Eiskunstlauf: Russe Alexander Wedenin trainiert neue deutsche Hoffnung: Trotz seiner Riesenerfahrung kein Besserwisser
zuletzt aktualisiert: 08.02.2000Wien (dpa). Zoja Duschin startet bei der Eiskunstlauf-EM in Wien als Nobody. Der Trainer der einzigen deutschen Einzel-Starterin ist jedoch eine ganz große Nummer in der Szene: Alexander Wedenin war von 1974 bis '89 als Russlands Cheftrainer verantwortlich für die größte Medaillenschmiede dieser Glitzer- und Glamourwelt. In München haben sich die verschlungenen Lebenswege der beiden Moskauer gekreuzt. "Ich will Deutschland sehr gut vertreten", sagt die 16-jährige Zoja Duschin brav, deren Eltern mit hugenottischen Vorfahren vor zehn Jahren in der neuen Heimat um Asyl nachsuchten.
Während Wedenin dieser Tage ständig irgendwelche Hände schüttelt, schaut sein Schützling mit großen Augen um sich. "Wenn man in die Halle reinkommt, ist das ein Riesengebäude. Und die Eisfläche kommt einem so klein vor. Da soll ich wirklich laufen?", staunte die deutsche Vizemeisterin vor ihrem internationalen Debüt und der Qualifikation am Mittwoch. Beim Training musste sie erst einmal von ihrem Coach getröstet werden. Nichts klappte auf dem Eis, und am Ende hatte Zoja Duschin Tränen in den Augen. "Den blöden Lutz lernt sie auch noch, früher oder später", meinte Wedenin und lächelte gelassen.
Bei den deutschen Titelkämpfen in Berlin hat die blasse Läuferin mit dem Pferdeschwanz Tanja Szewczenko geschlagen und damit einen Schritt in die Öffentlichkeit getan. "Zum ersten Mal war eine Fernsehkamera für zwei Tage bei mir, und ein Foto-Shooting habe ich auch gemacht. Eine tolle Erfahrung", schwärmte Zoja Duschin. Wedenin sieht das mit dem Stoizismus eines alten Hasen. "Sie ist eine gute Schülerin. Sie verbessert sich, auch in ihren Vorstellungen, um was es eigentlich geht", sagt er.
Im vergangenen Sommer verließ die Familie Duschin Augsburg, damit Zoja in München am Eiskunstlauf-Stützpunkt sowie am Sportgymnasium bessere Trainingsbedingungen vorfindet. Wedenin hatte die politische Wende im Osten als Chance begriffen ("Ich wusste, jetzt geht es los"). 1992 wurde der heute 53-Jährige österreichischer Staatstrainer. Damit verließ er ein System, dass er lange mitgeprägt hatte. "Ich habe mit allen erfolgreichen Trainern gearbeitet", sagt er und verrät lächelnd: "Unser Trick sah so aus, dass ich immer ein Trainer und internationaler Preisrichter war."
Trotz seiner Riesenerfahrung versucht Wedenin, nicht als Besserwisser aufzutreten. In Deutschland, lobt er, gebe es "viele sehr gute Trainer". Nur beim Thema Nachwuchs bricht die Verständnislosigkeit aus ihm heraus. "Es kommen so wenig Kleine in die Eishalle, und das bei dieser starken Sportnation." Und die Eltern erst, "die haben eine Einstellung. Wenn die Kinder ein Mal in der Woche trainieren, ist es okay. Zwei Mal ist schon anstrengend, und bei drei Mal heißt es, dieser verrückte Russe." Wenn ein Knirps die Sache nicht richtig ernst nimmt, dann schickt ihn der Russe vom Eis. "Ich will nicht Geld bekommen für Luft bewegen", sagt er.
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