Eisschnelllauf: CAS bestätigt Pechsteins Zwei-Jahres-Sperre
zuletzt aktualisiert: 25.11.2009 - 17:34Düsseldorf (RPO). Fassungslosigkeit, Bestürzung und unbändige Wut bei Claudia Pechstein: Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin bleibt gesperrt und steht endgültig vor den Trümmern ihrer Karriere. Der Internationale Sportgerichtshof CAS bestätigte am Mittwoch die Zweijahressperre der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin und drückte der 37-Jährigen in dem weltweit mit Spannung erwarteten Urteil den Stempel der Dopingsünderin auf.
"Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen. Ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist", erklärte Pechstein in einer Pressemitteilung ihres Managements, dem das Urteil vorab zugestellt wurde: "Ich werde mich jetzt keinesfalls geschlagen geben. Der gerichtliche Weg wird erst dann zu Ende sein, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat", erklärte Pechstein. Sie behauptete, sie habe das Urteil "registriert und bereits abgehakt".
Pechsteins großer Traum, in Vancouver zum sechsten Mal an Olympischen Spielen teilzunehmen, ist damit wahrscheinlich geplatzt. Eine Minimalchance bleibt ihr noch. Die Berlinerin kündigte umgehend an, gegen das auf 66 Seiten begründete CAS-Urteil beim Schweizer Bundesgericht in Lausanne Berufung einzulegen. Ihr läuft nun allerdings die Zeit davon.
Selbst wenn sie vor dem Schweizer Bundesgericht Recht bekäme, könnte es für eine Olympia-Qualifikation schon zu spät sein. Zudem muss Pechstein nun möglicherweise sogar um ihren Status als Beamtin der Bundespolizei fürchten. Ein Disziplinarverfahren läuft bereits. Pechsteins Sperre endet am 9. Februar 2011. Die ISU äußerte sich zunächst nicht zu dem Urteil.
"Wie es sportlich jetzt weiter geht, kann ich nicht sagen. Keine Ahnung, ob die Qualifikation für Olympia noch möglich ist. Zunächst haben weiterhin die Juristen das Wort", erklärte Pechstein, die ihre Verschwörungstheorie wiederholte. Seit der CAS am 5. November die Urteilsverkündung um zwei Wochen verschob, "wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird. Als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten."
Nach ihrem Fall, dem ersten mit indirektem Dopingnachweis, könnten nun nun zahlreich Sperren gegen verdächtige Sportler in allen olympischen Verbänden folgen. "Ich bin der festen Überzeugung, dass der CAS die Reichweite der auch im Sportrecht geltenden Unschuldsvermutung verkannt hat", erklärte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann.
"Soweit der CAS hier nach dem Grundsatz 'Der Zweck heiligt die Mittel' vorgegangen ist, könnte dies ein klassisches Eigentor werden. Man muss damit rechnen, dass nun zahlreiche Verbände versuchen werden, Athleten auf Basis fragwürdiger Blutwerte zu sperren. Ich rechne mit einer Prozessflut", sagte Bergmann und sprach von einem "schwarzen Tag für die Sportrechtsprechung."
Noch am Mittwochmorgen war Pechstein demonstrativ in der Olympia-Trainingsjacke von Turin im Berliner Sportforum erschienen und hatte 90 Minuten lang ihre Runden gedreht. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) hatte ihr in dem Flieger, der die Nationalmannschaft am Donnerstag nach Calgary bringt, einen Platz freigehalten. In Kanada wollte Pechstein am 6. Dezember beim vierten Weltcup eigentlich ihr Comeback geben.
Noch nach der Anhörung vor dem CAS vor knapp einem Monat war Pechstein fest von einem Freispruch ausgegangen. "Ich habe ein gutes Gefühl. Es kann nur einen Freispruch geben", sagte Pechstein - und sollte nicht Recht behalten.
Sie wurden immer verbitterter, als sich die drei zuständigen CAS-Schiedsrichter Massimo Coccia (Italien), Stephan Netzle und Michele Bernasconi (beide Schweiz) wochenlang nicht rührten. Nun ist klar, dass auch die von Pechstein angeprangerten Verfahrensfehler der ISU für den CAS irrelevant waren.
Eigentlich wollte sie schon am vergangenen Wochenende in Hamar ihr Comeback geben. Ausgerechnet in Hamar. Im "Wikingerschiff" der norwegischen Kleinstadt wurde sie 1994 erstmals Olympiasiegerin, dort bestritt sie im Februar ihren letzten Wettkampf. Nach dem ersten Tag der Mehrkampf-WM überbrachte ihr die ISU die Nachricht, dass ihre Retikulozytenwerte zum wiederholten Male "abnormal überhöht" gewesen seien. Es war der Anfang vom Ende, nach fünf Olympiasiegen, 34 WM- und 9 EM-Medaillen, 26 Weltcupsiegen und 6 Weltrekorden.
