| 17.36 Uhr

Thomas Dreßen im Interview
"Ich muss nicht jedem gefallen"

Fotos: Thomas Dreßen – Ski, Kitzbühl, Streif
Fotos: Thomas Dreßen – Ski, Kitzbühl, Streif FOTO: dpa, FP hpl
München. Thomas Dreßen ist seit seinem Sieg in Kitzbühel über Nacht berühmt geworden. Dass er ein Ski-Rennläufer mit einer großen Zukunft ist, war allerdings schon vorher bekannt. Ein Gespräch über die Anfänge, seine Trainer, seine Einstellung, seine Entwicklung und über die Olympischen Spiele.

Thomas Dreßen, wie sind Sie eigentlich zum Skifahren gekommen?

Thomas Dreßen Wie wahrscheinlich jeder bei mir zuhause in Mittenwald. Als ich drei Jahre alt war, haben mich meine Eltern gefragt, ob ich Lust habe, das mal auszuprobieren. Dann habe ich meinen ersten Skikurs gemacht - und das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich da hängen geblieben bin."

Wie kam es, dass Sie dann in Österreich auf die Schule gegangen sind?

Dreßen Als ich neun, zehn Jahre alt war, war ich auf einem Kinderskitag in Telfs (Anm.: Ort in Österreich). Da hatte die Skihauptschule Neustift (Ort im Stubaital/Österreich) einen Flyer ausgelegt. Damit bin ich zu meinen Eltern und habe ihnen gesagt: Schaut Euch das mal an. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung gemacht - und sie haben mich genommen. So kam das.

Sie sind danach auf das Skigymnasium in Saalfelden gegangen. Warum sind Sie in Österreich geblieben?

Dreßen Für mich war klar: Wenn ich meine Ausbildung in Österreich beginne, dann mache ich sie da auch zu Ende.

In welchen Fächern haben Sie Abitur gemacht und mit welcher Note?

Dreßen In Österreich heißt das ja Matura. Die habe ich ganz normal gemacht in den Kursen Englisch, Deutsch und Mathematik, dann noch Sportkunde, Geographie und Wirtschaft. Als Gesamtnote hatte ich glaub ich 1,8 oder 1,9.

Wie funktioniert eine solche Ski-Schule?

Dreßen Das sind Spezialschulen, die auf den Wintersport ausgerichtet sind. Ich war von Anfang, Mitte November bis Ostern keinen Tag in der Schule. Nach Ostern haben wir dann Zeit gehabt, um den Stoff nachzulernen und die Schulaufgaben nachzuschreiben.

Rennen gefahren sind Sie aber für den Deutschen Skiverband?

Dreßen Nicht direkt für den DSV, zu Beginn haben sie mich dort ja nicht genommen. Als Jugendlicher war ich beim BSV (Bayerischer Skiverband). Aber nach dem ersten Jahr dort hat es dann doch ein paar Leute gegeben, die mich nicht mehr haben wollten - weil ich auch nicht wirklich erfolgreich war. Zum Glück hatte ich einen Trainer, Reinhold Merle, der auf mich gesetzt und an mich geglaubt hat. Deshalb habe ich noch mal eine Chance bekommen. Im zweiten Jahr ging's besser.

"... und dann sind Sie zum DSV gekommen?

Dreßen "Ich habe mich durch meine Ergebnisse für die Mannschaft empfohlen. So etwas hast Du ja selbst in der Hand. Wenn Du einmal in einem Jahrgang vorne dabei bist, dann kommen sie nicht mehr an dir vorbei."

Wie frustrierend war es für einen jungen Sportler, wenn es Leute gibt, die nicht auf einen setzen?

Dreßen Es gibt immer Leute, die einem etwas nicht gönnen oder die einen nicht mögen, aber das ist mir wurscht. Für mich ist wichtig, was meine engsten Vertrauten sagen, meine Eltern, meine Trainer. Ich bin nicht der Typ, der sagt: Ich muss jedem gefallen. Wer mich mag, der mag mich. Wer mich nicht mag, der mag mich nicht. Am Ende ist es wichtig, dass man sich auf sich selbst konzentriert und nicht allzu viel auf die Meinung anderer gibt.

Sie waren früher ja eher Riesenslalom-Fahrer. Wie sind Sie zur Abfahrt gekommen?

