Skisprung-Legende Jens Weißflog: "Uns fehlt ein Talent wie Schlierenzauer"
zuletzt aktualisiert: 09.01.2012 - 10:22Bischofshoven (RPO). Jens Weißflog gewann viermal die Vierschanzentournee und dreimal olympisches Gold. Im Interview spricht der 47-Jährige über das Abschneiden der deutschen Skispringer bei der Tournee, das Ausnahmetalent Gregor Schlierenzauer und das vorzeitige Aus von Martin Schmitt.
Herr Weißflog, haben die deutschen Skispringer bei der Tournee enttäuscht?
Jens Weißflog Die Erwartungshaltung war sicherlich höher, auch wegen der guten Ergebnisse im Vorfeld. Das war der Anspruch. Ich hätte mir durchaus ein oder zwei Podestplätze gewünscht. Ich würde aber nicht sagen, dass man enttäuscht sein muss.
War der Druck zu groß?
Weißflog Ich denke, dass der Druck eine Rolle gespielt hat. Gerade das Springen in Garmisch-Partenkirchen ging daneben, danach geriet man in Zugzwang. Man weiß, man gehört in die Nähe des Podests. Dann denkt man an das Podium, und dann kommen Fehler dazu."
Hatte nicht auch andere Nationen diesen Druck?
Weißflog Natürlich. Die Österreicher haben sich als Favoriten nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das war beeindruckend. Man muss jetzt mit sich ins Gericht gehen und die richtigen Schlüsse aus dieser Tournee ziehen.
Wo liegt der Unterschied zwischen den deutschen und den österreichischen Skispringern?
Weißflog Das Grundniveau ist bei den Österreichern einfach höher. Wenn der eine einen schwachen Tag erwischt, springt der andere ein. Natürlich gehört auch ein wenig Glück dazu. Aber wer über so weite Strecken immer vorne liegt, hat es einfach verdient.
Ist Gregor Schlierenzauer der verdiente Sieger?
Weißflog Absolut. So ein Ausnahmetalent wird nicht jedes Jahr geboren. Man muss sich nur seine Weltcup-Bilanz anschauen: Mit 21 Jahren hat er schon 38 Springen gewonnen. Das ist aller Ehren wert. Uns fehlt so ein Supertalent leider, für ganz nach vorne reicht es derzeit nicht.
Olympiasieger Hans-Georg Aschenbach hat technische Defizite bei den DSV-Adlern ausgemacht. Sie auch?
Weißflog Natürlich hat jeder noch Potenzial. Severin Freund könnte am Schanzentisch besser liegen, auch Richard Freitag kann sich beim Absprung und im Flug verbessern. Er hat noch nicht die Bindung zum Ski gefunden. Aber das kommt.
Wie bewerten Sie die Arbeit von Bundestrainer Werner Schuster?
Weißflog Die ist sehr gut. Das ganze System im Verband ist geändert worden. Ein Maximilian Mechler etwa wurde bei der Stange gehalten. Das war wichtig, es wurde auch auf die zweite Reihe geschaut. Ein Trainer alleine kann nur mit entsprechender Hilfe im Hintergrund arbeiten.
Ist das deutsche Skispringen auf dem richtigen Weg?
Weißflog Die Tendenz ist positiv. Auch Stephan Hocke oder Maximilian Mechler haben sich bei der Tournee gezeigt, Michael Neumayer ist immer wieder da. Das Potenzial ist auf alle Fälle da, das Niveau insgesamt höher als noch vor einem Jahr.
Martin Schmitt musste zur Halbzeit gehen. Ist seine Zeit vorbei?
Weißflog Für ihn wird es immer schwieriger. Schon in der Vorbereitung hatte er Probleme mit dem Knie, die jetzt wieder aufgetreten sind. Es wird nicht einfach für ihn, das Jahr noch positiv zu gestalten. Zu dem einen oder anderen gute Ergebnis ist er aber noch in der Lage.
Sollte er zurücktreten?
Weißflog Er wird selber festlegen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.
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