Flandern-Rundfahrt: Zabel in der Form seines Lebens
zuletzt aktualisiert: 30.03.2000 - 14:12Neuss (sid). Erik Zabel (Foto, links) weiß, was ihn erwartet: "Das ist mein achter Start bei der Flandern-Rundfahrt, und ich bin noch nie ausgestiegen", sagt der 29-Jährige vor dem zweiten Klassiker am Sonntag. Das Wechselbad könnte kaum größer sein. Zwei Wochen nach dem Triumph bei Mailand-San Remo in der Frühlingssonne stehen nun 269 km durch Belgiens Nordwesten an, mit Kopfsteinpflastern, wahrscheinlich bei Wind und Regen. "Aber in den letzten Tagen war es beim Training rund um Unna auch nicht sehr gemütlich", gibt sich der Berliner gelassen.
Siebenmal hat er durchgehalten, meist sich dabei als letzter Telekom-Fahrer in der Spitzengruppe gehalten, aber zum Schluss musste auch er abreißen lassen: im Vorjahr am vorletzten der 15 giftigen Anstiege, der "Mauer" von Geraardsbergen. Sein Wunsch vor dem Start in Brügge: "Ich möchte endlich unter die Top Ten."
Dazu braucht es auch Glück: "Die Defekthexe saß mir in den letzten Jahren immer im Nacken, auf den Kopfsteinen werden Reifen oder Speichen enorm beansprucht." Und nirgendwo wird vorne so erbarmungslos geknüppelt wie im Fegefeuer von Flandern oder eine Woche später in der Hölle von Paris-Roubaix. Wer das Rad wechseln muss, dem hilft nur eine starke Truppe, um wieder Anschluss zu finden.
"Unser Team ist besser als im Vorjahr", glaubt Zabel. Vor allem bei Kai Hundertmarck (30) uns Steffen Wesemann (29) scheint der Knoten geplatzt. Teamchef Walter Godefroot traut beiden sogar zu, in einer Ausreißergruppe mithalten zu können. Und die neue italienische "Lokomotive" Gian-Matteo Fagnini ist auch wieder an Zabels Seite. Diesmal aber eher, um Löcher zuzufahren. Zabel: "Dass er in Meerbeke für mich den Spurt anziehen kann, das ist zu 98 Prozent unwahrscheinlich."
Belgiens größtes Radsportfest ist am Schluss traditionell ein erbarmungsloses Ausscheidungsrennen. Zabel: "Man muss über sechs Stunden lang mental völlig frisch bleiben, sonst ist der Zug weg." Im Vorjahr machten drei Einheimische den Spurt unter sich aus: Peter van Petegem siegte vor Frank Vandenbroucke und Johan Museeuw. Zabel gibt sich keinen Illusionen hin: "Für Ausländer ist es in Flandern so schwer wie nirgendwo sonst. Die Belgier kennen jeden Stein, jede Kurve, jede Windkante."
Aber Zabel ist gereift, nach schon acht Saisonsiegen voller Selbstvertrauen und "nach einer Woche Heimaturlaub" gut erholt. "Früher", sagt er, "habe ich schon 20 Prozent meiner Möglichkeiten eingebüßt, wenn es über die belgische Grenze ging. Diese Angst kenne ich nicht mehr." Walter Godefroot, selbst Flandern-Sieger 1968 und 1978, geht sogar noch weiter: "Der Junge hat die Form seines Lebens. Er ist für mich im Moment der beste Rennfahrer überhaupt auf der Welt."
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