Dreßen Bis vor vier Jahren war ich bei den Technikern in der Europacup-Mannschaft und bin verstärkt Riesenslalom gefahren. Aber Abfahrt hat mich schon immer gereizt. Als Mathias (Cheftrainer Mathias Berthold) und Christian (Abfahrtstrainer Christian Schwaiger) vor vier Jahren zu uns gekommen sind, habe ich zu meinem damaligen Trainer gesagt: Schau' bitte bei der nächsten Sitzung, dass ich in die Abfahrtsmannschaft komm'. Ich will das unbedingt. Und so kam das.

Hatten Sie am Start einer Abfahrt schon mal so richtig, salopp gesagt: Schiss?

Dreßen Schiss nicht. Ich habe so viel Vertrauen in unser gesamtes Trainerteam ... wenn ich mir Sorgen machen müsste, ob ich eine Abfahrt fahren kann, würden die mich gar nicht starten lassen. Und wenn ich am Start stehe und die Trainer lassen mich fahren, dann mache ich mir deswegen keine Gedanken darüber, ob ich die Strecke im Griff habe. Angst ist also nicht dabei, aber Respekt vor der Strecke. Der gehört immer dazu, den darf man auch nie verlieren.

Sie scheinen ein Mensch zu sein, der sehr genau weiß, was er will.

Dreßen Es ist immer wichtig, auch als Athlet, dass man weiß, was man will und wo man hin will. Es wird von außen viel an einen herangetragen, aber nicht alles ist gut. Als Athlet muss man auch selbst herausfiltern, was gut ist für einen und was nicht. Mit Mathias und Christian haben wir Trainer, da ist alles gut, was die sagen. Da gibt's nichts.

Was zeichnet Mathias Berthold aus?

Dreßen Mathias ist ein Mensch, der dir permanent das Gefühl gibt, dass er dich unterstützt, der an dich glaubt. Wenn's schlecht läuft, baut er dich auf und hilft dir. Wenn es gut läuft, sagt er eher: Freu dich nicht zu viel, arbeite weiter, denke weiter. Er hat ein brutales Gefühl für jeden Athleten. Von Tag zu Tag. Denn jeder Tag ist ja anders.

Haben Sie ein Beispiel?

Dreßen Wenn ich zum Beispiel bei einer Besichtigung zu ihm hinrutsche, dann muss er mich nur anschauen und weiß, wie es mir geht. Was ich brauche. Ob er mir Feuer unterm Arsch machen muss oder ober er mich ein bisschen runterbringen muss. Ob er mir die Nervosität nehmen muss. Das ist ganz wichtig, letztendlich ist der Kopf in unserem Sport brutal ausschlaggebend.

Können Sie das näher erläutern?

Dreßen Wenn du am Start stehst und es hemmt dich etwas, dann ist das nicht optimal. Wenn du im Gegensatz dazu zu locker fährst, verschläfst du das Rennen und bringst auch nichts zustande. Es kommt darauf an, dass der Trainer weiß, was der Athlet braucht, und das ist ja bei jedem unterschiedlich. Das zeichnet den Mathias aus, und man merkt ihm auch an, dass er eine brutale Freude hat mit uns. Ich hoffe, dass er noch lange unser Cheftrainer bleibt.

Und was ist das Besondere an Christian Schwaiger?

Dreßen Er kann dich mental sehr stark beeinflussen, motivieren oder runterbringen, egal, was du brauchst. Ich hatte auch noch nie einen Trainer, der so ein Verständnis von der Skitechnik und gleichzeitig vom Abfahrtssport hat. Es ist ja brutal schwierig, die Balance zu finden zwischen Geschwindigkeit und Technik - und im Abfahrtsrennsport brauchst du beides. Ich glaube nicht, dass es da einen besseren Trainer gibt. Ich hoffe, ich habe ihn noch lange.

Mathias Berthold hat vor vier Jahren gesagt, er wolle die deutschen Abfahrer bei Olympia 2018 so weit haben, dass sie um die Medaillen mitfahren können. Was haben Sie gedacht, als Sie das gehört haben?

Dreßen Ich habe erst mal nicht auf diese Ziele geschaut. Ich habe mich darauf konzentriert, dass ich mich vorwärts bewege und keinen Stillstand habe. Damit verändern sich auch die Ziele. Ich denke, man muss sich immer neue Ziele setzen und seine Ansprüche hochschrauben.

Was war Ihr Ziel vor dieser Saison?

Dreßen Dass ich konstant unter die ersten 15 fahre. Ich wollte unbedingt wieder zum Weltcupfinale. In der Abfahrt und im Super-G.

Das scheint ja zu klappen ...

Dreßen In der Abfahrt könnte es sich ausgehen (lacht). Im Super-G weiß ich es noch nicht, da brauche ich schon noch Ergebnisse. Aber grundsätzlich bin ich mit der Saison schon zufrieden, das kann man schon sagen (grinst).

