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US Open in New York
Kerbers zweiter Anlauf auf den Tennis-Thron

Kerber marschiert gegen Kvitova ins Viertelfinale
Kerber marschiert gegen Kvitova ins Viertelfinale FOTO: ap, ah
New York/Düsseldorf. Vor gut zwei Wochen verpasste Angelique Kerber durch die Final-Niederlage in Cincinnati den Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Bei den US Open hat die Kielerin eine neue Chance, Serena Williams zu beerben. Von Eckhard Czekalla

Angelique Kerbers Gedanken gingen fünf Jahre zurück. "Es fühlt sich großartig an, hier bei diesem Turnier wieder im Viertelfinale zu stehen. Hier hat alles angefangen. Seitdem bin ich eine neue Tennisspielerin", sagte die 28-Jährige. Kurz zuvor hatte sie auch ihr viertes Spiel bei den US Open gewonnen. Mit 6:3, 7:5 setzte sich die deutsche Spitzenspielerin gegen die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova durch. Wie Polona Hercog (Slowenien), Mirjana Lucic-Baroni (Kroatien) und Catherine Bellis (USA) konnte auch die Tschechin keinen Satz für sich entscheiden.

Kerber hat vorgelegt. Serena Williams musste in der vergangenen Nacht nachziehen. Die US-Amerikanerin, bislang in New York ebenfalls ohne Satzverlust, traf in ihrem Achtelfinale auf die Kasachin Jaroslawa Schwedowa. Die bald 35-Jährige will ihren Platz auf dem Tennis-Thron verteidigen. Sie wäre dann 187 Wochen an der Spitze. Noch teilt sie sich mit Steffi Graf den ersten Platz in dieser Statistik. Kerber könnte dafür sorgen, dass es dabei bleibt und sich selbst zur Tennis-Königin krönen.

"Es ist noch ein langer Weg", sagte die Linkshänderin. Natürlich hat sie den Traum, die Nummer eins der Weltrangliste zu werden. Schon einmal stand sie ganz dicht davor. "Ich habe mein Bestes versucht, aber manchmal hast du Tage, an denen es nicht so gut funktioniert", sagte sie am 21. August. Ein Sieg im Finale von Cincinnati, und Kerber hätte den Thron erobert. Doch die Tschechin Karolina Pliskova war beim 3:6, 1:6 zu stark. Für die Deutsche war es innerhalb einer Woche die zweite bittere Niederlage. In Rio de Janeiro hatte sie den Kampf um die olympische Goldmedaille gegen Außenseiterin Monica Puig aus Puerto Rico verloren. Kerber hat gelernt, nicht zu weit nach vorn zu schauen. Im Viertelfinale wartet heute in Roberta Vinci eine unangenehme Gegnerin. Die Italienerin schaltete in New York bereits zwei deutsche Spielerinnen aus: Anna-Lena Friedsam zum Auftakt, Carina Witthöft in der dritten Runde.

Vor einem Jahr hatte Vinci, die nicht auf der 32 Namen umfassenden Setzliste auftauchte, im Halbfinale sensationell Serena Williams besiegt. Damals sprach fast jeder nur über deren große Chance, den Grand Slam zu schaffen. In Melbourne, Paris und Wimbledon hatte die US-Amerikanerin triumphiert - doch dann platzte der Traum. Vincis wundervolle Reise endete im Finale. Ihre Landsfrau Flavia Pennetta, damals 33 Jahre alt, beendete nach dem Triumph ihre Karriere.

Kerber wollte schon aufhören

Vor fünf Jahren scheiterte Kerber im Halbfinale an der Australierin Samantha Stosur. Die fünf Erfolge zuvor aber hatten der Kielerin den Glauben an sich zurückgegeben. Seit 2003 war sie als Profi unterwegs, doch der Durchbruch blieb zunächst aus. Mehr noch. Die vielen Misserfolge zermürbten. Kerber dachte an Aufgabe. Seit September 2011 geht es aufwärts. Erst langsam. 2015 hat der Kerber-Express dann mächtig Fahrt aufgenommen. Sechs Turniersiege, fünf Finalteilnahmen und der Sprung auf Platz zwei der Weltrangliste belegen den Aufschwung. "Es sollte wohl so sein, dass ich mit 28 mein bestes Tennis spiele und nicht schon mit 18. Ich habe vieles gelernt und mich weiterentwickelt", sagte sie in New York.

Angelique Kerber und Serena Williams sind in diesem Jahr die Hauptdarstellerinnen im Tenniszirkus. Das Finale der Australian Open gewann die Kielerin, die Ende 2012 ihren Hauptwohnsitz ins polnische Puszczykowo verlegte und dort regelmäßig im Tennis Centre Angie ihres Großvaters Janusz Rzeznik trainiert. In Wimbledon drehte Williams den Spieß um, doch im hochklassigen Finale war Kerber ebenbürtig. Immer näher kam sie der oft durch Krankheit und Verletzungen zurückgeworfenen Rivalin. Nur noch 190 Punkte waren es vor Beginn der US Open. Das große Ziel hat sie im Auge, doch der Respekt vor ihren Gegnerinnen ist groß. Sie weiß: Nur wer Topleistungen zeigt, behauptet sich.

Mit der großen Erwartung, als erste Deutsche seit Steffi Graf, die am 31. März 1997 von Martina Hingis (Schweiz) abgelöst wurde, die Nummer eins zu werden, kann sie umgehen. "Druck ist, wenn einem zu viele Gedanken im Kopf herumschwirren. Wenn man sich fragt: Was passiert, wenn...", erklärte Kerber. "Die Gedanken sind immer noch da. Druck kann man nicht abschalten. Ich versuche heute, anders zu denken. Das gelingt mir im Moment ganz gut." Die nächste Nagelprobe folgt nun gegen Vinci.

Quelle: RP
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