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Düsseldorf
Absichern gegen Cyberkriminelle

Düsseldorf. Angriffe über das Datennetz passieren immer häufiger. Entsprechend steigt die Nachfrage nach Versicherungen gegen die IT-Kriminalität. Von Georg Winters

Attacken auf Computernetzwerke, mit denen eine ganze Infrastruktur lahmgelegt werden kann, nehmen weltweit zu. Jeder Cyberangriff auf ein Unternehmen hat die betroffene Firma im vergangenen Jahr durchschnittlich 11,8 Millionen Dollar (rund zehn Millionen Euro) gekostet. Das ist fast ein Viertel mehr als im Vorjahr, wie die Beratungsgesellschaft Accenture ermittelt hat. "Es wird geschätzt, dass jedes zweite Unternehmen in Deutschland schon mal Opfer eines Angriffs geworden ist", sagt Stefan Sigulla, Vorstandsmitglied des Versicherers HD Global.

Versicherungen gegen solche Cyberattacken werden immer wichtiger. Noch ist das Prämienvolumen relativ klein, doch die Großen der Branche sehen einen gewaltigen Markt - nicht nur im Firmenkunden-, sondern auf Dauer auch im Privatkundengeschäft. "In den USA hat die Cyber-Problematik einen ganz anderen Stellenwert, aber die Nachfrage nach solchen Versicherungen in Europa wächst enorm", sagt Sigulla. Das sei so ähnlich wie bei den D&O-Versicherungen. Solche Vermögensschadenhaftpflichtpolicen, die Unternehmen beispielsweise für Vorstände zunächst recht zögerlich gekauft hätten, würden heute wie selbstverständlich abgeschlossen.

Der Industrieversicherer HDI Global gehört zur Talanx-Gruppe und ist einer der etwa 15 Anbieter von Cyberversicherungen in Deutschland. Das Unternehmen gewährt Deckungen bis 25 Millionen Euro, in Einzelfällen bis 50 Millionen Euro.

Aktuelle Deckungssummen: zwischen 25 Millionen und 50 Millionen Euro. Mitspieler auf diesem Markt sind unter anderem die Allianz, AIG und Hiscox. "Wir versichern international tätige Kunden. Das läuft dann über Versicherungskonsortien, weil die Risiken bei den großen Unternehmen für einen Versicherer allein zu groß wären", sagt Sigulla. Das sind natürlich vor allem die großen Konzerngesellschaften mit Milliardenerlösen. Aber der am schnellsten wachsende Markt sind Mittelständler mit einem Umsatz von 50 Millionen Euro aufwärts, die sogenannten "Hidden Champions".

Die größte Gefahr lauert aus Sicht des HDI-Managers im Unternehmen selbst - durch Mitarbeiter, die sich beispielsweise an ihrem Arbeitgeber rächen oder ihn erpressen wollen. Mit immensen Folgen. "Da kann die ganze Produktion ausfallen. Oder jemand beschädigt die Software für ein Hochregallager, dann kann die Übersicht über den gesamten Lagerbestand vernichtet werden", so Sigulla.

Aber natürlich ist auch Industriespionage immer wieder ein Thema. Wenn beispielsweise Kundenbestände gestohlen werden, ist das ein ganz heißes Thema: "Alle, die mit Endkunden arbeiten, haben sehr sensible Daten."

Und wie kalkuliert man als Versicherer die Beiträge? Der Experte nennt ein Durchschnitts-Beispiel für die Branche: "Ein Unternehmen mit 100 Millionen Euro Umsatz und 500 Mitarbeitern versichert sich gegen fünf Millionen Euro Cyberschaden. Bei 50.000 Euro Selbstbeteiligung zahlt es dann 25.000 Euro Prämie." Aber die Prämien seien noch schwer zu kalkulieren, räumt Sigulla ein: "Es ist ein neuer Markt in einem neuen Umfeld mit neuen Risiken."

Cyberpolicen sind aus Sicht des Managers nicht auf Firmen beschränkt. "Das wird ein Massenmarkt", glaubt Sigulla. Privatnutzern ist das Risiko ihres Tuns zwar bewusst, aber eine Versicherung halten viele noch nicht für nötig. Bei einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom erklärten 52 Prozent der rund 1000 Befragten, sie würden sich auf keinen Fall gegen kriminelle Vorfälle im Internet versichern. Vor allem für ältere Onliner seien solche Policen kein Thema, erklärte der Verband. 59 Prozent der über 65-jährigen schlössen solch einen Versicherungsschutz für sich aus. Dabei kann Phishing jeden treffen, Schadsoftware immense Probleme am Rechner auslösen, Kreditkartenbetrug den Geschädigten um viel Geld bringen. Aber nur jeder 20. will sich auf jeden Fall gegen Cyberkriminalität versichern.

Aktuelle Software, Anti-Viren-Programme, Firewalls, keine dubiosen E-Mails öffnen, keine Apps aus unbekannten Quellen herunterladen - die Tipps von Bitkom-IT-Sicherheitsheitsreferent Nabil Alsabah klingen banal. Aber viele beherzigen diese Ratschläge dann eben doch nicht.

Was den Versicherungsschutz angeht, empfiehlt Alsabah: "Genau prüfen, in welchen Fällen gezahlt wird und in welchem Umfang." Gerade im privaten Umfeld sei ein konkreter finanzieller Schaden häufig schwer zu beziffern und zu belegen. Und gerade die vermeintlichen Profis fallen dann auf Kriminelle rein: "Digital Natives sind oft unbefangener und vielleicht auch deswegen häufig weniger problembewusst als Anfänger", sagt Sigulla.

Versicherungen bei Cyberkriminalität gegen Privatleute beschränken sich indes nicht nur auf den Ersatz materieller Schäden. Wer beispielsweise in der Schule unter Cybermobbing von Klassenkameraden leidet, kann schwere seelische Schäden davontragen und benötigt oft die Hilfe von Therapeuten, um die Probleme in den Griff zu bekommen. "Da zahlt der Versicherer dann möglicherweise auch die therapeutische Hilfe", sagt Sigulla. HDI Global als Industrieversicherer biete ein solches Produkt für Privatkunden aber nicht an.

Quelle: RP
 
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