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Düsseldorf
Am Boden

Düsseldorf. Dauerstreiks der Piloten, Reibereien mit den Flugbegleitern, dazu noch ein neuer Tarifkonflikt mit Verdi - die Lufthansa kommt nicht zur Ruhe. Von Maximilian Plück

Was für eine Woche für Deutschlands größte Fluggesellschaft. Am Dienstagabend kündigte die Vereinigung Cockpit (VC) für den darauffolgenden Tag den Streik der Lufthansa-Piloten auf der Kurz- und Mittelstrecke an. Als dieser in vollem Gange war, rief die VC ihre Mitglieder auf der Langstrecke und bei der Frachttochter Cargo zu Arbeitsniederlegungen auf. Gestern war dann erneut die Kurz- und Mittelstrecke betroffen, heute sind wieder Langstrecke und Fracht an der Reihe. Die Lufthansa warnte ihre Kunden in einem Brief, dass es zu weiteren Ausständen kommen könnte, und forderte die Piloten zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf.

Anlass für den mittlerweile zwölften Streik ist das erneute Scheitern der Tarifgespräche um die Übergangsversorgung: In den vergangenen Jahren war es Piloten möglich, im Alter von 55 Jahren ohne Abzüge aus dem Unternehmen auszuscheiden. Voraussetzung für diese Regelung war, dass das Durchschnittsalter aller ausscheidenden Piloten in den vergangenen fünf Jahren nicht unter 58 Jahren lag. Kritiker gehen davon aus, dass die VC dies nur als Vorwand benutzt und in Wirklichkeit Druck gegen die unliebsamen Sparpläne machen will.

Die Arbeitskämpfe sind aus Sicht des Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt äußerst gefährlich - nicht zuletzt für die Streikenden selbst: "Die Pilotenstreiks haben die Einsparungen durch das Programm Score schon wieder aufgefressen", sagte Großbongardt unserer Zeitung: "Die Piloten sägen mit ihrer fundamentalistischen Haltung an dem Ast, auf dem sie sitzen." Die VC berufe sich auf Zusagen, die vor zehn Jahren in einem völlig anderen Umfeld gemacht worden seien. "Sie ignoriert völlig das schwierigere Marktumfeld durch Billigflieger und solvente arabische Langstrecken-Anbieter. Außerdem beharren die Lufthansa-Piloten auf Privilegien, die es so bei keiner anderen Beschäftigtengruppe im Konzern gibt", so Großbongardt. Das Fundament von Sozialpartnerschaft und Tarifautonomie werde infrage gestellt, wenn rund 5000 Piloten ihre Besitzstände durchkämpfen wollten - zu Lasten der übrigen 120 000 Beschäftigten des Unternehmens und weiterer Tausender Arbeitsplätze an den Flughäfen, kritisierte Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbandes der Luftverkehrswirtschaft.

Dass sich die Piloten so unerbittlich zeigen - sie schließen Streiks an den Ostertagen nicht aus -, liegt nach Ansicht Großbongardts unter anderem daran, dass sie sich um einen Job keine Gedanken machen müssten. Das sei bei anderen Berufsfeldern nicht der Fall. "Deshalb befindet sich die Ufo auch schon im Prozess der Schlichtung", so der Experte. Derzeit bemühen sich die Ex-Politiker Herta Däubler-Gmelin und Friedrich Merz, den Konflikt mit der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (Ufo) beizulegen.

Als wären das nicht schon genügend tarifpolitische Baustellen für das Management, legte gestern Verdi eine Forderung von 5,5 Prozent mehr Gehalt für die rund 33 000 Lufthansa-Beschäftigten am Boden sowie bei den Tochtergesellschaften für Technik, Catering, Fracht und IT vor. Die Beschäftigten hätten einen erheblichen Nachholbedarf, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Christine Behle. "Die Beschäftigen am Boden haben mit der Einführung neuer Vergütungssysteme bereits 2005 für wettbewerbsfähige Einkommen ihren Beitrag geleistet. Mit der Bewältigung der Umstrukturierung der letzten Jahre und der damit einhergehenden Arbeitsverdichtung haben sie ein Weiteres getan", sagte sie. Ein Lufthansa-Sprecher bezeichnete die Forderung als "deutlich überzogen".

Neben den eigenen Tarif-Baustellen gibt es noch diejenigen, auf die die Lufthansa keinen Einfluss hat: etwa die gestrigen Streiks der Fluglotsen in Italien und der Bodenabfertiger von Acciona am Flughafen Frankfurt, wo die Beschäftigten bis in den Abend zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen waren.

Quelle: RP
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