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Düsseldorf
An der Börse ist Mode nicht in Mode

Düsseldorf. Unternehmen wie Gerry Weber und Hugo Boss sind am Aktienmarkt abgestürzt, der Börsengang von Steilmann war ein Flop. Den Markenherstellern fehlen Vertriebskanäle, weil H&M, Primark und Co. die traditionellen Boutiquen verdrängen.

Es sind schwierige Zeiten für die deutsche Textilindustrie. Die Kunden geben ihr Geld immer häufiger lieber für Handys und Reisen aus als für neue Garderobe. Wichtige Auslandsmärkte wie Russland stecken in der Krise. Und der warme Winter verdarb in großen Teilen Europas und Nordamerikas den Verbrauchern die Lust auf die Winterkollektionen. Erstmals habe sich deshalb die deutsche Modeindustrie 2015 vielleicht sogar "noch einen Ticken schlechter" entwickelt als der seit Jahren schwächelnde deutsche Modehandel, meint der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes GermanFashion, Thomas Rasch.

Einige namhafte Hersteller traf es besonders hart: Gerry Weber, Hugo Boss und Steilmann schockten 2015 die Börse mit Gewinnwarnungen. Tom Tailor kündigte ein Kostensenkungs- und Effizienzprogramm an, das die Schließung unprofitabler Filialen und eine deutliche Verringerung des Expansionstempos vorsah.

Die Folgen waren dramatisch. Ex- Börsenliebling Gerry Weber verlor 2015 rund 63 Prozent an Wert. Die Tom-Tailor-Aktie verzeichnete zwischen Januar und Dezember Einbußen von mehr als 55 Prozent. Der Kurs der Hugo-Boss-Aktie brach zwischen August und Jahresende um mehr als 30 Prozent ein. Auch der mit großen Hoffnungen gestartete Börsengang von Steilmann geriet zum Trauerspiel: Der Modekonzern musste die Zahl der an die Börse gebrachten Papiere von geplanten 19,5 Millionen auf 2,5 Millionen reduzieren und auch beim Preis am untersten Ende der festgelegten Preisspanne bleiben. "Mode nicht in Mode", titelte das Branchenfachblatt "Textilwirtschaft" angesichts des Börsendebakels der Branche.

Die Gründe für diese Entwicklung seien vielfältig, betont Rasch. So mache den Unternehmen zu schaffen, dass Mode gegenüber anderen Konsumgütern an Bedeutung verloren habe. Aber auch der radikale Wandel des Modehandels stellt die Hersteller vor Herausforderungen. Ketten wie H&M, Zara oder Primark, die alle Schritte vom Modedesign bis zum Verkauf in einer Hand vereinigen, haben immer mehr klassische Textilkaufhäuser und Boutiquen aus den Innenstädten verdrängt. Damit haben sie den Markenherstellern wichtige Vertriebskanäle genommen.

Um ihre Produkte dennoch verkaufen zu können, setzten etliche Modemarken auf eigene Läden. Doch ging die Rechnung nicht immer auf. Einige Hersteller seien offenbar Opfer ihrer Wachstumspläne geworden, meint Rasch. Es sei nicht leicht, sich auf dem deutschen Markt mit seinem Überangebot zu behaupten. Die ohnehin schwierige Situation sei dann durch den ungewöhnlichen Wetterverlauf Ende 2015 noch einmal zugespitzt worden: "Der milde Winter war der Tsunami in der Modebranche", meint Rasch.

Also nur Verlierer? Natürlich nicht. So glänzte etwa der Sportartikelhersteller Adidas, der vom Branchenblatt "Textilwirtschaft" ebenfalls zu den Fashion-Aktien gerechnet wird, mit einem Umsatzrekord in China und deutlichen Absatzsteigerungen im Internet. Die Folge: Die Aktie des Sportartikelherstellers gewann 2015 etwa 58 Prozent an Wert. Rivale Puma legte 17 Prozent zu.

2016 dürfte für viele Hersteller nicht leichter werden. H&M und Zara wollen wachsen, Primark setzt neue Maßstäbe in der Verbindung von modischer Aktualität und Discount, die Internethändler Amazon und Zalando punkten mit gigantischer Auswahl und Preistransparenz. Da müssen sich Gerry Weber und Co. einiges einfallen lassen.

(dpa)
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