Biathlon-Star tritt zurück: Magdalena Neuner ist müde
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 07.12.2011 - 07:55Düsseldorf (RP). Die Doppel-Olympiasiegerin im Biathlon tritt nach diesem Winter zurück. Es geht ihr gut, sie ist in Form. Doch der Rummel um ihre Person machte ihr immer zu schaffen. Fünf Jahre auf höchstem Niveau haben Spuren hinterlassen. Und ihr fehlen die sportlichen Ziele.
Schwäbisch hall Magdalena Neuner sitzt auf der Treppe vor dem Truck, der den deutschen Biathleten in diesem Winter von Weltcupstation zu Weltcupstation folgt. Die Oktobersonne scheint, Neuner lächelt, Neuner redet entspannt. Der Deutsche Skiverband (DSV) hat zur Einkleidung seiner Sportler auf den "Alfred Würth Airport" nach Schwäbisch Hall geladen. Irgendwann kommt die Sprache auf die psychischen Belastungen im Profisport. Wochen zuvor musste Ralf Rangnick beim Fußball-Bundesligisten Schalke 04 aufgeben.
"Ich habe kein so dickes Fell"
Neuner hatte in den vergangenen Jahren oft gesagt, wie sehr ihr der Rummel um ihre Person zusetzt. War sie dem Burn-out nahe? "Ach", sagt Neuner, "das ist ein Begriff, der zurzeit vielleicht ein bisschen zu schnell und zu häufig verwendet wird. Mir war eine Zeitlang ganz einfach alles ein wenig zu viel." Dann berichtet sie noch von den Tagen, als sie "am liebsten im Bett liegen geblieben wäre". Und sie sagt: "Ich habe kein so dickes Fell." Dabei hat sie in ihrer Laufbahn praktisch keine Tiefen erlebt, musste nie die Prügel der Medien einstecken. Einzig nach der WM 2009 im koreanischen Pyongchang, als sie keine Medaille gewann, gab es einige kritische Stimmen.
Ein Psychologe half ihr, mit sich selbst und dem Druck klarzukommen. Sie sortierte ihr Umfeld neu. Akut klagt sie nicht. Es geht ihr jetzt gut. Auf die übliche November-Tour des DSV ins ungeliebte, ins finstere Nordfinnland verzichtete sie. In Südtirol tankte sie Sonne – und Zuversicht. Gleich beim ersten Weltcup des Winters belohnte sie sich in Schweden mit einem Sieg.
Gestern kündigte sie ihren Rücktritt vom Leistungssport an. Im zarten Alter von 24 Jahren. Es ist kein Burn-out. Doch sie ist auch müde vom Leistungssport und vor allem von seinen Begleiterscheinungen. Mit den Weltmeisterschaften in Ruhpolding (29. Februar bis 11. März) und vielleicht dem Weltcup in Sibirien setzt sie die Schlusspunkte. Ein paar Tage vorher wird sie 25. "Ich habe eine Entscheidung getroffen, die für mich persönlich richtig und sehr gut überlegt ist. Ich bin froh, dass ich endlich ehrlich das aussprechen kann, was ich denke", teilte sie auf ihrer Homepage mit. Wochenlang hatte sie sich um eine Antwort gewunden, wenn sie auf Indizien für ein nahes Karriereende angesprochen worden war. Eine atemraubende Laufbahn mit zwei Olympiasiegen, zehn WM-Titeln und zwei Siegen in der Saisonwertung geht zu Ende.
"Jetzt werden viele an ihr herumzubbeln und sie hochjubeln", hatte Uwe Müssiggang am Abend des 5. Januar 2007 prophezeit. Neuner, damals 19, hatte in Oberhof ihr erstes Weltcup-Rennen gewonnen. "Aber damit wird sie klarkommen", ergänzte der Bundestrainer. Er konnte sich nicht ausmalen, wie groß der Hype um seine Lena werden würde.
Sympathisch und populär
Das blonde nette Mädchen mit dem süßen Akzent, das Mützen strickt und Harfe spielt, stieg zum Superstar auf. Auf der Popularitätsrangliste des Wintersports steht sie heute auf Rang eins: vor der Skiläuferin Maria Höfl-Riesch und dem Springer Martin Schmitt.
Die Öffentlichkeit ließ ihr keine Atempause. Bis in den Vorgarten ihrer Eltern in Wallgau drangen die Fans vor, Reisebusse hielten vor ihrem Haus, Autogrammjäger klingelten zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Einmal klagte sie darüber, dass ihr Mülleimer durchsucht worden war. Zermürbend waren für sie vielleicht auch die vom DSV juristisch niedergeschlagenen Gerüchte darüber, dass sich deutsche Biathleten in der Wiener Blutbank Humanplasma versorgt haben sollen. "Ich sehne mich nach Normalität, nach ein wenig mehr Ruhe und danach, einfach mal die Dinge machen zu können, die ich in meinem Sportlerleben nie machen konnte", sagt sie jetzt.
Natürlich hat Neuner von ihrer Popularität auch profitiert. Sie ist Werbemillionärin. Sie hat Verträge unter anderem mit Sportartiklern, einer Versicherung, einer Brauerei, einem Schuhversand. Für eine Freundin war es kein Problem, ihr eine Gastrolle in Neuners Lieblings-TV-Serie "Sturm der Liebe" zu beschaffen. Die Biathletin wirkt glaubwürdig, wenn sie sagt, dass sie nicht in erster Linie materiell denkt.
Familie wichtiger als Sport
Und noch mehr Erfolge? Wo liegt der Reiz? Die nächsten Olympischen Winterspiele, 2014 im russischen Sotschi, sind noch weit weg. "Am Anfang meiner Karriere wollte ich Weltmeisterin werden, Gold bei Olympia holen und den Gesamtweltcup gewinnen", erinnert sie sich, "das alles habe ich ein bisschen übertroffen." Sie sei kein unersättlicher Kannibale. Kein Typ wie der Norweger Ole-Einar Björndalen (37), der nicht genug bekommen kann. "Die Zeit ist reif für eine Veränderung", teilte sie mit.
Sie denkt an eine Familie. Zusammen mit Sepp Holzer, dem Klarinettisten aus der Wallgauer Blaskapelle, die ihr Vater dirigiert. "Es gibt Athletinnen, die nach der Geburt ihres Kindes in den Weltcup zurückkehren. Für mich wäre das unvorstellbar", sagt sie. Sagt sie jetzt.
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