Rasante Entwicklung in der Eiskunstlaufszene: Trainer Wedenin: "Fünffach-Toeloop wird kommen"
zuletzt aktualisiert: 09.02.2000Wien (dpa). Die Eiskunstläufer drehen allmählich durch. Dem Publikum bei den Europameisterschaften in Wien wird schon beim Zuschauen schwindelig, doch die "lebenden Kreisel" rotieren immer schneller und höher. "Bald reicht ein Vierfachsprung nicht mehr aus, um zu gewinnen", prophezeite der Russe Ewgeni Pluschenko, der sich im Kurzprogramm am Dienstag mit der unbewegten Miene eines Roboters in die Höhe schraubte: "Mal sehen, wann ich alle Sprünge vierfach schaffe. Ich arbeite daran."
Dem Münchner Manfred Schnelldorfer genügten 1964 drei Doppelaxel zu EM- und WM-Gold. "Zum WM-Titel 1967 in Wien hat mir ein einziger Dreifachsprung gereicht, der Salchow", erinnerte sich Österreichs Eislauf-Legende Emmerich Danzer, der bei der EM als Zeitungskolumnist im Einsatz ist. Heutzutage sind die Sprungteufel los: So zeigten die führenden Alexej Jagudin und sein Landsmann Pluschenko einen blitzsauberen vierfachen Toeloop. Pluschenko hatte zudem in der Qualifikationskür mit einer Kombination Dreifachaxel/Dreifachtoeloop/ Zweifachrittberger verblüfft.
"Es wird noch der fünffache Toeloop kommen", ist der langjährige russische Cheftrainer Alexander Wedenin überzeugt, der inzwischen am Bundesstützpunkt München arbeitet. Dabei bereitet fast allen EM- Teilnehmern schon der Sprung von Dreifach zu Vierfach unlösbare Probleme. "Explosivkraft, Koordination, Technik und die richtige Geschwindigkeit braucht man dafür", erklärte Wedenin: "Und wenn einer Angst hat, wird es sehr schwer." Tausend Mal probiert, tausend Mal gestürzt. Die unsanfte Landung wird allenfalls durch eine gepolsterte Hose gemildert.
Der deutsche Meister Stefan Lindemann, vor der Kürentscheidung am Donnerstag überraschend Achter, kommt mit seinen 1,63 m den idealen Maßen für diese sprunghafte Entwicklung sehr entgegen. Doch während ein Pluschenko nach eigenen Angaben bereits mit 14 erstmals den vierfachen Toeloop stand, schaffte ihn der 19-jährige Lindemann in diesem Winter erstmals im Training. "Ein Vierfach-Toeloop macht noch keinen Sommer", sagte seine Trainerin Ilona Schindler, die mit der Wettkampf-Premiere noch warten will.
"Es wird nur noch gesprungen", kritisierte Robin Cousins, der Olympiasieger von 1980. Doch der Brite tut damit einigen Eisläufern Unrecht. So federt der zweifache Europa- und Weltmeister Jagudin nicht nur vom Eis ab wie von einem Trampolin, sondern brilliert auch mit seiner Ausdruckskraft. "Ich habe verstanden, dass Sprünge allein nicht reichen, um an die Spitze zu kommen", sagte der Schüler von Meistertrainerin Tatjana Tarassowa. "Aber ich weiß, dass sich das Eiskunstlaufen immer weiter entwickeln wird. Der eine hat etwas Neues gelernt, und die anderen eifern ihm nach."
So gelang dem russischen Talent Ilja Klimkin kürzlich als erstem eine Kombination Vierfachsalchow/Vierfachtoeloop. Und zwölf Jahre, nachdem der Kanadier Kurt Browning bei einer WM erstmals einen Vierfachsprung zeigte, hatte der Amerikaner Timothy Goebel bei "Skate Amerika" drei Vierfache im Programm. Die Damen halten sich dagegen zurzeit zurück. Seit neun Jahren brachte keine mehr einen Dreifachaxel zu Stande. Dieses Kunststück schafften bislang nur Tonya Harding (USA) und Midori Ito (Japan).
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