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Analyse des deutschen Tennis
Stagnation auf niedrigem Niveau

Tennis-Analyse: Stagnation auf niedrigem Niveau
Michael Stich sorgt sich um das deutsche Herrentennis. FOTO: dpa, dan nic
Düsseldorf. Der letzte Erfolg eines deutschen Tennisspielers bei einem der vier Grand-Slam-Turniere liegt lange zurück. Boris Becker gewann 1996 die Australian Open. Von den Nachfolgern war keiner konstant genug. Hoffnungsträger ist nun der 18 Jahre alte Alexander Zverev. Von Gianni Costa

Die Phase, in der man sich Sorgen um das deutsche Herrentennis machte, ist schon eine ganze Weile vorbei. Man muss mit einer Mischung aus Ernüchterung und Resignation feststellen, dass es auch mittelfristig keine allzu großen Hoffnungen auf eine Besserung gibt. "Als ob man in den vergangenen 15 Jahren eine chronische Grippe hatte", diagnostiziert Michael Stich im Gespräch mit dieser Zeitung. "Es ist speziell ums deutsche Herrentennis nicht besonders gut bestellt. Aber das ist ja jetzt auch keine ganz so exklusive Erkenntnis."

Der 46-Jährige steht für die große Zeit der Sportart hierzulande - wenngleich der Schatten von Boris Becker sehr groß war. Dieses Schicksal erlebten auch nachfolgende Generationen immer wieder. Rainer Schüttler, Marc-Kevin Goellner, Thomas Haas und Nicolas Kiefer - sie alle wurden zuallererst auf ihren Boris-Becker-Faktor abgeklopft. Damit waren freilich ausschließlich die sportlichen Fähigkeiten des gebürtigen Leimeners auf dem Platz gemeint. Doch keiner war so willenstark, so ehrgeizig, so verrückt wie Becker, um dauerhaft zur Weltspitze zu gehören. So liegt der letzte Grand-Slam-Sieg eines Deutschen lange zurück: Becker schlug Michael Chang (USA) bei den Australian Open 1996 in vier Sätzen.

Am 29. Juni beginnt in Wimbledon das weltweit berühmteste Rasenturnier. Die Frage, ob es ein Deutscher gewinnen könnte, stellt sich nicht. Vielmehr muss man befürchten, dass keiner die dritte Runde übersteht.

Tommy Haas, mit 36 immer noch auf der Tour dabei, weiß noch nicht, ob er im Londoner Stadtteil starten wird. In Halle/Westfalen ist er in der ersten Runde rausgeflogen. Die Art und Weise seines Auftretens hat ihm immerhin Mut auf ein würdevolles Ende der Karriere gemacht. Vier Schulter-, eine Hüft- und eine Ellbogen-Operation - bislang hat er sich stets zurückgequält, auch wenn es Monate dauerte. Haas fand dank seines Willens und seines Talents immer Anschluss an die Weltspitze. Der Weg zurück ist derzeit besonders weit. Nach 378 Tagen Wettkampfpause steht er in der Weltrangliste nur noch auf Position 849. Für ihn sei es wichtig, sagt er, "mental stark und hungrig zu bleiben".

Eigenschaften, die man vielen anderen Spielern der aktuellen deutschen Tennisgeneration so nicht attestieren kann. Sie sind mit wenig schon sehr zufrieden. Für den Tennisstandort Deutschland ist es natürlich bitter, keine adäquaten Botschafter zu haben, die mit Erfolgen für neuen Schwung sorgen könnten. Philipp Kohlschreiber (Nr. 31 der Weltrangliste), Benjamin Becker (Nr. 43) und Florian Mayer (Nr. 487) haben es jedenfalls nicht vermocht. Alle sind sie über 30. Es wird also bald einen Generationenwechsel geben. Bislang hat nur ein Talent nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Der 18-jährige Alexander Zverev (Nr. 81) gewann 2014 immerhin das Nachwuchsturnier bei den Australian Open.

Michael Stich hatte sich darum bemüht, Einfluss im Deutschen Tennis Bund (DTB) zu bekommen. Doch sein Ansinnen, Präsident zu werden, fand keine Mehrheit. So zog er seine Bereitschaft zurück, bevor es zu einer Kandidatur kam. Ein erneuter Anlauf ist nicht geplant. Ulrich Klaus wurde ja auch gerade erst gewählt. Und so sagt der Sport-Politiker Stich: "Aktuell ist das kein Thema. Auch nicht morgen und übermorgen. Jetzt gebietet es die Fairness, dem gewählten Präsidium die Chance zu geben, seine Vorstellungen umzusetzen. Ich habe meine Vorstellungen." Fraglich, ob er die Chance bekommen wird, sie umzusetzen. Der DTB steht nicht für großen Reformwillen.

Stich ist indes auch so ausreichend ausgelastet. Mit seiner Stiftung kümmert er sich um HIV-infizierte und -betroffene Kinder. Dazu wird er vermutlich Botschafter für die Olympia-Bewerbung von Hamburg für 2024, und er greift gelegentlich auch noch selbst zum Tennis-Schläger - morgen und am Samstag zum Beispiel bei einem Wohltätigkeitsturnier (DRK-Charity-Cup) im Düsseldorfer Rochusclub. Stich hat auf eine Gage verzichtet. Die Veranstalter, so seine Forderung, sollten lieber für seine Stiftung spenden.

Quelle: RP
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