Nordische Kombination: Stirbt die Königsdisziplin aus?
zuletzt aktualisiert: 25.11.2010 - 07:38München/Kuusamo (RPO). Nur noch 14 Weltcup-Wettkämpfe und fünf Wochen Wettkampf-Pause vor der WM: die Nordische Kombination, eine der traditionsreichsten Wintersportarten, kämpft mit großen Problemen.
Wenn Gian Franco Kasper über die Sparte Nordische Kombination spricht, wirkt er schnell ratlos. "Die Entwicklung ist schlecht, aber ich weiß ehrlich nicht, wie wir das ändern sollten", sagt der Präsident des internationalen Skiverbandes FIS dem SID über die Sportart, die auf den Hund gekommen scheint. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, reicht ein Blick auf den Weltcup-Kalender der "Königsdisziplin".
In der am Freitag in Kuusamo beginnenden Saison haben die Kombinierer nur noch 13 Einzel-Wettbewerbe und einen Team-Wettkampf - im Vorjahr waren es insgesamt 21. In den fünf Wochen von Anfang Dezember bis Anfang Januar stehen gerade mal zwei Wettkämpfe auf dem Plan. Und vor dem Saisonhöhepunkt im Frühjahr mit der WM in Olso haben die Athleten gar fünf Wochen Pause.
"Es ist traurig"
"Es ist traurig. Wir haben ganz klar zu wenige Wettkämpfe. Das ist für uns speziell vor der WM sehr schlecht und für die Sportart eine Katastrophe", sagt Bundestrainer Hermann Weinbuch im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst. Kasper versteht das Wehklagen der Aktiven. "Das sind Profis, die wollen sich zeigen. Sie reklamieren zurecht", sagt er. Doch er weiß keinen Ausweg.
Drei Veranstalter haben Zusagen für sechs Wettkämpfe zurückgezogen, weil die sich schlicht nicht refinanzieren lassen. Sowohl die Zuschauer vor Ort als auch die Fans an den Bildschirmen haben das Interesse verloren. Die Kombination gilt als verstaubt. In einer jüngst veröffentlichten Studie bekundeten nur 9,6 Prozent der 14- bis 19-Jährigen Interesse am nordischen Zweikampf. Snowboard dagegen fanden über 40 Prozent der Teenager interessant.
Auch deshalb sprangen Sponsoren ab, was Probleme bei den Veranstaltern mit sich brachte. Die sahen sich zu Absagen gezwungen, was erneut zu geringerer Nachfrage der TV-Anstalten und so zu sinkendem Interesse der Öffentlichkeit führte - ein Teufelskreis.
Die Kombinierer haben einiges getan, um attraktiv zu bleiben. So wurden veraltete Wettkampfformen abgeschafft und der Versuch unternommen, "sie mit den Skispringern zusammenzubringen" (Kasper). Das hat aber nur bedingt geklappt: Nur in Kuusamo, in Lillehammer und zum Saisonabschluss in Lahti ist das in diesem Winter der Fall. "Wir müssen praktisch bei Null anfangen", klagt Kasper.
Dem Sport fehlten in einigen der wichtigsten Ski-Nationen die Champions, sagt er, "ein Ronny Ackermann, bald ein Felix Gottwald". FIS-Renndirektor Uli Wehling meint, "das Hauptproblem" liege "bei den Verbänden und der mangelnden Bereitschaft, Wettkämpfe auszutragen". Weinbuch gibt ihm da recht, betont aber auch: "Die FIS hat es nicht geschafft, dass man mit der Kombination nicht mehr draufzahlt. Und da ist Wehling der Hauptverantwortliche."
Weinbuch fordert Konsequenzen
Weinbuch fordert ein Umdenken: "Wir brauchen kompakte Wettkämpfe, die Biathleten machen es uns vor." Langläufer, Springer und Kombinierer an einem Ort, "das ist die Zukunft - nicht dass jeder eine eigene Veranstaltung macht, die kostet und mit der man bei einem Ausfall totalen Schiffbruch erleidet".
Außerdem hält er eine neuerliche Wettkampf-Reform für nötig: "Wir könnten springen und gleich laufen, innerhalb einer Stunde, um die Zuschauer zu halten. Um neun Uhr springen, um vier laufen - das ist dem Zuschauer nicht zumutbar." Und den TV-Anstalten auch nicht.
Immerhin, es gibt Licht am Ende des Tunnels: In der übernächsten Saison wird es wohl wieder mehr Wettkämpfe geben. "Der Sport ist in einer Übergangsphase. Das Fundament ist in den vergangenen beiden Jahren gelegt worden, nun soll das Haus gebaut werden", sagt Wehling.
Weinbuch ist da weniger optimistisch. "Wir haben uns nicht weiterentwickelt, andere Sportarten schon", sagt er. Auch die Athleten zweifeln. Der Norweger Magnus Moan, Olympiadritter von 2006, weicht in der Wettkampfpause zum Langlauf aus - kompletter Wechsel nicht ausgeschlossen. Und der Finne Anssi Koivuranta, Gesamtweltcup-Sieger von 2009, ist lieber Skispringer geworden.
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