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Deutschland nicht konkurrenzfähig
Zu uncool für Freestyle

Deutschland im Wintersport: Zu uncool für Freestyle
Freestyle-Skierin Sabrina Cakmakli in Pyeongchang. FOTO: dpa, fgj
Pyeongchang/Düsseldorf. Ob Halfpipe oder Slopestyle: In der Weltspitze der jungen, olympischen Sportarten spielen Deutsche bislang keine Rolle. Ein Grund sind fehlende Trainingsanlagen. Dabei ist das Potenzial groß. Von Jessica Balleer

Der Blick zurück stimmt auch jetzt noch zufrieden. Wenige Wochen nach den Olympischen Winterspielen in Südkorea hält das Hochgefühl an. 31 Medaillen und Platz zwei im Medaillenspiegel - das kann sich sehen lassen. Dass die alpinen Skifahrer abfielen, fiel kaum auf, weil sich Biathlon, Bobsport oder Skisprung mal wieder als sichere Bänke erwiesen und Deutschland als blühende Wintersportnation glänzen ließen.

Es gibt ja auch zig Skisprungschanzen in der Bundesrepublik. Königssee, Oberhof, Winterberg und Altenberg sind als Hochburgen bekannt, in denen seit Jahrzehnten Rodel- und Bobsportler unter besten Bedingungen trainieren. Und in Ruhpolding und Oberstdorf reifen die Biathlonstars von morgen heran. Das ist bewährt. Das hat Tradition. Nur in der Moderne, da sieht Deutschland ziemlich alt aus.

Seit 1992 findet man Snowboard, seit 2014 die Freestyle-Wettkämpfe Slopestyle und Halfpipe im olympischen Programm. Nachdem die Ski-Freestyler bereits bei den Winterspielen 2014 in Sotschi ohne Medaille blieben, ging das deutsche Team auch in Pyeongchang leer aus. "Wenn wir nur bei der Hälfte der zu vergebenen Medaillen eine Chance hätten, hätten wir vielleicht fünf mehr. Dann schaut der Medaillenspiegel am Ende ganz anders aus", sagte Heli Herdt, sportlicher Leiter im Bereich Freestyle beim Deutschen Skiverband (DSV) in Pyeongchang. Herdt fordert seit Jahren ein Umdenken im deutschen Sport, das bis heute nicht stattgefunden hat.Was den olympischen Trendsport Freestyle-Skiing betrifft, ist Deutschland ein Entwicklungsland: Es gibt hier keine einzige Halfpipe, die den Ansprüchen eines Weltklasse-Freestylers gerecht wird.

Während Bronze, Silber und Gold an die USA, Kanada oder Neuseeland gingen, war der achte Rang von Sabrina Cakmakli (23) in der Halfpipe das beste deutsche Ergebnis in Pyeongchang. Cakmakli, die einzige Ski-Freestylerin im "Team D", hat für ihren Achtungserfolg viel investiert. Für ihr Training verbringt sie mehr Zeit im Ausland als daheim. Die Allgäuerin schloss sich einer Kooperation mit Schweizer Athleten an - und reist seither viele Kilometer weit, um sich auf Wettkämpfe vorzubereiten.

Die wachsende Bedeutung der jungen Sportarten bei den Olympischen Spielen wurde in Pyeongchang ganz deutlich: Von 102 Entscheidungen fielen 20 im Ski-Freestyle und Snowboard. In der Wintersportnation Deutschland scheint das aber längst nicht angekommen zu sein. Was fehlt, ist ein Bekenntnis - finanzieller und struktureller Art.

Jüngste Anläufe des Deutschen Snowboardverbands sind versandet. In Berchtesgaden sollte Ende 2017 die erste professionelle Halfpipe entstehen. 400.000 Euro pro Jahr hätte die Gemeinde von da an für die Anlage aufbringen müssen. Auch, weil das Projekt am Reißbrett entworfen, aber nicht mit den Ansprüchen der Szeneprofis abgestimmt wurde, scheiterte es.

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, erkennt das Problem zwar an. Hörmann sehe "Luft nach oben". Das folgende "Aber" offenbart jedoch Skepsis: Man wolle "aber keinem Trend folgen, der womöglich keine Zukunft hat".

Derzeit erhält der DSV für die Freestyler 180.000 Euro öffentliche Fördermittel. "Möchte man eine Sportart wie Slopestyle und Halfpipe international konkurrenzfähig entwickeln, ist ein Budget von etwa 600.000 bis 650.000 Euro pro Jahr zu kalkulieren", sagte Wolfgang Maier, DSV-Sportdirektor, vor den Spielen in Südkorea.

Der Rückstand auf die Weltspitze wächst

Die besten Freestyler der Welt kommen aus den USA. Und das ist kein Zufall. Dort gibt es anspruchsvolle Halfpipe-Parks en masse und spezielle Sportschulen mit Freeski-Programmen für den Nachwuchs. Vom Niveau der Weltspitze ist Deutschland weit entfernt, und der Rückstand wächst. Zuletzt wurden sogar Halfpipes (etwa am Nebelhorn in Oberstdorf) geschlossen oder "zu schwierige" Funparks entschärft. Ein Beispiel ist der Skipark am Fellhorn. Einnahmen durch Touristen und Hobby-Freestyler werden generiert, aber keine Olympiasieger gemacht. Dass Halfpipes fehlen, ist ein Problem. Doch an anderen Freestyle-Trainingsmöglichkeiten mangelt es ebenso. Ski- und Snowboard-Tricks auf Olympia-Niveau werden auch in Hallen mit Trampolinen oder Schaumstoff-Schnitzelgruben geübt. Selbst solchen Trainingsstätten sind rar.

Sabrina Cakmakli ist das einzige Aushängeschild für den Ski-Freestyle in der Halfpipe. Aufwind ist aber am Ski-Gymnasium in Berchtesgaden zu spüren. Hier trainiert der Nachwuchs. Das Ziel: die Winterspiele 2022. Die Olympiade, in der sie und die Spitzensportförderer Schwung für den großen Sprung holen können, hat schon begonnen.

Quelle: RP
 
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