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Becker-Schützling gewinnt US Open
Warum Djokovic (fast) unbesiegbar ist

Fotos: Djokovic bekommt Siegerkuss von seiner Jelena
Fotos: Djokovic bekommt Siegerkuss von seiner Jelena FOTO: afp, mh
New York. Der Titel bei den US Open ist der dritte Grand-Slam-Triumph des Jahres für Novak Djokovic. Insgesamt hat der Serbe im Jahr 2015 erst fünf Matches verloren – vier davon in einem Finale. Lediglich im allersten Turnier des Jahres, wenn die Tennis-Profis sich nach der langen Pause noch ein wenig einspielen müssen, schaffte er es in Doha nicht ins Endspiel, sondern verlor im Viertelfinale gegen den Kroaten Ivo Karlovic. Von Antje Rehse

Die Weltrangliste führt er mit rund sechseinhalb tausend Punkten Vorsprung vor seinem Endspielgegner Roger Federer an. Zahlen der Dominanz. Doch was macht den 28-Jährigen so stark, dass er derzeit fast unbesiegbar erscheint? Eine Analyse.

Return

Djokovic gilt zusammen mit dem Schotten Andy Murray als derzeit bester Return-Spieler der Welt. Im Jahr 2015 gewann der "Djoker" 42 Prozent der Punkte als Rückschläger und holte 32 Prozent der Spiele, wenn sein Gegner Aufschlag hatte. Murrays Zahlen sind identisch. Federer dagegen kommt "nur" auf 40 Prozent der Punkte und 26 Prozent der Spiele. Stan Wawrinka, der als einziger Spieler in diesem Jahr Djokovic bei einem Grand Slam bezwingen konnte (im Finale der French Open), liegt bei einer Quote von 27 Prozent bei den Punkten und 21 Prozent bei den Spielen als Rückschläger.

Die Fähigkeit, den Aufschlag des Gegners zu lesen und den Rivalen somit immer wieder seiner größten Stärke zu berauben, ringt auch den Gegnern Respekt ab. "Alle sind sich darüber einig, dass Federer Talent hat. Aber bei Djokovic tun sich viele schwer, das zu sehen", sagt der Franzose Gilles Simon, derzeit die Nummer zehn der Welt. "Er hat keinen herausragenden Schlag, aber wenn du mit 275 km/h aufschlägst, trifft er den Return jedes Mal in der Mitte des Schlägers. Das ist ein unglaubliches Talent!"

Fotos: Djokovic präsentiert im Central Park stolz seinen Pokal FOTO: afp, TC/kb

Beinarbeit

Djokovics Spiel ist für viele nicht spektakulär, dafür ist es aber unglaublich effizient. Und das liegt auch an der starken Beinarbeit des Serben. Der extrem schlanke Djokovic ist leichtfüßig und bringt dank seiner großen Beweglichkeit, die ihm unter Tennisfans den Spitznamen "The Gymnast" eingebracht hat, noch unmöglich geglaubte Bälle zurück auf die andere Seite. Damit zwingt er seine Gegner dazu, immer wieder noch einen Schlag mehr zu machen. Das führt zu Fehlern – und zu Frust.

"Es scheint, dass nicht viele Jungs mit ihm mithalten können. Oder die Mittel haben oder sich trauen, nach vorn zu gehen oder Serve und Volley zu spielen", sagte Federer nach der Niederlage in New York. Als einziger Spieler hat es der Schweizer in diesem Jahr geschafft, Djokovic gleich zweimal zu bezwingen, verlor aber beide Matches bei einem Major. Vor den US Open hatte er auch im Wimbledon-Finale den Kürzeren gezogen.

Physis

Fotos: Djokovic umarmt Becker nach Finalsieg FOTO: dpa, msc

Zu Beginn seiner Karriere musste sich Djokovic immer wieder mit gesundheitlichen Problemen herumschlagen. Verletzungen, Krankheiten, Schwächen bei der Ausdauer. Mittlerweile sind diese passé. Laut Djokovic dank einer Ernährungsumstellung. 2010 stellte ein Ernährungswissenschaftler bei Djokovic eine Gluten-Unverträglichkeit fest. Seitdem ernährt er sich komplett glutenfrei. Auch auf Milchprodukte verzichtet er. "Ich war plötzlich leichter, schneller und klarer im Kopf", schreibt Djokovic in seinem Buch "Serve to win" über die Ernährungsumstellung.

