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Historisches NHL-Fiasko für Kanada
"Der Sarg der Nation ist zugenagelt"

NHL: Kanada erlebt Eishockey-Desaster
Dave Cameron, Trainer der Ottawa Senators, muss wie alle anderen Coaches der kanadischen NHL-Teams die Play-offs vor dem Fernseher verfolgen. FOTO: afp, jba
Toronto. Das Horrorszenario ist eingetreten: Kanada schaut nur zu, wenn der Kampf um den Stanley Cup beginnt. Erstmals seit 46 Jahren nimmt nicht ein einziger Klub aus dem Eishockey-Mutterland an den Play-offs der NHL teil. Eine ganze Nation trauert.

"Zum Schämen, großer weißer Norden", schrieb die Fachzeitschrift The Hockey News: "Der kollektive Sarg der Nation ist zugenagelt." Den letzten Nagel schlugen die Philadelphia Flyers mit ihrem 2:1-Sieg gegen die Washington Capitals ein, damit waren auch die Ottawa Senators als letzte kanadische Hoffnung endgültig aus dem Play-off-Rennen. Um die berühmteste Eishockey-Trophäe der Welt, die 1892 Kanadas Generalgouverneur spendete, kämpfen 16 US-Klubs.

Marco Sturm hat zwar nur wenige Wochen in Kanada gespielt. Doch wie sich die Fans im Eishockey-Mutterland derzeit fühlen, weiß der Bundestrainer genau. "Für sie ist es sehr, sehr bitter. Es tut natürlich weh", sagte der ehemalige NHL-Stürmer im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst.

"Ein ganzes Land lebt für Eishockey"

Sturm, der von 1997 bis 2012 in der NHL spielte, stand nur kurz bei einem kanadischen Klub unter Vertrag. Im Herbst 2011 spürte er bei seinem Intermezzo bei den Vancouver Canucks, welchen Stellenwert der Nationalsport dort hat. "Ein ganzes Land lebt nur für Eishockey", sagte Sturm: "Alle sind sehr, sehr stolz, dass sie darin die Besten sind."

Aktuell nicht: Die sieben kanadischen Klubs liegen auf den letzten zehn Rängen der 30er-Liga. Das hat, so Sturm, neben wirtschaftlichen – wegen des schwächeren kanadischen Dollars – auch mentale Gründe. "Der Druck auf die Spieler ist enorm", meint Sturm: "Wenn's gut läuft, ist alles okay. Wenn nicht, dann kocht es gewaltig."

Im vergangenen Jahr hatten bis auf die Edmonton Oilers und die Toronto Maple Leafs alle kanadischen Teams die Play-offs erreicht. Und das Medienunternehmen Rogers, das für die kanadischen TV-Rechte umgerechnet 3,5 Milliarden Euro über zwölf Jahre bezahlt, jubilierte. Nachdem aber in der zweiten Runde Rekordmeister Montreal Canadiens und die Calgary Flames als letzte Klubs ausgeschieden waren, brachen die Einschaltquoten ein. Das Finale zwischen den Chicago Blackhawks und Tampa Bay Lightning erreichte in Kanada die schlechteste TV-Resonanz seit 2009, insgesamt schalteten während der Meisterrunde 20 Prozent weniger Zuschauer ein als im Vorjahr.

Auch die NHL ist aufgeschreckt, denn Rogers zahlt deutlich mehr als der Fernsehsender NBC für die US-Rechte (1,8 Milliarden Euro für zehn Jahre). "Ist es ideal, wenn wir im kanadischen Markt nicht vertreten sind? Nein", sagte der Liga-Vize Bill Daly.

Viel Grund zum Jubeln hatten Kanadas Fans in den letzten Jahren in den NHL-Play-offs ohnehin nicht. Seit 1993, als die Canadiens ihren 24. und bislang letzten Titel gewannen, ging der Stanley Cup nicht mehr ins Eishockey-Mutterland. Seit 2011, als die Vancouver Canucks mit Christian Ehrhoff im siebten Endspiel gegen die Boston Bruins mit Dennis Seidenberg verloren, hat kein kanadisches Team mehr das Finale erreicht.

Gar nicht erst die K.o.-Runde zu erreichen, ist allerdings ein historischer Tiefpunkt. Das gab es zuvor nur 1970, als Montreal und Toronto vorzeitig scheiterten. Damals waren sie die einzigen kanadischen Klubs in der Zwölfer-Liga.

(sid)
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