen. Haben Sie noch einen Überblick, in welche "Goldenen Bücher" Sie sich alles eintragen sollen?

Kerber (lacht) Das ist gerade tatsächlich ziemlich viel Wirbel. Ich versuche allen gerecht zu werden. Auch wenn das nicht gelingen wird.

Mit Ihrem Namen werden jetzt auch große Schlagzeilen gemacht, und dabei werden einige alte Geschichten herausgekramt. Zum Beispiel die Frage, ob Sie sich mehr mit Deutschland oder Polen identifizieren würden, dem Land, aus dem Ihre Eltern stammen. Ärgert Sie so etwas?

Kerber Es ist einfach amüsant. Bei mir sind derzeit einige Dinge ein Thema. Das ist in gewisser Weise sogar ein gutes Gefühl, weil es doch zeigt, dass Tennis wieder im Mittelpunkt steht und die Leute darüber reden. Es ist alles noch in einem erträglichen Rahmen. Vor meinem Erfolg in Melbourne war ich für viele vermutlich einfach nicht so interessant. Ich versuche das, was auf mich zukommt, richtig einzuordnen.

Um die dauerhafte Erdung sicherzustellen, soll ein gutes Umfeld von Vorteil sein. Welche Rolle spielt der Düsseldorfer Sportmediziner Ulf Blecker dabei?

Kerber Ulf hat mich meine komplette Karriere über begleitet. Er ist ein unfassbar wichtiger Mensch für mich. Er weiß ganz genau, wie ich ticke. Er hat mich auch in meinen schwierigen Zeiten immer unterstützt. Das war für mich überhaupt nicht selbstverständlich. Es ist toll, so einen Rückhalt zu haben. Das werde ich ihm nie vergessen.

Blecker ist Teamarzt von Fußball-Zweitligist Fortuna und vom Eishockey-Klub Düsseldorfer EG. Schon mal mit ihm im Stadion gewesen?

Kerber Ja, und das hat total Spaß gemacht. Wenn es irgendwie in meinen Terminplan passt, würde ich das sehr gerne wiederholen.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Kerber Nach dem Fed-Cup-Wochenende reise ich für ein paar Tage nach Kiel und versuche wenigstens etwas runterzukommen. In der übernächsten Woche geht es aber schon weiter nach Dubai. Es gibt also nicht wirklich viel Zeit, um das alles mal etwas sacken zu lassen.

Quelle: RP
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