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Ein Kreis schließt sich
2011 wollte Kerber alles hinschmeißen – dann kam New York

Angelique Kerber: Die Höhepunkte ihres Erfolgsjahres 2016
Angelique Kerber: Die Höhepunkte ihres Erfolgsjahres 2016 FOTO: ap, JJ PM FF
New York/Frankfurt . Bei den US Open schloss sich für Angelique Kerber nach vielen Höhen und Tiefen ein Kreis. Eigentlich wollte sie ihr Racket vor fünf Jahren schon an den Nagel hängen.

Der Kreis schloss sich an einem schwülen Spätsommerabend in New York. Passenderweise auf der größten aller Tennisbühnen. Unter den Blicken etlicher Hollywoodstars vom Kaliber einer Hillary Swank - und dem gleißenden Flutlicht im Stadtteil Queens.

Als die neue Tennis-Königin Angelique Kerber die US-Open-Trophäe in den Himmel stemmte, knallten auch im polnischen Puszczykowo bei Oma Maria und Opa Janusz die Sektkorken. Die rüstige Großmutter wird sich in diesem berührenden Moment sicher an einen Tag im Sommer 2011 erinnert haben, als ihre Angie völlig verzweifelt bei ihr in der Küche saß und nach acht Jahren auf der Profitour mit dem Tennisspielen aufhören wollte.

Elf Auftaktniederlagen in der ersten Saisonhälfte 2011 hatten die damals auf Platz 100 stehende Kerber die Sinnfrage stellen lassen. "Es gab damals zwei Möglichkeiten", erinnert sie sich: "Alles hinzuschmeißen und vielleicht eine Ausbildung als Physiotherapeutin zu beginnen - oder neu anzufangen und nochmal alles zu versuchen."

Und Dickkopf Kerber entschied sich nach gutem Zureden von Mutter Beata und Oma Maria für einen letzten Versuch, ihren Kindheitstraum doch noch wahr werden zu lassen. "Schon als 15-Jährige hat Angie im Leistungstraining auf einem Bogen ausgefüllt, dass es ihr Ziel ist, die Nummer eins zu werden - es war ganz klar definiert, ohne Wenn und Aber", berichtete Bundestrainerin Barbara Rittner, die Kerber seit Jugendtagen kennt.

Schon damals war die introvertierte Kerber der heutigen Fed-Cup-Teamchefin aufgefallen: "Wir haben 25 Minuten mit nur einem Ball gespielt. Da hat sich schon die Solide gezeigt, die keinen Fehler macht und sich darüber freut", sagte Rittner schmunzelnd.

Der Durchbruch ließ auf sich warten

Doch der Durchbruch von Kerber, die nach der mittleren Reife von der Schule ging, ließ auf sich warten. Auch, weil sie trotz allen Talents körperlich nicht fit war. Dabei waren die Voraussetzungen ideal gewesen. Schon als Dreijährige zog sie mit ihrer Familie von Bremen nach Kiel - und wohnte fortan über einer Tennishalle, in der Vater Slawomir Training gab. Dennoch stand sie sich in ihrer ersten Karriere oft selbst im Weg, wie sie auch ohne Umschweife zugibt. Sie haderte, zauderte und machte ihrem Ruf als "Trotzkopf" alle Ehre: "Ich war irgendwie zerrissen."

Der märchenhafte Wandel zum Guten hat auch mit Kerbers guter Freundin Andrea Petkovic zu tun. Nachdem die Entscheidung für eine Fortsetzung der Karriere gefallen war, lotste "Petko" ihre Fed-Cup-Kollegin in die "Schüttler Waske Tennis-University" nach Offenbach. "Und auf der Rosenhöhe habe ich geschuftet wie noch nie zuvor in meinem Leben", sagt Kerber. Der Lohn kam postwendend. Direkt beim folgenden WTA-Turnier in Dallas/USA trotzte sie dank körperlicher Fitness den Temperaturen von 40 Grad und scheiterte als Qualifikantin erst im Halbfinale.

Nur zwei Wochen später begann mit den US Open 2011 und dem sensationellen Durchmarsch ins Halbfinale als Nummer 92 der Welt die fantastische Reise, die nun wiederum in New York mit den Zwischenstationen Australian-Open-Titel und Wimbledonfinale einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. "Es sollte wohl so sein, dass ich mit 28 Jahren mein bestes Tennis spiele und nicht schon mit 18", meinte die zweimalige Grand-Slam-Siegerin und neue Weltranglistenerste.

Kerber ist seit der magischen Nacht von Melbourne auch in ihrer Persönlichkeit gereift. "Sie hat unheimlich viel gelernt. Auch, mit sich selbst umzugehen und ihre Schwächen hinzunehmen", sagte Rittner. Abheben jedenfalls wird Angie nicht. Auch Mutter Beata ist eine beeindruckend bodenständige Frau ohne jegliche Allüren, die das Herz an der rechten Stelle trägt. Und wenn alle Stricke reißen, ist da ja immer noch die Küche von Oma Maria.

(sid)
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