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Olympia
Von Ölkränzen und nackten Athleten

Olympia. Schon in der Antike war Olympia ein Besuchermagnet. Von Jessica Balleer

Mit ein wenig Fantasie kann der Besucher die Athleten vor seinem geistigen Auge sehen. Und er hört das tosende Publikum, das seinen Helden zujubelt, als diese in das Stadion einlaufen. Der überwölbte Gang ist noch erkennbar. Das Tor der Athleten. Auch Koroibos aus Elis ist diesen Weg gegangen, bevor er sich über die Distanz von exakt 192,28 Metern verewigte. So lang nämlich ist die Laufbahn im Stadion in Olympia, dem Austragungsort der Olympischen Spiele der Antike. Noch heute zeichnen sich die Rillen der Start- und Zielschwellen ab. 776 vor Christus wurde Koroibos zum ersten Olympiasieger. In ihrem Lauf passierten er und die anderen Athleten die steinigen Längsseiten, auf denen die Kampfrichtertribüne stand. Und sprinteten dem Steinaltar entgegen, von dem aus die oberste Priesterin des Tempels jeden der schnellen Schritte verfolgen konnte.

Bis heute umgibt diesen Ort ein Rätsel. Warum wurde die Sportanlage mitten ins Nichts gebaut? In den Nordwesten der griechischen Halbinsel des Peloponnes? Die Frage wird unbeantwortet bleiben. Denn die "Touristen" kamen trotzdem, und zwar scharenweise und aus allen Ländern der antiken Welt. Sie reisten zu den Spielen an, aber auch während der vierjährigen Olympiade, also in der Zeit zwischen den Wettkämpfen. Denn Olympia war ein Kunst- und Kultort: Der Heratempel und die mit Marmor und Elfenbein verkleidete Zeusstatue lockten als Sehenswürdigkeiten. Antikes Olympia, Ort der Schaulust. Zu Ehren von Zeus veranstalteten die Griechen ab 776 v. Chr. alle vier Jahre die Olympien als Teil des panhellenischen Kreislaufs. Über 40.000 Zuschauer verfolgten das Sportereignis live. Sie bekamen sechs Tage lang Unterhaltung geboten.

Klangvoll beginnt der erste Wettkampftag. Die "Agone" der Trompeter und Herolde eröffnen die Spiele. Dann legen die Athleten den Eid vor Zeus ab. "Ich unterwerfe mich den Wettkampfregeln", schwören sie feierlich - und teilen sich im Zeichen der Fairness nach Altersklassen ein. Im "Gymnasion" finden die letzten Übungseinheiten statt, ehe an Tag zwei die Jugendlichen ihren Wettkämpfe durchführen.

Vielleicht, weil die Hitze groß und der Stolz auf den Körper ausgeprägt ist, gehen die Kämpfer nackt an den Start. Auch an diesem Anblick ergötzt sich das begeisterte Publikum. Die Reichen feiern dank Leonidas aus Naxos unter sich: Sie halten sich in den Pausen im "Leonidaion" auf. Das ist die VIP-Lounge der antiken Spiele. Schon 330 Jahre vor Christus bleiben die Privilegierten lieber unter sich. Der nun folgende "Pankration", ein Allwettkampf des Ringens und Boxens, unterhält Pöbel und Adel aber gleichermaßen gut.

Tag drei der Spiele hat den "hippischen" Wettstreit im Programm. Pferdehufe lassen den Boden beben. Und kaum hat sich der Staub wieder gelegt, sind die Fünfkampfer mit Speer, Diskus, Sprung, Lauf und Ringen auf dem Platz. Die abendliche Prozession zu Ehren der griechischen Götter beschließt einen langen Tag unter sengender Sonne.

Der fünfte ist der Finaltag: Laufwettkampf, Kampfsport, Waffenlauf. Und schon am nächsten Morgen werden sie festlich bewirtet und geehrt. Nicht mit Medaillen, sondern mit einem Kranz vom Olivenbaum, kehren sie als Helden in ihre Heimat zurück.

Inschriften und Statuen bewahrten die Namen der "Stars der Antike" für die Nachwelt. Sie hießen "Ringerkönig Milon", aus der italienischen Schmiede Kroton, "Diagoras von Rhodos", der eine Familiendynastie erfolgreicher Olympioniken begründete, oder "Leonidas von Rhodos", erfolgreichster Läufer mit zwölf Olympiasiegen. Die Olympioniken erlangten Heldenstatus. Warum andere in Vergessenheit gerieten? Weil das heutige olympische Credo, "Dabei sein ist alles", damals keines war. Der zweite Platz war wertlos. Niederlage bedeutete Schande. Alles oder nichts.

Dieses Denken beförderte das Berufsathletentum. Gut 600 Jahre vor Christus kämpften keine Amateure mehr, sondern Profisportler. Der Erfolgsgeschichte der Spiele tat das keinen Abbruch. Mehr und mehr taten das aber politische Konflikte in Griechenland. Und dann kamen die Christen. Dem Verbot der Spiele als "Heidenfest" folgte die Zerstörung Olympias im 5. Jahrhundert. Es ist das vorläufige Ende. IOC-Präsident Pierre de Coubertin sorgt mit seiner Wiederbegründung der Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen für einen zweiten Start.

Das antike Olympia ist auch heute ein Besuchermagnet. Erkenntnisse über die antiken Spiele brachten vor allem deutsche Ausgrabungen ab 1875. Zahlreiche Touristen bevölkern jedes Jahr den staubtrockenen Erdboden, der die Wiege der Olympischen Spiele ist. Fußläufig ist die Stätte erreichbar. Sie liegt zwischen der "Internationalen Olympischen Akademie" und der Stadt Olympia, die erst im 19. Jahrhundert durch die Archäologen besiedelt wurde.

Mit Souvenirläden, Restaurants und kleinen Läden ist sie längst touristisch erschlossen. Die Sportanlage befindet sich am Fuße des Kronoshügels, der nach Zeus' Vater benannt ist. Neben den Übungsstätten und Säulenresten ist ein Ort sehenswert: Am Heratempel findet sich die Stelle, an der alle vier Jahre vor Beginn der Olympischen Spiele die Fackel entzündet wird. Sie wird von Läufern getragen und in die ganze Welt gebracht. Hier, zwischen einfachen Graswällen und Gestein, ist der Olympia-Besucher den Wurzeln des weltweit wichtigsten Sportfestes so nah wie nirgendwo sonst.

Morgen Abend steht fest, ob sich die Hamburger Bürger im Referendum für eine Kandidatur ihrer Stadt als Ausrichter der Olympischen Spiele 2024 entschieden haben.

Quelle: RP
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