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Dopingfall wird zum Wettlauf der Mediziner
Blutforscher entlasten Pechstein

Hier erklären Wissenschaftler ihre Unschuld
Hier erklären Wissenschaftler ihre Unschuld FOTO: ddp
Berlin/Düsseldorf (RPO). Der Dopingfall der Eisschnellläuferin ist zum Wettkampf der Mediziner geworden. Eine Erbkrankheit soll erklären, warum sie so ungewöhnliche Blutwerte besitzt. Doch Skeptiker bleiben unbeeindruckt. Von Rainer Kurlemann

Die Form der roten Blutkörperchen bei Claudia Pechstein steht im Mittelpunkt des Streits um die Dopingvorwürfe gegen die ehemalige Eissschnellläuferin. Eine Gruppe von Blutforschern um Professor Gerhard Ehninger hat herausgefunden, dass Pechstein von der Kugelzell-Anomalie (heriditäre Sphärozytose) betroffen sei. Diese Krankheit betrifft etwa einen von 5000 Menschen. Bei ihm sind die Blutkörperchen nicht konkav mit eingedellten Flächen, sondern stärker kugelförmig aufgebaut. Der Defekt in der Zellmembran sorgt dafür, dass die roten Blutkörperchen früher zugrunde gehen als gewöhnlich.

Dieses Absterben der Blutkörperchen gleicht der Körper durch vermehrte Produktion von so genannten Retikulozyten aus, erklärte Ehninger, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Hämatologie. Retikulozyten sind junge Blutkörperchen aus dem Knochenmark, die sich binnen zwei Tagen zu "richtigen” Blutkörperchen entwickeln. Wer diese Vorläufer vermehrt im Blut hat, ist potentiell Doping verdächtig. Ein hoher Anteil von roten Blutkörperchen sorgt für eine bessere Sauerstoffversorgung ­ und damit für mehr Leistung.

Pechsteins Blutwerte seien untypisch für ein Doping mit EPO und sprächen eher für die Kugelzellanomalie, erklärte der Hämatologe ­ und die Doping-Fahnder ergänzten sofort, dass das auch nicht der Vorwurf gegen Pechstein sei. Veränderungen im Blutbild können auch Ergebnis anderer Formen des Dopings sein.

Die fünfmalige Olympiasiegerin aus Berlin war von der Internationalen Eisschnelllauf-Union (Isu) für zwei Jahre gesperrt worden, weil bei einer anlässlich der WM 2009 in Hamar (Norwegen) entnommenen Blutprobe eine auffällige Konzentration junger Blutkörperchen festgestellt worden war. Ihr Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas hatte keinen Erfolg. Deshalb durfte sie nicht bei den Olympischen Spielen antreten.

Auch mit der neuen Diagnose ist der Streit längst nicht beendet. Das liegt nicht nur an der fast starrsinnig wirkenden Hartnäckigkeit der Doping-Fahnder, die heute mit leichter Hand die neuen Erkenntnisse beiseite gewischt haben. Mag sein, dass Pechstein an dieser Anomalie leide, eine vollständige Erklärung der auffälligen Blutwerte liefere die Diagnose nicht.

Doping-Jäger Werner Franke schaute auf die Schwankungen in Pechsteins Blutwerten und formulierte noch schärfer: "Wie soll denn ihr Knochenmark wissen, wann sie große Wettkämpfe hat?” Offenbar trete die Anomalie bei den Retikulozyten besonders häufig auf, wenn Pechstein auf dem Eis Höchstleistungen bieten muss. Ganzheitlich orientierte Mediziner würden übrigens einem solchen Zusammenhang nicht widersprechen ­ aber das nur nebenbei.

Der Streit wird schon deshalb kaum zu entscheiden sein, weil einfach zu wenig Details über die Vorgänge im Körper eines Leistungssportlers vorliegen. Pechsteins Kugelzell-Anomalie, die schon beim Vater auftrat, deutet auf Veränderungen des Erbguts hin. Dass es Genveränderungen gibt, die Hochleistungssport stark begünstigen, ist unbestritten. Vielleicht ist Claudia Pechstein gleichermaßen Opfer und Profiteurin eines solchen Gen-Defekts. Bei dem (auch finanziellen) Eifer, den sie für ihre Unschuld an den Tag legt, muss Deutschland auf eine komplette Gen-Analyse wohl nicht lange warten.

Ungewöhnlich und nicht erklärt bleibt aber, warum eine so intensiv überwachte Sportlerin erst jetzt von ihrer Anomalie berichtet. Die krankhafte Veränderung der roten Blutkörperchen hätte ihren hochqualifizierten Ärzten schon früher auffallen  müssen.

 
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