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Big Air Mönchengladbach
Hauptsache kreischen

Impressionen vom Big Air Festival Mönchengladbach
Impressionen vom Big Air Festival Mönchengladbach FOTO: Martin Meissner
Mönchengladbach. Der Big-Air-Weltcup in Mönchengladbach hat sich als Kombination aus Trendsport und Musikfestival etabliert. Die Veranstalter schwärmen schon von einer "Leuchtturmveranstaltung", die weitere Auflagen erleben soll. Von Gianni Costa

Es ist an diesem Abend im Mönchengladbacher Skigebiet gehörig kalt, weshalb es der Einheizer mit dem Mikrofon wohl für seine fürsorgliche Aufgabe hält, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen. Und so will er wissen, ob jemand aus Japan unter den Zuschauern sei. Oder Australien. Der Slowakei. Schweigen. Den Niederlanden. Ein paar Stimmen sind zu vernehmen. Der Schweiz. Oder Italien. Weil sich nicht wirklich eine Reaktion einstellen will, wird der Kreis etwas weiter gefasst. Wer alles Pizza mag, soll mal kreischen! Wer aus Deutschland kommt: kreischen! Und so wird viel gekreischt und oft weiß keiner so genau - warum. Und vor allem für wen. Das ist aber alles auch überhaupt nicht wichtig.

Das Big Air im Hockeypark ist weit mehr als ein gewöhnlicher Wettkampf - die Veranstaltung ist als Festival angekündigt und die Grenzen zwischen Sport und Unterhaltung sind ziemlich fließend. Ein Ski- und Snowboard-Weltcup tagsüber und danach noch Konzerte von Kraftklub und Rapper Cro. Mit dieser Mischung wird eine begehrte Zielgruppe angesprochen: Junge Leute, die oft um herkömmliche Sportveranstaltungen außerhalb von Fußball einen großen Bogen machen. "Das ist eine perfekte Kombination", sagt August Pollen, Chef der Skihalle in Neuss. Von dort wurden rund 1000 Kubikmeter Kunstschnee angeliefert, um die 50 Meter hohe und 120 Meter lange Schanze zu präparieren. Zweieinhalb Wochen hat es gedauert, um die 30.000 Einzelteile zusammenzufügen und den Athleten olympische Bedingungen zu bieten.

"So eine Veranstaltung ist schon ein gigantisches Risiko. Du brauchst ein Jahr Vorbereitung und weißt am Anfang noch nicht, ob du die Kosten auch nur annähernd decken kannst", erzählt Pollen. "Das ist auch der Grund, warum es solche Events mitten in der Stadt nur noch sehr ausgewählt gibt. Der Produktionsaufwand ist schon enorm." Pollen ist mit der Allrounder Winterwelt ein Veteran in dem Geschäft. In diesem Jahr hat er mit seinem Unternehmen den 44. Weltcup organisiert. Das sei für Allrounder auch ein wichtiges Instrument, um als Arbeitgeber einen Namen zu festigen und hoch qualifizierte Mitarbeiter ins Flachland zu locken.

Für den Snowboard-Verband ist es indes noch immer ein Zuschussgeschäft. Die Szene hierzulande hat sich erst vergleichsweise spät organisiert und springt der Konkurrenz noch um einiges hinterher. Umso wichtiger ist es, Veranstaltungen zu kreieren, um das Interesse beim Publikum, den TV-Stationen und Sponsoren anzufeuern. Deshalb soll die Geschichte auch in Mönchengladbach weitergehen. "Wir haben Bock drauf, weil es für uns eine Leuchtturmveranstaltung ist", sagt Stefan Knirsch, Sportchef von Snowboard Germany.

Deutlich schneller dürfte sich die Szene in Deutschland entwickeln, wenn es sportliche Erfolge gäbe. Doch damit ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Immerhin konnten zwei Snowboarderinnen wohl die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele feiern. Silvia Mittermüller und Nadja Flemming erfüllten in Mönchengladbach mit Platz neun und 16 die nationalen Kriterien. Ob es tatsächlich reicht, entscheidet der internationale Verband aber in ein paar Wochen.

Das Finale verpassten sie mit diesen Resultaten. Der Wettbewerb ist für sie beendet, bevor der Großteil der Zuschauer aufs Gelände kommt. Der Sieg geht am Samstagabend an die Schweizerin Carla Somaini und im Männer-Finale ohne einheimische Vertreter an Marcus Kleveland aus Norwegen. Am Freitag waren im Männer-Finale der Ski-Freestyler ebenfalls keine Deutschen vertreten. Kea Kühnel und die erst 16-jährige Aliah Delia Eichinger schlossen bei den Frauen als Fünfte und Sechste ab - von insgesamt sechs Teilnehmerinnen in der für die Ski-Freestyler nicht-olympischen Disziplin.

"Es ist schon so eines meiner Lebensziele, dieses Olympia schaffen und abhaken zu können", sagt Mittermüller. Sie hat die Qualifikation für die Spiele in Sotschi 2014 in besonderer Erinnerung. "Am 1. Dezember habe ich mir die Achillessehne gerissen und am 2. Dezember, genau vor vier Jahren, wurde ich zusammengeflickt." Ein Umstand, der ihr Denken über den Sport verändert hat. Mittlerweile geht sie bewusster an den Start.

"Für mich ist das Gladiatoren-Snowboarden. Du stehst da oben und dann heißt es: friss oder stirb", sagt die 34-Jährige, die seit November 2000 im Weltcup startet. "Das Größte, was man bei so einem Event feiern kann, ist, wenn es einem danach gut geht, nichts kaputt ist und man hinterher noch lachen kann. Gerade als Frau muss man die Zähne zusammenbeißen. Am Berg bin ich anders. Da ist mehr Genuss und weniger Angst dabei."

Quelle: RP
 
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