"Größten Erfolg der Karriere" vor der eigenen "Haustür" gefeiert: Thurau zeigte Hundertmarck den Weg
zuletzt aktualisiert: 02.05.2000 - 12:03Frankfurt/Main (dpa). Sogar auf dem Parkplatz des Team-Hotels wurde Champagner gereicht, Verteidigungsminister Rudolf Scharping gratulierte persönlich, und der 75-jährige Rennleiter Hermann Moos hatte Tränen in den Augen. Zum Abschluss der Frühjahrssaison war Kai Hundertmarck bei seinem "Heimspiel" in Frankfurt an der Reihe, den fast unheimlichen Siegeszug der Telekom-Mannschaft fortzusetzen.
Der 31-Jährige, seit 14 Jahren Vollwaise, nachdem seine Eltern auf dem Weg zu einem Junioren-Rennen mit dem Auto tödlich verunglückt waren, gewann die 39. Auflage von "Rund um den Henninger Turm" nach 206 Km im Alleingang. Das war Saisonerfolg Nummer 19 für die Radsportabteilung des Kommunikationsriesen.
Hundertmarck verdient sein Geld ansonsten als Helfer, diesmal wurde er protegiert. Team-Kapitän und Weltcup-Spitzenreiter Erik Zabel, im Geiste wahrscheinlich schon auf einem Flug nach New York, den er nach dem Rennen antrat, hielt sich vornehm zurück. Kollege Jens Heppner aus Gera, 150 Kilometer mit Hundertmarck und dem Italiener Matteo Tosatto alleine unterwegs, gab dem Hessen im Finale Grünes Licht. "Ich glaube, ich wäre gesteinigt worden, wenn Kai nicht gewonnen hätte", sagte der noble Thüringer, der offensichtlich von den drei Ausreißern zum Schluss noch am meisten Luft hatte.
So konnte Hundertmarck aus Brehmthal-Eppstein quasi vor der Haustür "den mit Abstand größten Erfolg meiner Karriere" feiern. Davor hatte er, völlig ausgepumpt von der langen Flucht und nervlich zermürbt durch eine Fehlleitung der Organisatoren, auf der letzten Runde noch die "schwersten fünf Kilometer" seines Lebens durchzustehen. Der Sieg freute ihn "mehr als eine Weltmeisterschaft oder ein Tour-Etappen-Erfolg" und sogar Dietrich Thurau, im dritten Jahr Sportlicher Leiter des Rennens, ließ sich ein wenig feiern.
Seine spezielle Ortskenntnis hatte das Rennen womöglich vor einem handfesten Skandal bewahrt, nachdem die Spitzengruppe 20 km vor dem Ziel vom Weg abgekommen war, weil an einer Kreuzung kein Streckenposten zur Stelle war. "Ich wusste, da vorne geht es über eine Brücke und dann sind wir wieder auf der Strecke", sagte Thurau, der bei der Panne "fast aus dem Begleitwagen gesprungen" wäre.
Für Telekom-Teamchef Walter Godefroot war die Arbeit - zur vollsten Zufriedenheit der Verantwortlichen - schon vor dem 1. Mai erledigt. Auch ohne Hundertmarcks Triumph lag das erfolgreichste Frühjahr hinter dem Belgier und den Geldgebern aus Bonn. Jetzt kann er sich den kommenden Aufgaben, Deutschland-Rundfahrt mit dem geplanten Ullrich-Comeback in Deutschland und der Tour de France, widmen. Vorher will er "nach der Friedensfahrt" den Vertrag des von der Konkurrenz gejagten Newcomers Andreas Klöden (Cottbus) unter Dach und Fach bringen. Der Kontrakt des Siegers von Paris-Nizza und der Baskenland-Rundfahrt läuft aus.
"Ich gehe davon aus, dass er bei uns bleibt. Verrückte Sachen werden wir aber sicher nicht mitmachen", sagte Godefroot. Die Schmerzgrenze siedelte der Teamchef im Millionen-Mark-Bereich an. "Wenn eine Mannschaft käme und sagt zu Klöden: Wir machen Dich zum Kapitän und wollen mit Dir die Tour gewinnen - okay", sagte Godefroot, der aber keinen Zweifel ließ, dass er bei den jetzt so erfolgreichen Klöden und Steffen Wesemann im kommenden Jahr kräftig drauflegen muss: "Das ist doch normal."
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