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NFL-Profi ohne Vertrag
Colin Kaepernick ist nach seinen Protesten ein Ausgestoßener

NFL: Colin Kaepernick ist nach seinen Protesten ein Ausgestoßener
Colin Kaepernick kniet aus Protest bei der amerikanischen Hymne. Mittlerweile ist er arbeitslos. FOTO: dpa, jgm ks hak nic
Seattle/Köln. Footballprofi Michael Bennett hat nach den rechtsextremen Gewalttaten in Charlottesville aus Protest gegen Rassismus und Intoleranz die US-Nationalhymne boykottiert. Vor einem Jahr verhielt sich Colin Kaepernick genauso, heute ist der Quarterback in der NFL arbeitslos.

Colin Kaepernick hat Zeit. Mehr als ihm lieb ist. Während sich seine früheren Mitspieler und Gegner auf die neue Saison in der Football-Profiliga NFL vorbereiten, wartet der Quarterback weiter auf den Anruf eines Klubs. Als Arbeitsloser kann sich Kaepernick zwar intensiver seinem Kampf gegen Rassismus widmen, doch genau wegen dieses Engagements bekommt er wohl nirgendwo einen Vertrag - auch wenn die Entscheidungsträger das natürlich nicht zugeben wollen.

Durch die blutigen Ausschreitungen von Rechtsextremen in Charlottesville/Virginia hat das Dauerthema wieder neue Fahrt aufgenommen. Michael Bennett setzte nach den schlimmen Szenen vom Wochenende ein Zeichen, der Star der Seattle Seahawks stand vor dem Test gegen die Los Angeles Chargers nicht auf, als die US-Hymne abgespielt wurde. Vor einem Jahr hatte Kaepernick auf die gleiche Weise protestiert und eine Diskussion losgetreten.

Die Meinungen gingen und gehen weit auseinander. Respektlos sei das Verhalten, sagen die einen. Genau für den richtigen Weg, um die Öffentlichkeit wachzurütteln, halten es die anderen. Kaepernick hat etwas bewegt, auch wenn er bislang teuer dafür bezahlt. Doch seine Mitstreiter schreckt nicht, dass der Spielmacher heute ein Ausgestoßener ist.

Michael Bennet will auch beim Saisonstart protestieren

"Ich will sehen, dass die Leute die Gleichberechtigung erhalten, die sie verdienen. Daher möchte ich diese Plattform nutzen, um diese Botschaft kontinuierlich zu pushen", sagte Bennett. Der Defensive End will auch während der Anfang September beginnenden Saison für die Sache aufstehen - indem er eben nicht aufsteht.

Dass Kaepernick, 29, kein Team mehr findet, ist das falsche Signal. Doch die Besitzer und Manager scheuen sich vor einer Verpflichtung des 1,93-m-Hünen, der seit 2011 insgesamt 77-mal für die San Francisco 49ers aufgelaufen war und fast immer in der Startformation stand. Denn eine Spaltung der Fans wäre sicher.

"Ignoranz, verbunden mit Macht, ist der schlimmste Feind, den Gerechtigkeit haben kann." Dieses Zitat des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin hatte Kaepernick Anfang des Monats bei Instagram gepostet und damit seine Meinung zur Situation unmissverständlich deutlich gemacht.

Fans fordern Kaepernick-Verpflichtung

Zuletzt gab es ein loses Interesse der Baltimore Ravens. Grund dafür ist die Verletzung der Nummer eins Joe Flacco. "Nicht ausschließen" wollte Trainer John Harbaugh einen Deal mit Kaepernick - passiert ist nichts. Am Wochenende kniete eine Gruppe von Fans vor dem Stadion und hielt Schilder in die Höhe. "Sagt Nein zu Rassismus und verpflichtet Colin Kaepernick" stand darauf.

NFL-Boss Roger Goodell beschäftigt das Problem. "Uns muss klar sein, dass es verschiedene Standpunkte gibt", sagte der Commissioner am Montag. "Das Abspielen der Nationalhymne ist für mich ein besonderer Moment. Aber wir müssen auch die andere Seite verstehen. Menschen haben Rechte, und diese wollen wir respektieren."

Wie Bennett blieb am Wochenende auch ein anderer NFL-Veteran bei "Star-Spangled Banner" sitzen. Marshawn Lynch, nach einjähriger Pause zurück in der Liga, hockte auf einer Kühltruhe und aß eine Banane. Laut Headcoach Jack Del Rio hatte die Aktion des Exzentrikers aber nichts mit Protest zu tun.

Könnte stimmen, muss aber nicht sein. "Wenn du wirklich kein Rassist bist, siehst du sein Verhalten nicht als Bedrohung für Amerika. Er weist auf ein Problem hin, dass da ist", hat Lynch einmal über Kaepernick gesagt.

(sid)
 
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