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Schwimmen mit Handicap
Eine Weltmeisterin taucht ab

Vera Thamm - eine Weltmeisterin taucht ab
Vera Thamm will nicht mehr Leistungssport betreiben. FOTO: Veranstalter
Köln/Düsseldorf. Vera Thamm (25) hat genug vom Leistungssport. Die Top-Athletin mit Handicap schwimmt ihr letztes Rennen in Wuppertal. Zu den Paralympics nach Rio will sie nicht. Von Jan Dobrick

Sie ist Weltmeisterin, Weltrekordlerin, aber heute schwimmt Vera Thamm gegen Siebenjährige. Die zierliche Frau aus Haltern am See steht auf Startblock Nummer vier des Leistungszentrums in Wuppertal-Küllenhahn. Ohne regelmäßig trainiert zu haben, nervös und rotwangig. Da die Schwimmerinnen nach den gemeldeten Zeiten auf die Läufe verteilt werden, geht die Behindertensportlerin gemeinsam mit Kindern ins Wasser, die kein Handicap haben. Die Zuschauer der inklusiven Offenen Landesmeisterschaften des Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes NRW (BRSNW) fiebern auf das Rennen über 50 Meter Brust hin.

Vera Thamm ist schon bei ganz anderen Wettbewerben geschwommen. Im Sommer 2012 johlen Tausende Zuschauer im London Aquatics Centre, freuen sich auf den Vorlauf über 50 Meter Freistil der Paralympics. Es ist der Höhepunkt ihrer Laufbahn, doch Vera hat einfach keinen Bock mehr. Sie weint unter der Schwimmbrille. Auf dem Startblock. Genau hier, im Fokus der Kameras, holt die Härte des Leistungssports sie ein. Die Angst vor dem Versagen wächst. "Ich hätte mich am liebsten umgedreht und wäre aus der Halle gelaufen", sagt die 25-Jährige vom TSV Bayer 04 Leverkusen rückblickend. Ihr fehlt schon immer der Tunnelblick, sie kann Publikum und Gegner nicht ausblenden. Damals übersteht sie den Vorlauf. Das Rennen ist eines ihrer besseren. Im Finale wird sie Achte.

Der Wettkampf in Wuppertal ist ihr erster seit Februar 2014. Vera Thamm ist "aus dem Hamsterrad ausgestiegen, als die Stimmung kippte". Der Druck von innen, der Druck von außen, die Erwartungshaltungen, die Entbehrungen. "Ich wollte der Zeit nicht mehr hinterherrennen, ich wollte endlich über sie verfügen", sagt die Frau, die mit 25 Zentimeter kurzen Armen und ohne rechten Unterschenkel zur Welt kam. Wenn die Extremitäten aufhören zu wachsen, sprechen Mediziner vom Dysmelie-Syndrom. Um zu schwimmen, macht sie Wellenbewegungen. Die Behindertensportlerin gleitet durch das Wasser wie ein Delfin. Die Arme sind die Taktgeber, Bauch-, Rückenmuskeln und das linke Bein machen die Arbeit.

Vera Thamm schwimmt ein letztes Rennen, damit ihr Ausstieg aus dem Leistungssport nicht wie eine überstürzte Flucht aussieht. Sie schwimmt, um sich zu verabschieden. Und um ihrem Team, ihren Freunden, denen der Sport immer noch Spaß macht, ein bisschen zu helfen. Es geht um die Qualifikation für die Paralympics in Rio de Janeiro, auch wenn sie da gar nicht antreten will. Bloß nicht. "Sollte ich es mit meiner Zeit in die Liste des Internationalen Paralympischen Komitees schaffen, könnte Deutschland vielleicht mehr Startplätze bekommen", hatte sie kurz vor dem Start erklärt und ein wenig vor sich hin gerechnet.

