Bewegung in Erfurter Doping-Affäre: Protestbrief und Attacke auf ARD
zuletzt aktualisiert: 12.02.2012 - 14:12Köln/Hamar (RPO). Ein offener Protestbrief des Eisschnelllauf-Teams, eine vorsichtige Klarstellung durch DOSB-Präsident Thomas Bach und ein Eklat durch das Pechstein-Lager: In die Erfurter Doping-Affäre ist wieder Bewegung gekommen.
Auslöser war ein offener Brief der Athleten der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), in dem die Sportler ARD und Sportschau wegen der Berichterstattung in dem umstrittenen Fall des Erfurter Arztes Andreas Franke heftig kritisieren und zu einer "angemessenen Entschuldigung" auffordern. Eine Reaktion der ARD blieb zunächst aus. Bei ihrem Vorstoß erhielten die Sportler allerdings direkt einen Dämpfer durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).
In der von Athletensprecherin Katrin Mattscherodt unterschriebenen Erklärung im Namen angeblich aller Teammitglieder, in der von "unerträglicher Vorverurteilung" der ARD die Rede ist, beziehen sich die Athleten auch auf ein Zitat des DOSB-Präsidenten Thomas Bach. Dieser hatte in einem Radio-Interview mit einem ARD-Sender am 18. Januar gesagt, dass Frankes Methode seit dem 1. Januar 2011 verboten sei. Der DOSB stellte daraufhin am Samstag in einer Pressemitteilung klar, dass Bach "in besagtem Interview mit dem ARD-Radio vom 18.1. keine Bewertung der in Erfurt angewandten Methode der UV-Bestrahlung des Blutes vor dem 1. Januar 2011" abgegeben habe.
UV-Bestrahlung von Blut
"Herr Bach hat lediglich gesagt, dass für das IOC der WADA-Code verbindlich ist, und in diesem wird die Methode der UV-Bestrahlung des Blutes seit 1.1.2011 explizit als verboten beschrieben. Für die Zeit vor diesem Datum hat er stets darauf verwiesen, dass die Einschätzung der Zulässigkeit den zuständigen Organisationen NADA und WADA sowie den Behörden unterliegt", hieß es weiter. Damit vermeidet es Bach weiterhin, sich in dem Fall persönlich zu positionieren.
Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und die Nationale Anti Doping Agentur NADA hatten zuletzt hervorgehoben, dass die in Erfurt angewandte Methode einen Verstoß gegen den Anti-Doping-Code darstellt. Der DOSB und Bach wollen sich nicht weiter in den Fall einmischen: "Das weitere Verfahren liegt nun in der Hand der Ermittlungsbehörden, der Gerichte und der NADA."
Die DESG-Athleten hatten mit Blick auf das Bach-Interview gesagt: "Von daher begrüßen wir es sehr, dass der DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach bereits am 18. Januar 2012, also vor der ersten Sportschau-Berichterstattung, zu diesem Thema klar Stellung bezogen und erläutert hat, dass die Methode der UV-Blutbehandlung seit dem 1. Januar 2011 auf der Verbotsliste des WADA-Codes steht."
Gegen eine DESG-Athletin und einen Radsportler läuft derzeit ein Verfahren vor der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS). Ein Urteil wird nach dem Ende der Untersuchungen der Erfurter Staatsanwaltschaft erwartet, die wegen des Verdachts der Anwendung einer unerlaubten Blutdoping-Methode gegen Franke ermittelt. Mindestens 28 weitere Sportler sollen durch Franke behandelt worden sein.
Lautstarke Attacken aus Pechstein-Lager
In den vergangenen Tagen hatte sich bereits die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, die nach Sportschau-Informationen Patientin von Franke gewesen sein soll, vehement gegen die Berichterstattung gewehrt. Vor Beginn des Weltcups in Hamar kam es dann zu einem Eklat. Beim Versuch der ARD, ein Interview mit Bundestrainer Stephan Gneupel zu führen, wurden die Journalisten von einer Person aus Pechsteins Umfeld verbal lautstark attackiert und angeblich auch bedroht. Die ARD zeigte Bilder von einem sichtlich irritierten Gneupel, im Hintergrund war die laute Stimme des Mannes zu hören, der das ARD-Team anging.
Wie zuvor Pechstein in ausführlichen Stellungnahmen auf ihrer Website kritisieren nun die DESG-Athleten die ARD in dem offenen Brief vor allem deshalb, weil Namen von Sportlern genannt wurden, die die umstrittene Blutbestrahlung erhalten haben sollen. Eine Klageandrohung, wie sie Pechstein ausgesprochen hatte, unterließen die Athleten.
Der Brief fand die ausdrückliche Zustimmung von DESG-Präsident Gerd Heinze. "Wenn die Sportler das so wollen, dann ist das völlig in Ordnung", sagte Heinze dem SID.
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