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Amazon-Logistikzentrum
Pac-Man am Niederrhein

Rheinberg. Jeden Tag verschickt das Amazon-Logistikzentrum in Rheinberg eine sechsstellige Zahl an Paketen. Die Menschen, die hier arbeiten, werden von Algorithmen gesteuert – unzufrieden sind sie damit nicht. Von Florian Rinke

Lutz Müllers Job erinnert an das Computerspiel "Pac-Man" - nur mit vertauschten Rollen. In dem Spiel steuert ein Mensch eine Kugel durch ein Labyrinth. Im Amazon-Logistikzentrum Rheinberg steuert ein Computer am Handgelenk den 49-Jährigen durch die Gänge, während dieser Artikel in einen Wagen legt. Es ist ein permanenter Wettlauf gegen die Zeit, denn manche Artikel verlassen schon 90 Minuten nach der Bestellung das Lager, um noch am selben Tag beim Kunden zu sein.

Doch dafür sieht Müller ganz entspannt aus. Nach vier Jahren bei Amazon ist der Job Routine. Und auch über Bestellungen wundert er sich längst nicht mehr. Die meisten Produkte seien Computerzubehör Kabel, Filme und Bücher, doch es sei auch interessant, "wie viele verschiedene Arten Erotikartikel es gibt", sagt er. Wer die Sachen am Ende bekommt, weiß er nicht, das System zeigt nur die Artikelnummern an.

Seit fünf Jahren gibt es den Amazon-Standort in Rheinberg nun. 1900 Mitarbeiter verpacken und verschicken hier jeden Tag eine sechsstellige Zahl von Paketen. Die Lieferzeiten hat Amazon dabei im Laufe der Jahre immer weiter verkürzt, inzwischen werden von Rheinberg aus tagesaktuell Pakete ins Ruhrgebiet, nach Düsseldorf oder Köln geliefert. Damit das gelingt, wurde die Logistik optimiert. "Früher sind unsere Mitarbeiter pro Schicht etwa 15 Kilometer gelaufen, jetzt sind es nur noch ungefähr zehn", sagt Standortleiter Karsten Frost.

Analyse gewaltiger Datenmengen

Wie das System Amazon funktioniert, erfährt man am besten, wenn man den Weg einer Bestellung im Logistikzentrum verfolgt: Auf vier Etagen lagern in Rheinberg rund eine Million Artikel. Ohne den Scanner am Handgelenk, würden sich die Mitarbeiter wohl kaum zurechtfinden. Haargel liegt neben einem Spiel von Ravensburger, ein Computerkabel neben einer Decke, eine CD neben einem Küchengerät. Manche Artikel finden sich an mehreren Stellen gleichzeitig - auch das hilft beim Optimieren der Wege. Andere Produkte werden wiederum so angeordnet, dass häufig zusammenbestellte Artikel möglichst nah beieinanderliegen. Zufälle, das wird schnell klar, gibt es bei Amazon kaum - dank der Analyse gewaltiger Datenmengen.

Müller hat seine Kiste fertig gepackt, stellt sie auf ein Förderband und macht sich auf den Weg. Immer und immer wieder. Speziell zu Beginn der Woche ist viel zu tun, weil die Kunden am Sonntagabend auf dem Sofa sitzen und einkaufen. Und natürlich in der Weihnachtszeit, wenn DUS2, wie das Logistikzentrum intern heißt, mal eben seine Mitarbeiterzahl verdoppelt.

So ist auch Christian Radtke hier gelandet. Der 35-Jährige aus Alpen hat im Weihnachtsgeschäft 2011 bei Amazon angefangen, seit 2013 hat er einen Festvertrag. "Ich habe eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht", sagt er. Sieben Jahre habe er für eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet, eine feste Stelle wurde daraus nie. "Irgendwann habe ich gesagt: Mit 900 Euro im Monat komme ich nicht weit." So kam er zu Amazon. Man hört viele Geschichten wie die von Radtke - denn Amazon bietet fast jedem eine Chance. Die Abläufe sind so optimiert, dass jeder binnen Stunden eingearbeitet werden kann. Sprache, Nationalität, Berufslaufbahn, Vorstrafen - alles kein Ausschlusskriterium.

Logistik als Jobmotor

Im Winter werden die Mitarbeiter mit Bussen sogar aus Essen und anderen Teilen des Ruhrgebiets geholt. "Amazon ist von enormer Bedeutung für den Arbeitsmarkt in der Region und ist beispielsweise auch Ausbildungsbetrieb", sagt Rheinbergs Bürgermeister Frank Tatzel. "Das Unternehmen hat Rheinberg als Logistikstandort bekannt gemacht, dadurch haben sich hier auch weitere Betriebe angesiedelt."

Die Logistik ist tatsächlich ein Jobmotor. Bei Amazon erinnern die Namen der Konferenzräume an die Zeit vor dem Strukturwandel, sie heißen "Zeche Zollverein" oder "Margarethenhöhe". Doch die gut bezahlten Industriestellen sind Billigjobs in der Logistik gewichen. 10,31 Euro verdient man in Rheinberg am Anfang pro Stunde, plus Zuschläge. In der Region gilt das als gute Nachricht.

Die Gewerkschaft Verdi bestreikt zwar auch den Standort Rheinberg seit Jahren, doch dem Ziel, einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzelhandels zu bekommen, ist man bislang kein Stück näher. Die Gewerkschaft tut sich schwer, eine breite Masse von Mitarbeitern für Streiks zu gewinnen.

Aylin Tekin, 23 Jahre alt, sortiert Artikel aus Kisten in einen Wagen mit verschiedenen Fächern. "Das Team ist hier total nett, die Atmosphäre sehr gut", sagt sie, während sie zwei Bücher zu einem Film legt. Hier wird zum ersten Mal aus einzelnen Artikeln eine Bestellung. 1,7 Artikel stecken im Schnitt in einem Paket. Die Wagen werden anschließend zu Arbeitsplätzen gebracht, wo Mitarbeiter sie verpacken und versandfertig machen. Etwa Anna Otto, die stolz erzählt, dass sie erst seit Juni da sei, aber schon einen festen Vertrag bekommen habe, weil ihr Vorgesetzter so zufrieden gewesen sei.

Erzählt man Jörg Schüring davon, muss er lachen, denn ganz so schön ist die Geschichte vom tollen Arbeitgeber Amazon am Ende eben doch nicht. Die Bedingungen hätten sich zwar verbessert, sagt der Betriebsratsvorsitzende, es gebe keine willkürlichen Zehnstundenschichten mehr und in der Kantine werde frisch gekocht. Auch die Zusammenarbeit mit Standortleiter Frost funktioniere recht gut, weil man vieles auf dem kurzen Dienstweg klärenkönne. Doch für die Entfristung von Jobs habe sich vor allem der Betriebsrat eingesetzt: "Als zuletzt 400 befristete Stellen geschaffen werden sollten, haben wir darauf bestanden, dass gleichzeitig zehn Prozent der Stellen der Stammbelegschaft entfristet werden."

Schüring zufolge hat Amazon daran kein großes Interesse, weil das Unternehmen bestrebt ist, die Zahl Festangestellter unter 2000 zu halten: "Hätten wir mehr als 2000 Mitarbeiter, müsste der Aufsichtsrat des Standorts laut Gesetz zu gleichen Teilen besetzt sein." Am Ziel des Tarifvertrags will Schüring nicht rütteln: "Ohne geht es nicht. Ich finde es schade, dass Amazon sich in diesem Punkt überhaupt nicht bewegt, weil ich glaube, dass man sich relativ schnell einigen könnte."

Quelle: RP
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