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Rheinberg
Amazon verspricht Lieferung bis Heiligabend

Rheinberg. Der Konzern sagt zu: Wer am 23. Dezember bestellt, bekommt rechtzeitig sein Paket. Trotzdem zeigen die Streiks Wirkung. Von Florian Rinke

Im Oktober gab sich Ralf Kleber noch gelassen: "Das Glatteis bereitet uns jedes Jahr mehr Kopfzerbrechen als die Verdi-Aktionen." Angesichts frühsommerlicher Temperaturen könnte der Deutschland-Chef von Amazon den Feiertagen also eigentlich entspannt entgegenblicken - doch der Gewerkschaft dürfte es nun ebenfalls gelungen sein, den Online-Händler ins Schlingern zu bringen.

Erst ließ die Gewerkschaft erfolgreich die Sonntagsarbeit am vierten Advent in mehreren deutschen Logistikzentren verbieten. Gestern rief sie dann auch noch an vier Standorten zum Streik auf - teilweise bis Heiligabend. An den NRW-Standorten Rheinberg und Werne legten zu Beginn der Frühschicht 250 beziehungsweise 80 Mitarbeiter die Arbeit nieder. Im Tagesverlauf dürfte die Zahl gestiegen sein. "An den Streiks beteiligen sich in der Regel durchschnittlich 500 Mitarbeiter in Rheinberg und 150 in Werne", sagt Silke Zimmer, die bei Verdi in NRW den Fachbereich Handel leitet. Sie betont: "Die Beschäftigten streiken nicht gerne gegen ihren Arbeitgeber, aber es geht ihnen um faire Löhne und Anerkennung für ihre Arbeit." Verdi will einen Tarifvertrag zu Konditionen des Einzelhandels durchsetzen, Amazon lehnt das ab.

Der Online-Händler betont zwar, dass die Streiks "überhaupt keine Auswirkungen auf unsere Lieferzusagen für die Kunden" haben - doch mit dieser Formulierung verspricht man im Grunde nur, dass Bestellungen bis Heiligabend ankommen. Doch bedeutet das auch, dass Kunden des kostenpflichtigen Service Prime, wie versprochen, Bestellungen am nächsten Tag bekommen?

Denn selbst wenn Amazon für die Belieferung seiner Kunden inzwischen auf ein europaweites Netz von Logistikzentren zurückgreift - an den deutschen Standorten stören die Arbeitsniederlegungen den Betriebsablauf. "Natürlich werden die Streiks die Arbeit belasten", sagt Jörg Schüring, Betriebsratsvorsitzender in Rheinberg. Dies beginne damit, dass Kollegen aus der Warenannahme in die Warenausgabe verschoben würden, sich also um das Zusammenstellen und Verpacken von Bestellungen kümmern. "Da wird irgendwann die neu angelieferte Ware vor der Tür stehen bleiben."

Auch das Verbot der Sonntagsarbeit dürfte die Planungen bei Amazon erschwert haben - zumal anscheinend deutlich weniger Saisonarbeitskräfte eingesetzt werden als geplant. Amazon wollte allein in Rheinberg bis zu 1800 Saisonarbeitskräfte für das Weihnachtsgeschäft einstellen - und hatte dafür Shuttle-Busse bis ins 50 Kilometer entfernte Essen eingerichtet. Laut Betriebsrat arbeiten aktuell jedoch nur etwa 1500 Saisonkräfte am Niederrhein.

Um die Bestellungen rechtzeitig liefern zu können, müssen die Mitarbeiter in Rheinberg aktuell länger arbeiten. "Im Rahmen einer Betriebsvereinbarung wird von Montag bis Mittwoch jeden Tag neun statt acht Stunden pro Schicht gearbeitet", sagt Schüring, der nicht an den Streiks teilnimmt, weil er parallel versucht, für möglichst viele der Saisonkräfte einen Anschlussvertrag zu verhandeln: "Der Betriebsrat steht aber weiterhin voll hinter den Zielen der Gewerkschaft."

Amazon wandelt immer wieder nach dem Weihnachtsgeschäft Zeitverträge in unbefristete Stellen um - im Januar sollen es noch einmal 200 sein. "Die befristeten Verträge bieten ein enormes Druckpotenzial", kritisiert Silke Zimmer. Für Verdi ist die Zahl der befristeten Verträge auch eine Erklärung dafür, warum sich ein Großteil der rund 10.000 Amazon-Mitarbeiter nicht am Streik beteiligt. Wirkung zeigt er aus Verdi-Sicht dennoch: "Die Tariferhöhungen im Einzelhandel im September hat Amazon an die Beschäftigten weitergegeben." Kurios daran: Wieso gibt Amazon Tariferhöhungen im Einzelhandel weiter - obwohl man sich doch nach eigenen Angaben als Logistiker sieht?

Quelle: RP
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