Die Landesmeisterschaften sind für sie der Höhepunkt der Saison. Sie verliert keinen Gedanken an Brasilien, an die große Halle, das gigantische Spektakel am Zuckerhut. Sie erinnert sich an die "tollen Momente" ihrer Karriere, denkt aber auch an Urlaub, der nicht in einen engen Wettkampfplan eingebettet ist. An ihr Studentenleben. An den geregelten Alltag. Vera Thamm lebt in Köln, studiert im Master Rehabilitations- und Gesundheitsmanagement. "Ich habe mein Studium, meine eigene Wohnung", sagt sie. "Mein Haushalt, die Erledigungen, alles dauert eben etwas länger als bei Menschen ohne Handicap", aber das mache nichts, sie habe ja nun die Zeit dafür. Das frühe Ende der Schwimm-Karriere ist für sie ein Anfang, keine Niederlage, auch kein Scheitern. "Früher war ich ständig im Ausland unterwegs, Wettkämpfe, Trainingslager, sechs Einheiten pro Woche", sprudelt es aus ihr heraus. "Da hatte ich kaum eine Minute, um Freunde zu treffen, die nicht mit mir gemeinsam schwimmen." Ins Wasser steigt sie trotzdem noch, sogar tiefer als je zuvor. Sie taucht jetzt. Völlig stressfrei.

Den Stress, den sie früher hatte, kann man an ihren Erfolgen erahnen: Mit Silber und Bronze ist sie seit den Europameisterschaften 2011 in Berlin dekoriert. Nach den Paralympics 2012 ging es erst mal weiter. Bei den Schwimm-Weltmeisterschaften 2013 im kanadischen Montreal holte sie in 1:12,66 Minuten den Titel über 50 Meter Brust in der Klasse SB 2 – Europarekord, nur einen Wimpernschlag am Weltrekord vorbei. An sieben Tagen ging sie siebenmal an den Start und gewann über 50 Meter Schmetterling noch die Bronzemedaille. Kurz darauf schwamm sie beim BSNW-Cup in Remscheid mit 1:12,76 Minuten Weltrekord über 50 Meter Brust auf der Kurzbahn. Im selben Jahr bekam sie den "Felix-Award", wurde in NRW zum "Behindertensportler des Jahres" gewählt. "Auf der Bühne wusste ich schon, dass für mich Schluss ist", sagt sie.

Mit dem Brustschwimmen hat 1998 alles angefangen. "Ich liebe es immer noch", betont Vera Thamm, die auch hassen kann. Die 50 Meter Freistil zum Beispiel, die habe sie immer verflucht, wenn Konkurrenz mit zwei Armen und zwei Beinen neben ihr ins Becken gestiegen ist. Als Wettbewerbsverzerrung empfindet sie das. "In meiner Klasse sind Schwimmer mit Spastiken, gegen die ich häufig keine Chance habe." Außerdem macht ihr das Chlor mehr und mehr zu schaffen. Ihre Haut wird trocken und rissig, entzündet sich. Wo am rechten Oberschenkel die Prothese sitzt, ist sie oft tiefrot. "Ich bekomme durch das Chlor auch schlechter Luft, mir läuft in der Halle die Nase, ich muss ständig niesen", erklärt Vera Thamm, die einfach keine Lust mehr auf die Rolle der Kämpferin hat. Auf die Herausforderungen an den Körper, die Überforderungen. Auf die Qualen.

In Wuppertal verschluckt sich die Weltmeisterin beim Startsprung. Einen Moment denkt sie darüber nach, das Rennen abzubrechen. Doch die Blöße gibt sie sich nicht: Nach 1:25,89 Minuten schlägt Vera Thamm an. Die Zeit reicht, um in der Rangliste des Paralympischen Komitees aufzutauchen. Und für Platz zwei in der offenen Klasse der Landesmeisterschaften. Tränen fließen schon lange keine mehr. Auch nicht zum Abschied.

Das war's.

 

Quelle: RP
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