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Lieber Pokémon Go und Basketball
Nick Kyrgios – der Tennis-Star, der keiner sein will

Nick Kyrgios: Der Tennis-Star, der keiner sein will
Nick Kyrgios legte in Toronto einen lustlosen Auftritt hin. FOTO: afp, VR
Toronto/Düsseldorf. Nick Kyrgios gilt als größtes Talent des australischen Tennis. Als er 19 war, schlug er Rafael Nadal, mit 20 musste Roger Federer dran glauben. Doch eigentlich hat Kyrgios gar keine Lust auf den Sport. Und steht sich damit selbst im Weg. Von Antje Rehse

"Wie gut ist bitte Pokémon Go. Ehrlich gesagt hab ich das zuletzt mehr gespielt, als Tennis." Oder: "Ich finde es aufregender (bei Pokémon Go) ein Ei auszubrüten, als einen Breakball zu verwandeln." Die scherzhaft gemeinten Tweets, die Kyrgios vor seinem ersten Match beim Turnier in Toronto absetzte, flogen ihm wenige Tage später um die Ohren. Denn sie umschreiben perfekt die Misere, in der der 21-jährige Australier sich befindet.

Nick Kyrgios ist ein sehr guter Tennisspieler mit einem krachenden Aufschlag und druckvollen Grundschlägen. Er ist der jüngste Profi in den Top 20, hat in diesem Jahr seinen ersten Titel auf der ATP-Tour gewonnen. Mit 19 machte er erstmals auf sich aufmerksam, als er in Wimbledon völlig überraschend Rafael Nadal schlug. Im vergangenen Jahr in Madrid besiegte er auf Sand Roger Federer. Doch viele Experten zweifeln mittlerweile, ob Kyrgios je sein ganzes Potenzial ausschöpfen wird. Denn der neue "Bad Boy" des Tennis scheint so gar keine Lust auf seinen Sport zu haben – und lässt Fans und Journalisten das auch immer wieder wissen.

Spiel: Pokémon Go - Alles was man wissen muss FOTO: Marcel Salven

Eigentlich würde er viel lieber Basketball spielen, hat Kyrgios schon mehrfach in Interviews gesagt. "Ehrlicherweise mag ich Tennis nicht besonders." Während seines Matches in Toronto gegen den erst 17 Jahre alten Lokalmatador Denis Shapovalov war zu hören, wie Kyrgios erst murmelte "Ich möchte nicht hier sein" und dann in Richtung seines Teams sagte "Ich weiß nicht, was mit euch ist, aber ich fahre nach Hause." Stuhlschiedsrichter Mohamed Lahyani musste Kyrgios sogar ermahnen, sich zusammenzureißen. Denn deutlich ersichtliches Abschenken wird im Tennis mit einem Bußgeld bestraft. Doch es half alles nichts. Kyrgios verlor gegen seinen jungen Gegner, der erst sein zweites Match auf der ATP-Tour bestritt, mit 6:7, 6:3, 3:6. Dabei servierte der eigentlich so aufschlagstarke Australier 18 Doppelfehler und gab sich betont lustlos.

Durch den peinlichen Auftritt nach dem Pokémon-Go-Tweet provozierte Kyrgios eine Welle des Spotts. "Es würde mich nicht überraschen, wenn Kyrgios beim Matchball den Ballwechsel unterbricht, um ein Pokémon zu fangen", twitterte ein Tennis-Fan. Manche User und Medien unterstellten ihm, süchtig nach dem Handy-Spiel zu sein. In einem Tennis-Forum wurde sogar spekuliert, ob Kyrgios nur nach Toronto gereist sei, um dort das Pokémon Tauros zu fangen, das nur in Nordamerika zu bekommen ist.

Sportfans sind gnadenlos, wenn es mal nicht läuft. Doch Kyrgios hat sich die Häme selbst zuzuschreiben. Im vergangegen Jahr beleidigte er in Montreal während eines Matches den Schweizer Stan Wawrinka und dessen Freundin, in dem er ihr – deutlich über die Außenmikrofone hörbar – eine Affäre mit seinem Landsmann Thanasi Kokkinakis nachsagte. Und natürlich kokettiert der 21-Jährige bewusst mit seiner mangelnden Einstellung. "Ich bin so talentiert, es geht auch ohne viel Training." So könnte man seine immer wieder zur Schau gestellte Unlust wohl auch deuten. Nach der Niederlage gegen Shapovalov beschwerte Kyrgios sich darüber, dass die Kanadier von ihren Fans viel mehr Unterstützung erhalten, als Australier. Während der Australien Open hatten die Fans Kyrgios aber auch in diesem Jahr lautstark angefeuert. 

Einige Experten meinen aber auch, dass Kyrgios dem Druck, die neue australische Tennis-Hoffnung zu sein, nicht gewachsen ist. Nicht jeder ist für ein Leben im Rampenlicht gemacht. Und auf dem Tennisplatz sind die Scheinwerfer manchmal besonders erbarmungslos, weil man sich ganz alleine aus Krisensituationen befreien muss und nicht auf die Hilfe von Teamkollegen zählen kann.

Kyrgios muss sich darüber klar werden, ob er es im Tennis wirklich weit bringen möchte. Die Anlagen dazu hat er. Und dem Tennissport, dem in absehbarer Zukunft der Abschied von Superstars wie Federer und Nadal droht, würde ein Typ wie Kyrgios, der mit seinem unorthodoxen Spiel durchaus Showman-Qualitäten hat, gut tun. Ein Kyrgios, der nur mit halbem Herzen dabei ist, wird auf die Dauer aber keine Bereicherung sein.

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