"Jeder fürchtet das Schlimmste": Umbruch beim Nationalen Olympischen Komitee der USA
zuletzt aktualisiert: 18.04.2000 - 12:51Colorado Springs (sid). Der Aufbruch in die Zweiklassengesellschaft hat den US-Sport in eine tiefe Identitätskrise gestürzt. Zwei Tage, nachdem der neue Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees der USA (Usoc), Norm Blake, in seiner ersten Amtshandlung den nicht erfolgreichen Sportarten rigorose Subventions-Kürzungen androhte, liefen im schicken Hauptquartier der Olympioniken in Colorado Springs die Drähte heiß. "Die Reaktionen waren wie erwartet emotional, doch wir werden unsere Linie konsequent durchziehen", kündigte Usoc-Sprecher Mike Moran im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) an.
Zum Siegen verdammt, Medaillen müssen her: wenn sich die Chefs der 39 Einzelverbände in den nächsten Wochen persönlich beim neuen starken Mann der olympischen Szene vorstellen, sind Konflikte vorprogrammiert. "Jeder fürchtet das Schlimmste", beschrieb Michael Massik, Executive Director des amerikanischen Fechtverbandes, die Stimmung unter seinen Kollegen, Sheri Pittman aus dem Tischtennislager wollte "eine Spur von Hysterie" ausgemacht haben.
Mehr als 160 Millionen Dollar schüttete das Usoc in den vergangenen vier Jahren an seine Mitgliedsverbände aus, die sportliche Gegenleistung ist nach Ansicht des Usoc-Chefs in vielen Fällen weniger als ausreichend. "Wir müssen uns fragen, ob wir Geld für Sportarten zum Fenster hinaus schmeißen, die wahrscheinlich niemals eine Medaille gewinnen und Amerika stolz machen werden", stellte der in der US-Industrie als eisenharter Sanierer bekannte Blake die von vielen Verbaenden gefürchtete Gretchenfrage.
Dass nun auch im Land des allmächtigen Dollars das bisher ehrenwerte Motto "Dabeisein ist alles" seine Daseinsberechtigung verlor, wurde spätestens klar, als eine europäische Studie den USA in der Medaillenwertung von Sydney hinter Russland und Deutschland nur den dritten Platz prognostizierte. Kein Wunder, dass die neue Realität aus dem Mund eines Machers wie Blake beinahe wie eine Drohung klingt: "Ab sofort lautet unsere Maxime nicht mehr, jeden glücklich zu machen."
"Wie ein Unternehmen" will der Chef des 19-köpfigen Exekutivkomitees fortan das Usoc führen, den bisher eher bieder anmutenden Verband aus dem Dornröschenschlaf wecken. Zwar solle niemandem - zumindest nicht in dieser Dekade - die Mittel komplett gestrichen werden, doch einem Großteil der Mitglieder dürfte der von Blakes promotierte "kürzeste Weg zum Erfolg" schon heute den Schlaf rauben: "Wer die Dinge nicht in den Griff bekommt, darf sich ab sofort berechtigte Sorgen machen."
Harte Zeiten für Sportarten wie Handball, Wasserball und Judo, Jubel dagegen im Lager der Leichtathleten, Turner und Schwimmer, die mit einer satten Erhöhung ihres Zuschusses rechnen können. Den Vorwurf einer weiteren Schwächung der ohnehin Schwachen wollte Blake derweil nicht im Raum stehen lassen: "Wir erwarten, dass sich die Betroffenen selbstständig nach zusätzlichen Sponsoren umsehen." Praktische Hilfe soll es dabei sogar vom Usoc geben. "Wir werden den Verbänden Kurse im Bereich Business und Marketing anbieten."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum











