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Düsseldorf
125 Jahre eiserner Klassenkampf

Düsseldorf. Die IG Metall feiert heute in Frankfurt mit Pomp und Prominenz ihre Gründung am Ende des 19. Jahrhunderts. Von Maximilian Plück

Das Leben der MetallArbeiter am Ende des 19. Jahrhunderts war hart und entbehrungsreich. Sechs, manchmal sieben Zwölf-Stunden-Tage pro Woche waren keine Ausnahme. Arbeitsunfälle mit schwerem Gerät waren zur Zeit der Industrialisierung an der Tagesordnung. Konnten die Arbeiter dann dem Unternehmen nicht nachweisen - und das war die Regel -, dass dieses für den Unfall verantwortlich war, folgte oft zwangsläufig der Absturz in die Verarmung. Verhandlungen um bessere Arbeitsbedingungen, wenn sie überhaupt zustande kamen, ähnelten allenfalls einem kollektiven Betteln. Die Macht lag klar aufseiten der Arbeitgeber.

Dass dies lange Zeit so blieb, hatte seinen Grund. Zwar führte Reichskanzler Otto von Bismarck in den 1880er-Jahren zur Beruhigung der Arbeiterklasse Schritt für Schritt Sozialversicherungen ein, aber 1878 hatte er bereits mit den Sozialistengesetzen den Gewerkschaften im Handstreich den Garaus gemacht. Sie blieben verboten.

Doch wo Unrecht und Repression herrschen, da finden die schlecht Behandelten Mittel und Wege, um sich still und heimlich zu organisieren. Bei den Arbeitern des deutschen Kaiserreiches waren es unverdächtig klingende Suppenvereine, Unterstützungskassen oder sogenannte Vergnügungsvereine, in denen sie sich - wenn auch heimlich - vernetzten und gegenseitig ihr Leid klagten. Erst mit dem Ende der Ära Bismarck und dem Auslaufen des Sozialistengesetzes war der Weg zurück in die Öffentlichkeit bereitet: Vor genau 125 Jahren gründete sich in Frankfurt der Deutsche Metallarbeiter-Verband - die Vorgängerorganisation der IG Metall.

Heute will Deutschlands größte Gewerkschaft mit viel Pomp und Prominenz in der Frankfurter Paulskirche an diesen historischen Tag erinnern. Bundestagspräsident Norbert Lammert wird die Festrede halten, im Publikum sitzen die Minister Sigmar Gabriel und Andrea Nahles - beide nicht nur SPD-, sondern auch IG-Metall-Mitglieder. TagesschauSprecherin Linda Zervakis moderiert den launigen Teil, bei dem die Soulsängerin Cassandra Steen auftritt, auch ein Schumann-Streichquartett wurde gebucht.

Es soll eine fröhliche Feier werden mit einem Hauptaugenmerk auf den zahlreichen Erfolgen der Riesenorganisation, die heute mit 2,27 Millionen IG-Metallern fast doppelt so viele Mitglieder fasst wie alle im Bundestag vertretenen Parteien zusammen. Es wird ein Streifzug durch bewegte Jahre: die Zerschlagung der Gewerkschaften unter den Nazis, die Neugründung und entbehrungsreiche Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, der 16-wöchige Streik für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in den 50er-Jahren und erfolgreiche Einigungen wie die Verkürzung der Arbeitszeit ("Am Samstag gehört Vati mir"), eine Verlängerung des Urlaubs, mehr Mitbestimmung in den Aufsichtsräten, mehr Urlaub und natürlich immer auch: mehr Lohn - eindrucksvoll zuletzt demonstriert mit der gerade erst erreichten Tarifeinigung für die Metall- und Elektroindustrie in Höhe von 4,8 Prozent für zwei Jahre.

Die Leichtigkeit der Jubiläumsveranstaltung wird nicht darüber hinwegtäuschen können, dass vor IG-Metall-Chef Jörg Hofmann große Herausforderungen liegen. Er sah sich in der jüngsten Tarifrunde dazu genötigt, die Tarifflucht vieler Unternehmen zum Thema zu machen. Der Flächentarifvertrag wird - obgleich er für Krisenbetriebe Ausnahmen vorsieht - oft als zu starr wahrgenommen. Viele Unternehmer suchen ihr Heil in der Flucht.

Auch fällt das Jubiläum in das Jahr, in dem der Abgas-Skandal beim Branchenprimus Volkswagen immer noch schwelt. Fragen, wieso es ausgerechnet in dem am besten mitbestimmten Unternehmen der Republik zu einem derartigen Fall kommen konnte, werden von Gewerkschaftern oft mit dem Hilfsverweis auf die alleinige Schuld des Managements umschifft.

Und dann wäre da noch die Großbaustelle "Industrie 4.0". Droht bald die menschenleere, weil voll vernetzte Fabrik? Werden einige wenige gut ausgebildete Fachkräfte von diesem Wandel profitieren, während zugleich ein großes Heer von Billigheimern allenfalls noch Hilfstätigkeiten ausübt? Und wie lässt sich in der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt verhindern, dass die Arbeitgeber zu starken Dauerzugriff auf die Beschäftigten bekommen? Diese Fragen zeigen, dass der eiserne Klassenkampf auch nach 125 Jahren längst nicht vorbei ist.

Quelle: RP
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