Haben Sie sich selbst überholt mit dem Sieg in Kitzbühel?

Dreßen Gerechnet habe ich damit nicht, auch nicht mit dem dritten Rang in Beaver Creek im Dezember. Dass es in Beaver Creek funktioniert hat, war schon eine coole Geschichte. Bis Kitzbühel war dann aus meiner Sicht nie eine Fahrt ohne Fehler dabei. In Kitzbühel war die Fahrt dann von oben bis unten top.

Haben Sie mittlerweile begriffen, was Sie da angestellt haben?

Dreßen Ich habe es schon gecheckt. Spätestens, wenn ich heimkomme und die Gams sehe. Trotzdem kriege ich immer noch Gänsehaut, wenn ich Bilder oder Fotos sehe. Aber ich konzentriere mich eigentlich immer auf das nächste Rennen. Nach Kitzbühel habe ich mich auf Garmisch konzentriert, und jetzt steht eben Olympia an.

Ist dieser Sieg in Kitzbühel eher Belastung oder Motivation im Hinblick auf Olympia? Sie werden jetzt zu den Favoriten auf eine Medaille gezählt.

Dreßen Mit der Erwartungshaltung von außen beschäftige ich mich überhaupt nicht. Ich konzentriere mich jeden Tag auf meine Leistung. Ich will mich jeden Tag weiterentwickeln. Wenn mir das gelingt, habe ich mein Ziel erreicht. Ich will mich vom ersten Training bis zum Rennen so steigern, dass ich sagen kann: Das war das Maximum, mehr war nicht drin. Mit dieser Erwartungshaltung bin ich nach Südkorea gegangen. Es ist und bleibt ein Skirennen, und ich kann nur meine eigene Leistung beeinflussen. Ich kann nicht beeinflussen, wie die anderen fahren. Wenn ich meine Leistung bringe, muss ich mit dem leben, was dabei herausschaut. Es kann ja auch sein, dass ein anderer den Tag seines Lebens hat.

Aber der Sieg in Kitzbühel gibt schon ein gutes Gefühl, oder?

Dreßen Das hat mir brutal Selbstvertrauen gegeben, weil ich einfach weiß, dass ich, wenn ich einen guten Tag habe, da vorne mitfahren und ein Rennen gewinnen kann. Das ist etwas, was mich beruhigt hat. Ich bin durch diesen Sieg ruhiger geworden, weil ich weiß, ich muss nichts anders machen - das, was ich tue ist gut, wenn ich es runterbringe.

Sind Sie nach dem ganzen Rummel auch froh, dass es jetzt losgeht?

Dreßen Ich war schon froh, als wir in Garmisch waren und ich im Hotel meine Ruhe hatte, da hat mich dann keiner mehr angerufen und wollte noch ein Interview. Deshalb bin ich auch froh, dass wir jetzt in Südkorea sind und ich mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann, und das ist der Sport.

Es heißt, die Strecke in Pyeongchang liege Ihnen, vor allem wegen der langgezogenen Kurven. Wie sehen Sie das?

Dreßen Langgezogene Kurven liegen mir schon ganz gut, das kann man so sagen. Ich war auch vor zwei Jahren hier (beim Weltcup-Rennen) und habe viel Spaß gehabt, aber es wird trotzdem ein Neustart für jeden, die Strecke hat eine ganz andere Charakteristik als Kitzbühel oder Garmisch. Ich muss analysieren, was ich tun kann, damit ich meine Stärken ausspielen kann - und das sind die langgezogenen Kurven.

Analysieren Sie auch die Fahrten ihrer Konkurrenten?

Dreßen Ich bin ein Typ, der beim ersten Training immer nur auf sich schaut. Für mich ist Kontrolle das Wichtigste, egal auf welcher Strecke. Erst wenn ich das Gefühl habe, ich habe die Strecke unter Kontrolle, denke ich drüber nach, wo ich Gas geben kann. Das gibt einem Sicherheit beim Rennen. Und ich schaue mir nicht unbedingt den Schnellsten an, ich schaue mir die Leute an, die eine ähnliche Fahrweise haben wie ich. In Kitzbühel habe ich mir Hannes Reichelt angeschaut, der fährt technisch gut, aber er prügelt nicht immer die engste Linie runter, er hat ein brutales Gefühl wie auch (Beat) Feuz oder (Aksel Lund) Svindal. Die schaue ich mir am liebsten an, weil die mir von der Fahrweise am ähnlichsten sind.