Dass dem Tennis-Profi während eines Matches plötzlich die Puste ausgeht, ist seitdem nicht mehr vorgekommen. 2012 triumphierte er im Finale der Australian Open nach fünf Sätzen und fast sechs Stunden über "Dauerläufer" Rafael Nadal. Das bis dato längste Finale der Tennis-Geschichte.

Spiel ohne Schwächen

Die größte Stärke von Djokovic ist ohne Zweifel, dass er keine Schwäche hat. Dem herausragenden Return steht ein präziser und konstanter Aufschlag gegenüber. Djokovic gewann 2015 bislang 90 Prozent seiner Spiele als Aufschläger. Unter den Top-Ten-Spielern haben lediglich Federer mit 93 Prozent und der ausgemachte Aufschlagspezialist Milos Raonic (Kanada/94 Prozent) eine noch bessere Quote aufzuweisen. Raonic gewinnt dafür nur zwölf Prozent der Spiele als Returnspieler. Nochmal zur Erinnerung: Bei Djokovic sind es 32 Prozent.

Pressestimmen: "Djokovic siegt im Kampf der Titanen" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Von der Grundlinie leistet sich Djokovic kaum unerzwungene Fehler, ist aber jederzeit in der Lage, selbst einen Winner zu spielen. Seine beidhändige Rückhand ist überragend, doch auch auf die Vorhand kann er in aller Regel bauen. Unter Trainer Boris Becker hat Djokovic auch sein Netzspiel deutlich verbessert. Lediglich bei Über-Kopf-Bällen wackelt er manchmal noch. Wenn das das einzige Problem ist...

Mentale Stärke

Wenn es darauf ankommt, ist Djokovic zur Stelle. Die Statistik zeigt: Aktuell spielt keiner die "Big Points" so gut, wie Djokovic. 69 Prozent der Breakbälle, die er 2015 zuließ, wehrte er ab. Unter den Top Ten hat lediglich Raonic (76 Prozent) einen besseren Wert. Auch bei der Verwertung der eigenen Chancen zum Break liegt Djokovic mit 42 Prozent auf Platz zwei innerhalb der Top Ten (Aufschlagriese Raonic kommt in dieser Statistik nur auf 32 Prozent). Hier ist nur Murray mit 46 Prozent noch besser. Der Schotte wehrte aber dafür nur 63 Prozent der Breakbälle gegen sich ab. 

Im Finale gegen Federer wehrte Djokovic gar 19 von 23 Breakbällen ab (83 Prozent) und nutzte seinerseits sechs von 13 Möglichkeiten (46 Prozent). "Ich hatte das Gefühl, es war eigentlich viel mehr drin", sagte Federer enttäuscht.

Djokovics Coach Becker sieht die Gründe für die mentale Stärke im Familienglück seines Schützlings, der 2014 seine langjährige Freundin Jelena Ristic geheiratet hat und zum ersten Mal Vater wurde. "Er hat Abstand zum Tennis. Seine Frau und sein Sohn sind ihm wichtiger als das nächste Match. Und das macht ihn entspannter", sagt der dreifache Wimbledon-Champion. "Das war eine unglaubliche Saison, die beste meines Lebens neben 2011. Ich genieße das noch mehr als Ehemann und Vater", sagt Djokovic selbst.

Nächstes Ziel: Paris

Einziger Wermutstropfen: Der Titel bei den French Open fehlt ihm noch immer. Dreimal stand er in Roland Garros im Finale, dreimal zog er den Kürzeren. Man kann allerdings getrost davon ausgehen, dass der Tennis-Dominator 2016 einen neuen Anlauf starten wird, um auch die Rote Asche von Paris zu erobern. "Das ist wie die stärkste Droge, die es gibt, dieses Gefühl beim Matchball. Wenn man das einmal gespürt hat, dann möchte man das immer wieder", sagt Becker über das Gefühl, zu gewinnen, das auch Djokovic immer weiter antreibt.

Dass er zwar der alles überragende Spieler der Saison, aber dennoch nicht der Publikumsliebling ist, sieht Djokovic derweil nach eigenem Bekunden gelassen. "Roger ist der Favorit der Fans. Wenn man gegen ihn spielt, muss man sich dieser Realität stellen", sagte Djokovic, nachdem gefühlte 99 Prozent der 23.771 Besucher in Flushing Meadows den Schweizer frenetisch angefeuert hatten. Becker glaubt, dass sich dieses Problem bald von selbst erledigen wird. "Novak gehört immer mehr zu den Besten der Tennis-Geschichte. Und dann kommen automatisch auch irgendwann mehr Anerkennung und Respekt", sagt Becker. 

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