Tournee-Rekordsieger: Hannawald genießt sein "neues" Leben
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 29.12.2010 - 13:02Oberstdorf (RP). Sven Hannawald hat zugelegt. Die enge, schwarze Strickjacke betont den muskulösen Oberkörper. Die Fotos, die einen dünnen Twen beim Badeurlaub zeigen und die Magersucht-Geschichten sind Vergangenheit. Sven Hannawald sieht gut und gesund aus, als er am Rande der 59. Vierschanzentournee der Skispringer Auskunft über seine Pläne und sein Befinden gibt.
"Ich bin komplett ausgeglichen", versichert der 36-Jährige. Seine Worte und sein Auftreten passen zusammen. Im Motorsport habe er sein Glück gefunden. Und dem Skispringen, seiner alten Liebe, kann er sich auch wieder ganz unbefangen nähern.
Es ist noch nicht lange her, dass das anders war. Mit einem Burnout-Syndrom musste er 2004 seine Karriere beenden, zwei Jahre nachdem er als erster und einziger Athlet alle Wettbewerbe der Tournee in einem Winter gewonnen hatte. Zu nichts hatte er mehr Lust, konnte sich zu nichts aufraffen und empfand es als Belastung, sich den Schanzen, die er um die Jahrtausendwende beherrscht hatte, überhaupt nur zu nähern. "Ich wollte nur meine Ruhe haben", sagt er heute. Erst jetzt könne er sich die Übertragungen vom Skispringen ganz ohne Grimm anschauen.
Hannawald und Axel Watter – ein ehemaliger Motorsportjournalist, der ihn heute managt und zum Autorennen gebracht hat – präsentieren sich als Förderer des Skisprung-Nachwuchses. Acht Schwarzwälder Knirpse haben sie mit türkisfarbenen Sprunganzügen und allerhand Material ausgestattet. Als Hannawalds "Schneeflöckchen-Team" sind die Acht- und Neunjährigen künftig unterwegs. Gemeinsamkeiten zum gescheiterten Tennis-Nachwuchsteam von Boris Becker sind unübersehbar: Der Größte aus der Vergangenheit versucht sich irgendwie noch einmal in seiner Sportart, die es gerade schwer hat. Ein bisschen ideelle und finanzielle Unterstützung – mehr leistet Hannawald nicht.
Die Aktion riecht mehr nach PR in eigener Sache als nach zielgerichteter und nachhaltiger Talentförderung. Fürs Foto stellt Axel Watter die kleinen Quirins, Manuel und Linus auf einen Rennwagen Es ist die Corvette Z06.R, mit der Hannawald auf den Rennstrecken und damit auf einem neuen Abschnitts seines Lebenswegs unterwegs ist, 500 PS stark.
Mit einer halben Million Euro und Sponsorenunterstützung haben sich der ehemalige Skispringer und der Manager aus Stuttgart ins Rennsportteam eingekauft. Mit Thomas Jäger, einem ehemaligen DTM-Piloten belegte der Olympiasieger in seiner Premierensaison Rang zwei in der drittklassigen Serie ADAC GT Masters.
Dass er als Hobbyfahrer bezeichnet wird, stört Hannawald nicht. Er weiß, dass kein Schumacher oder Vettel mehr aus ihm wird. Aber er habe den Kick gebraucht, den ihm einst der Flug durch die Lüfte gab. Er vergleicht sich mit Michael Schumacher, der auch vom Rennsport nicht lassen konnte, Motorradrennen fuhr und dann in die Formel 1 zurückkehrte: "Das Streicheln von Pferden gab ihm auch keinen Adrenalinschub."
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