Wenn Sie sich den perfekten Abfahrer zusammenstellen könnten: Welche Fähigkeiten würden Sie sich von wem nehmen?

Dreßen Vom Aksel (Lund Svindal) würde ich mir das Gefühl nehmen. Das Gefühl, das der Kerl hat, das kann man nicht trainieren, das hat man einfach. Dann hat er natürlich auch die Erfahrung, genauso wie der (Beat) Feuz, die zwei haben ein brutales Gefühl für den Ski - wie stark setze ich die Kante ein, wo muss ich eine engere Linie fahren, wo Gas geben, wo eher taktisch fahren. Zum Schluss würde ich mir vom (Vincent) Kriechmayr oder (Hannes) Reichelt die Technik nehmen. Das alles in Kombination.

Haben Sie ein Vorbild?

Dreßen Ich habe ein paar. Mein größtes Vorbild ist Hermann Maier, der steht an erster Stelle. Nicht unbedingt wegen seiner Erfolge, sondern wegen seiner Geschichte. Er hatte es schon schwer, reinzukommen in den Weltcup, dann kam sein Unfall - er hat aber trotzdem weitergekämpft. Seine Mentalität, immer weiterzumachen, nie aufzugeben - das ist etwas ganz Wichtiges. Daron Rahlves (Ex-Rennläufer aus den USA) ist ein Vorbild von der Fahrweise her, die taugt mir einfach. Auch Svindal, den habe ich schon fahren sehen, als ich ein kleiner Bub war. Menschlich ist Sebastian Vettel ein Riesenvorbild, weil er extrem akribisch und zielgenau arbeitet, aber trotz seines Erfolgs bodenständig und ein netter Kerl geblieben ist. Da kann man sich was abschauen.

Sie werden in Pyeongchang neben Abfahrt und Super-G auch die Kombination bestreiten, richtig?

Dreßen Wenn's wer fahren sollte, dann ich, da ist es heuer ja nicht so schlecht gelaufen. Die Kombi ist auf alle Fälle ein Thema für mich. Der Slalom schaut bei mir nicht so gut aus wie beim Felix (Neureuther) oder beim (Marcel) Hirscher, aber ich habe immer Spaß, ich genieße das, wenn wir eine Abwechslung haben, und ich versuche, mich da weiterzuentwickeln, auch wenn das schwierig ist bei dem wenigen Training.

Kein Interesse am Teamwettbewerb?

Dreßen Da gibt es andere, die besser geeignet sind. Wenn sich jemand verletzt, was ich nicht hoffe, wäre ich der Letzte, der nein sagt, aber es gibt da den Linus (Straßer), den Alex (Schmid), den Fritz (Dopfer), also drei, die das viel besser können als ich.

Erst Pyeongchang, dann Peking 2022. Sind sie traurig darüber, dass die nächsten Olympischen Spiele nicht in Europa stattfinden?

Dreßen Wurscht ist es mir nicht. Es wäre mir lieber, wenn Olympia hier in Europa wäre - allein schon, dass der ein oder andere Verwandte oder die Freundin zum Zuschauen kommen könnte. Es haben sich ein paar Laute überlegt rüberzufliegen, aber denen habe ich gesagt, das sollen sie vergessen, das ist zu weit, das kostet zu viel und muss nicht sein. Peking ist auch nicht gerade ums Eck rum, aber das Gute ist, ich bin noch jung, da gehen sich vielleicht auch die Spiele nach Peking noch aus."

Sie planen also locker bis 2026?

Dreßen Ja, da habe ich gehört, dass sich Schladming bewerben will, das wäre natürlich der Hammer, wenn die den Zuschlag bekämen. Ich hoffe es auf alle Fälle, und nicht, dass es wieder irgendwo hingeht. In Pyeongchang soll manches ja wieder abgebaut werden. Ob das Sinn macht, Olympische Spiele dorthin zu vergeben, nur weil da der ein oder andere große Firmenbesitzer mords viel Geld reinbuttert, weiß ich nicht.

Dem IOC wird auch vorgeworfen, die Sportler stünden nicht mehr im Vordergrund. Wie sehen Sie das?

Dreßen Ich finde es zum Beispiel ein bisschen schade, dass man sich genau überlegen muss, welche Fotos man ins Internet stellt und was man da drunterschreiben darf. Ich weiß nicht, ob das in der heutigen Zeit noch angebracht ist. Ich finde das nicht okay. Es wäre besser für Olympia und das IOC, wenn die Leute merken, dass die ein bisschen lockerer werden.

(sid)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Pyeongchang 2018: Thomas Dreßen im Interview


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.