Dabei glaubt die Mehrheit der deutschen Bevölkerung an die Unschuld Pechsteins. In einer Repräsentativ-Umfrage des SID durch das Dortmunder Meinungsforschungsinstitut promit gehen 59,1 Prozent der Befragten nicht von einem Dopingvergehen aus. 32,6 Prozent glauben, dass Pechstein gedopt hat. 8,2 Prozent wollten sich nicht festlegen.
Nach der Bestätigung der zweijährigen Sperre für Claudia Pechstein gab das Management der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin folgende Erklärung im Wortlaut heraus:
"Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen. Ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist. Erst die ISU, jetzt der CAS. Ich habe lernen müssen, dass es ausgerechnet vor Sportgerichten offenbar keinen Platz für das im Sport so oft beschworene Fair Play gibt. Ich habe nie gedopt und ein reines Gewissen. Wie man mich ohne Beweis, aufgrund eines einzigen Indizes, das zudem in der Wissenschaft noch sehr umstritten ist, sperren kann, wird mir für immer unbegreiflich bleiben. Ganz gleich, wie sich die drei Richter die Entscheidung hingebogen haben. Davon, dass die mir zur Last gelegten Werte nicht einmal analytisch sauber und verlässlich erhoben wurden, ganz zu schweigen. Ich habe das Urteil registriert und bereits abgehakt. Ich werde mich jetzt keinesfalls geschlagen geben. Der gerichtliche Weg wird erst dann zu Ende sein, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat", erklärte Pechstein.
Ihr Anwalt Simon Bergmann kündigte an, schnellstmöglich ein Verfahren vor dem Schweizerischen Bundesgericht in Lausanne anzustrengen. "Ich bin der festen Überzeugung, dass der CAS die Reichweite der auch im Sportrecht geltenden Unschuldsvermutung verkannt hat. Im vorliegenden Fall gab es mit den Retikulozytenwerten nur einen einzigen Parameter, der - zudem wissenschaftlich höchst umstritten - generelle Rückschlüsse auf angebliches Blutdoping zuließ. Demgegenüber konnten wir mit Hilfe von namhaften Sachverständigen natürliche Ursachen für die Retikulozytenwerte plausibel aufzeigen. Berücksichtigt man dann noch die von uns nachgewiesenen Fehler bei der Erhebung der Daten, muss ein solches Verfahren zwingend zu Gunsten des Athleten ausgehen. Soweit der CAS hier nach dem Grundsatz 'Der Zweck heiligt die Mittel vorgegangen ist, könnte dies ein klassisches Eigentor werden. Man muss damit rechnen, dass nun zahlreiche Verbände versuchen werden, Athleten auf Basis fragwürdiger Blutwerte zu sperren. Ich rechne mit einer Prozessflut.
Der Berliner Rechtsanwalt, der Pechstein vor dem CAS gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Christian Krähe vertrat, fügte hinzu: "Bedenklich ist insbesondere, welch geringe Anforderungen der CAS an das Beweismaß der indirekten Beweisführung stellt. Der Athlet wird hierdurch gezwungen, den Beweis für seine Unschuld zu erbringen. Dies wird ihm aber häufig schon auf Grund der immensen Kosten nicht möglich sein. Zudem sind die meisten Dopingexperten direkt oder indirekt von den Sportverbänden abhängig, was dazu führt, dass der Athlet erhebliche Schwierigkeiten bei der Suche nach Sachverständigen hat. Mit diesem Problem hatten wir auch im Pechstein-Verfahren zu kämpfen. Alles in allem ein schwarzer Tag für die Sportrechtsprechung."
Claudia Pechstein war lange Zeit fest von einem Freispruch ausgegangen. Erste Zweifel waren ihr vor gut zwei Wochen gekommen, als der CAS das ursprünglich für den 5. November angekündigte Urteil am Abend davor um gut 14 Tage verschob. "Seitdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird. Als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten. Wenn die Umkehr der Beweislast im Anti-Dopingkampf Schule macht, dann kann man ja zukünftig keinem talentierten Kind oder Jugendlichen mehr mit gutem Gewissen empfehlen, Leistungssport zu treiben. Denn am Ende steht man womöglich, so wie ich jetzt, unverschuldet vor den Trümmern seiner Karriere. Das ist alles einfach unbegreiflich!" Trotz des mulmigen Gefühls, welches sie seit Wochen begleitete, hatte sich Pechstein professionell auf einen bis zur erneuten Verschiebung des Urteils denkbaren Start beim Weltcup am vergangenen Wochenende in Hamar vorbereitet. Jetzt steht ihre sportliche Zukunft komplett in den Sternen: "Wie es sportlich jetzt weiter geht, kann ich nicht sagen. Keine Ahnung, ob die Qualifikation für Olympia noch möglich ist. Zunächst haben weiterhin die Juristen das Wort."
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