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Sportliche Leistung als Statussymbol
Volkssport Doping

Volkssport Doping
Jörg Börjesson mit 24 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Dopingzeit. Anabolika hatten seine Muskeln so wachsen lassen. FOTO: Das Fotoarchiv / Yavuz Arslan
Köln/Dorsten. Im Breitensport geht es nicht zuerst um Titel und Trophäen. Es geht vor allem um Anerkennung. Die sportliche Leistung ist ein Statussymbol, für das auch Amateure zu verbotenen Mitteln greifen. Von Verena Kensbock

Wie fast jeden Tag sitzt Jörg Börjesson an der Beinpresse und drückt gegen einen 400-Kilo-Block, als ihm eine Blutfontäne aus der Nase schießt. In diesem Moment beschließt der Dorstener, mit den Pillen aufzuhören. Sein Körper war wie ein vergammelter Apfel, sagt er heute: glänzende Schale, fauler Kern. Dabei will Jörg Börjesson einfach nur Sport machen. Als Kind spielt er so lange Fußball, wie das Asthma ihn lässt. Als Jugendlicher, Mitte der 80er, erwischt ihn das große Fitnessfieber. In der Stadt öffnet das erste Fitnessstudio. "Athletico 2000 hieß das, als würde 2000 alles besser werden." Börjesson findet einen Sport, in dem seine fehlende Kondition kein Problem ist. Über Doping spricht dort keiner, sondern über gesundes Training. Und er trifft jemanden, den "wir alle aus den Fitness-Zeitschriften kannten". In der Kabine holt sein Idol ein Tütchen mit Tabletten aus der Sporttasche. "Probier mal, Jörg. Damit kommst du weiter."

Börjesson nimmt die Tabletten, ohne zu wissen, was es ist - Anabolika sind ein Mythos in den Fitnessstudios. Aber die Pillen wirken. Er trainiert sechsmal die Woche, schwitzt stark, die Muskeln wachsen. "Es war wie ein Rausch, ein Muskelrausch." Immer wieder trifft Börjesson sich mit dem Profi an der A31, um Nachschub zu kaufen. Die Tüten mit den Tabletten wachsen mit seinen Muskeln, einmal gibt er 500 Mark für eine Ration aus. Die ersten vier Jahre läuft alles glatt. Bis zu dem Tag an der Beinpresse. "Das hat mich so geschockt, dass ich sofort aufgehört habe. Mit dem Doping und dem Training."

Es ist das Klischee: der Bodybuilder, der Doper. Doch auch im Wasser, auf der Tartanbahn, dem Fußballplatz - Doping ist schon lange im Freizeitsport angekommen. "Durch verschiedene Studien ist bekannt, dass es im Breiten- und Amateursport Doping, aber vor allem Medikamentenmissbrauch gibt", sagt Eva Bunthoff von der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada). "Gerade viele Schmerzmittel stehen nicht auf der Verbotsliste, werden aber durchaus von Sportlern missbraucht." Beim Marathon in Bonn 2009 hatte jeder zweite Teilnehmer Schmerzmittel geschluckt, nur um den Lauf zu überstehen. "Solche Ergebnisse sehen wir natürlich mit Sorge, da Risiken bei der Einnahme oftmals nicht bedacht werden", sagt Bunthoff. "Außerdem ist die Vorbildwirkung fatal. Marathonteilnehmer sind ja oft auch Vereinsmitglieder oder Eltern"

Wenn Amateure dopen, geht es um mehr als den Sport, sagt Psychologe und Doping-Spezialist Werner Hübner. Der eigene Körper, die sportliche Leistung in der Freizeit - das sind Statussymbole. "Wenn ich mein Trainingsziel erreicht habe, traue ich mir auch andere Sachen zu", erklärt Hübner die Gedanken eines Dopers. "Ich finde Freunde im Team, traue mich endlich, das hübsche Mädchen anzusprechen, und mache einen guten Eindruck beim Bewerbungsgespräch. Es ist eine Sanierung im großen Stil."

Der Amateur-Radfahrer Philip Schulz ist Ende 20, als er sich entscheidet, Steroide zu nehmen. Sein ganzes Leben hat er trainiert, um einmal Profi zu werden, schmeißt sogar sein Informatikstudium. Er schafft es in ein höherklassiges Amateurteam in der Pfalz. Die Kollegen beäugen ihn kritisch, weil er sauber ist. Aber irgendwann reicht das harte Training nicht mehr, die anderen fahren immer schneller. "Dann sagte ich zu mir: Mit Doping wärst du auf der letzten Etappe nicht abgehängt worden, dann hättest du den Sprung geschafft." Nach dem größten Erfolg seiner Karriere, dem Titel als Landesverbandsmeister, zeigt ein Dopingtest, dass der heute 37-Jährige das Steroid Boldenon genommen hatte. Seine Karriere, die keine große war, ist vorbei.

Eine Kur machen, heißt es in der Doperszene, wie Erholung an der Ostsee. Doch die Patienten, die bei Hübner aufschlagen, sind gescheitert, es ist aus dem Ruder gelaufen. Viele Doper haben Angstzustände und Panikattacken, schlafen nachts nicht mehr und fühlen sich verfolgt. Beim leisesten Geräusch zucken sie zusammen. "Drogenabhängige zeigen ähnliche Reaktionen", sagt der Psychologe. Die Risiken kennen und sie dennoch ignorieren - auch das hat Parallelen zu Drogen. "Ich habe alles unter Kontrolle", diesen Satz hat Hübner häufig gehört.

Selbst ohne Aussicht auf ein Preisgeld, einen Titel, eine Olympiamedaille gibt es für Sportler Gründe, sich aufzuputschen. Tobias Vogt (Name geändert) hat lange Fußball gespielt, elf Freunde nennt er seine frühere Mannschaft noch heute. Er ist 21, als für das Team aus dem Ruhrgebiet der Aufstieg in die Bezirksliga ansteht. "Zum Saisonende spielst zu jeden Tag, dir tut alles weh", sagt der 27-Jährige. "Wir alle hatten Wehwehchen. Also haben wir Schmerztabletten genommen, um die Muskeln ein bisschen zu betäuben." Eine Ibu 400 vor dem Spiel, eine in der Halbzeit aus dem Medizinkoffer der Mannschaft. Der Spielbetreuer füllt den Vorrat immer wieder auf, alles für die Mannschaft. "Wir wollten aufsteigen. Keiner wollte derjenige sein, der schlappmacht." Der Trainer duldet die Schmerztabletten, keiner der Spieler versteht sie als Doping. "Wir haben nicht betrogen, wir haben uns nicht besser gemacht, als wir waren. Darum habe ich auch kein Unrechtsbewusstsein." Ob es die Tabletten waren oder nicht: Vogt stieg auf mit seinem Team. Fußball spielt er heute aber nicht mehr.

Für Jörg Börjesson fingen mit dem Aufhören die Probleme an. Er schämt sich für seine schwindenden Muskeln, hat Angst das Haus zu verlassen. Schließlich kippt sein Hormonhaushalt um: Das Testosteron wandelt sich in Östrogen und setzt sich in den Brustdrüsen ab. Seine Brust sieht aus wie die einer Frau. Das Video seiner Brustoperation zeigt Börjesson heute in Schulklassen und Fitnessstudios, er spricht mit jungen Sportler, die so aussehen wollen wie er damals - in der Hoffnung, dass sie nicht denselben Fehler machen.

Quelle: RP
 
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