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Niederlage gegen Kerber
Die "Wahnsinnswoche" der Laura Siegemund endet erst im Finale

Laura Siegemund: Märchen endet erst im Finale gegen Angelique Kerber
Laura Siegemund konnte trotz der Niederlage im Finale lächeln. FOTO: dpa, mut nic
Stuttgart. Im Teenageralter galt Laura Siegemund als zweite Steffi Graf, beendete dann ihre Karriere - und sorgt jetzt mit 28 Jahren als Psychologin für Furore. Im Finale von Stuttgart unterlag sie zwar Angelique Kerber, kündigte danach aber an: "Das ist noch nicht das Ende."

Wenn es auf dem Platz brenzlig wird, dann greift Laura Siegemund auf ihre in Gedanken abgespeicherte Playlist von Liedern zurück. Musik als Therapie sozusagen. "Das hilft mir, um den Kopf auszuschalten. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht laut vor mich her singe", berichtete die Überraschungs-Finalistin von Stuttgart über ihre Erfolgsstrategie.

Davon hat die Weltranglisten-71. noch andere in petto. Was sicher auch daran liegt, dass Siegemund (28) seit ein paar Monaten Psychologin ist. Ihre Bachelor-Arbeit schrieb die forsche Schwäbin, die im Teenageralter als neue Steffi Graf galt, aber an den Erwartungen zerbrach, zum Thema "Versagen unter Druck". Ihre Note: 1,3.

Siegemund trotz Niederlage im Finale "happy"

Ausgerechnet beim Heimspiel in Stuttgart hat Siegemund jetzt ihre praktische Reifeprüfung abgelegt, auch wenn ihr durch das 4:6, 0:6 im deutschen Duell gegen Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber (Kiel) der krönende Abschluss (noch) nicht glückte. Doch die Psycholgin war nach einer "Wahnsinnswoche" trotzdem happy: "Ich habe noch nie so viele Emotionen auf dem Platz gespürt wie in diesen Tagen", sagte Siegemund und kündigte an: "Das ist noch nicht das Ende der langen Reise."

Nach einem 0:3-Fehlstart im ersten Satz gegen Siegemund agierte Kerber aggressiver und wurde ihrer Favoritenrolle vor 4600 Zuschauern in der ausverkauften Arena gerecht. Im ersten Durchgang gelang "Angie" das Break zum 5:4, nach 40 Minuten ermöglichte ihr Siegemund mit einem Fehler den Satzgewinn.

Kerber feiert ihre Titelverteidigung in Stuttgart FOTO: afp, tk/

Danach merkte man der Außenseiterin die jüngsten Strapazen aber an. Siegemund, die im Duell mit Kerber 14 der ersten 18 Punkte gewann, blieb damit die Krönung ihres Siegeszuges verwehrt. "Ich hatte keinen Tag Pause und keine Zeit zum Genießen. Die werde ich mir jetzt nehmen", kündigte sie an. "Es ist genau das passiert, was ich befürchtet hatte: Dass der liebe Gott den Stecker zieht."

Die einst Hochbegabte hat über Umwege ihr spätes Glück gefunden, nachdem sie ihre Karriere zwischendurch aus Frust eigentlich schon beendet hatte. Unvorstellbar eigentlich, wenn man Siegemund in diesen Tagen spielen sieht. Als Qualifikantin zauberte sich die Modellathletin mit den lustigen Zöpfchen sensationell ins Finale des mit 759.000 Dollar dotieren Sandplatzturniers - und das unter anderem mit zuvor Zweisatzsiegen gegen drei Top-Ten-Spielerinnen binnen drei Tagen.

Im Halbfinale musste die topgesetzte Weltranglistenzweite Agnieszka Radwanska (Polen) dran glauben. Zuvor hatte Siegemund US-Open-Finalistin Roberta Vinci (Italien/WTA-Nr. 8) sowie Simona Halep (Rumänien/WTA-Nr. 6) ausgeschaltet. Vinci meinte nachher, Siegemunds Spielstil sei "strange". Was durchaus als Kompliment gemeint war.

Die Zuschauer jedenfalls lieben ihre flinke Laura aus Metzingen, die äußerst variabel, ja spektakulär agiert und oft den Weg ans Netz sucht. "Ich versuche immer, alles flott zu machen. Ich bin halt so ein aufgepumpter Typ", meinte die extrovertierte Siegemund, die auf eine offensive Körpersprache setzt. Gelungene Schläge kommentiert sie nicht selten mit einem spitzen "Ja".

Vielleicht auch wieder eine dieser Strategien, um die Gegnerin einzuschüchtern. Siegemund jedenfalls scheint im reifen Tennis-Alter endlich angekommen zu sein. Über ihre erste Laufbahn spricht sie ernst, aber keineswegs verbittert. "Ich war talentiert, aber habe mich früher zu sehr unter Druck gesetzt. Ich war irgendwie blockiert, weil ich die Siege zu arg wollte", meinte die Spätzünderin.

Sie weiß, dass nicht nur harte Arbeit entscheidend ist. "Ein Champion", sagte Siegemund, "ist einer, der alles hat. Es gehört so vieles dazu: Das Mentale, die Ernährung".

Siegemund kam mit den Erwartungen nicht klar

Als Zwölfjährige hatte sie das bedeutendste Nachwuchsturnier in Miami (Orange Bowl) gewonnen. Es war die Zeit, in der sich Tennis-Deutschland nach dem Rücktritt von Steffi Graf nach einer Nachfolgerin. Siegemund konnte die Erwartungen nicht erfüllen.

Vor vier Jahren dann beendete sie zunächst ihr Profidasein, begann ein Studium und machte ihren A-Trainerschein. "Es gibt noch so viele interessante Dinge außerhalb des Platzes. Durch die Auszeit habe ich neue Perspektiven bekommen", erzählte die Schwäbin, die in Wimbledon 2015 erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers stand.

Doch irgendwie "stolperte" Siegemund wieder zurück auf die Tour. Und in stillen Momenten nimmt die 28-Jährige - ganz Psychologin eben - einfach die Vogelperspektive ein. "Dann sehe ich mich auf dem Court und denke: 'Da wollte ich immer hin'".

(areh/sid)
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