Deutsche Telekom: Angst vor Heuschrecken
VON SILKE FREDRICH - zuletzt aktualisiert: 27.04.2007 - 12:06Bonn (RPO). Der Aktienkurs der Deutschen Telekom dümpelt derzeit unter dem Ausgabepreis von 1996. Konzernlenker René Obermann muss den Unternehmenswert schnell steigern. Andernfalls droht gar eine Übernahme durch Investoren.
„Ich halte es nicht für ausgeschlossen, Gegenstand von Übernahmeszenarien zu werden, wenn es uns nicht gelingt, in den nächsten Jahren die Unternehmensbewertung zu steigern“. Mit dieser Aussage rechtfertigt Telekom-Chef René Obermann seinen rigiden Sparkurs und den stetigen Konzernumbau. Er verweist dabei auf das Beispiel der Deutschen Börse, die von Finanzinvestoren zu einem Strategiewechsel gezwungen worden war. Dies könne auch bei der Telekom geschehen, wenn aktive Aktionäre in eine direkte Auseinandersetzung mit dem Telekom-Vorstand treten würden.
Was die Gewerkschaft Verdi als Drohgebärde der Arbeitgeberseite im Gerangel um die Gründung der neuen Tochtergesellschaft T-Service einstuft, ist für Analysten der Telekommunikationsbranche ein durchaus realistisches Szenario. Zumindest auf dem deutschen Markt hat sich das Unternehmen lange auf seiner Vormachtstellung ausgeruht, findet Chris-Oliver Schickentanz, Analyst bei der Dresdner Bank. Um den Wert der Telekom zu steigern und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, müsse Obermann die Kosten massiv senken. Allein in Deutschland beläuft sich der Kostennachteil auf 1,5 Milliarden Euro im Vergleich zum Wettbewerb.
Momentan sei jedoch der Bund mit seiner Konzernbeteiligung von 30 Prozent eine Garantie gegen eine feindliche Übernahme. Doch Schickentanz glaubt, dass auch der Bund bald die Geduld verliert, weil der Privatisierungserlös nicht hoch genug ausfällt. Der Analyst hält eine endgültige Zerschlagung bereits im Jahr 2010 für realistisch: Der Bund könnte seine Anteile zum Verkauf anbieten und der mit 4,5 Prozent beteiligte Investor Blackstone entsprechend groß einsteigen. Ein weiteres Indiz: Der Kündigungsschutz für die 50000 ausgelagerten Beschäftigten T-Service endet zudem in diesem Jahr, was einen Verkauf erleichtert. Bei der Geschäftskundensparte T-Systems zeichnet sich bereits jetzt ein Verkauf mit Telekom-Minderheitsbeteiligung ab. Mit einem Schlag würden tausende Stellen in Deutschland aus der Bilanz verschwinden.
Frank Rothauge, Telekommunikationsspezialist beim Bankhaus Sal. Oppenheim wirft dem Konzern vor, in der Vergangenheit nicht genug in wachsende Märkte investiert zu haben. Gemeint sind Schwellenländer wie Indien. Jetzt ist der Markt jedoch weitgehend leer gekauft, ein nachträglicher Einstieg somit zu teuer. An den Sparmaßnahmen mit massivem Personalabbau komme das Unternehmen deshalb nicht mehr herum. „Bei der Telekom arbeiten immer noch 60000 Menschen zu viel.“
Um das Ruder auch künftig in der Hand zu halten, rät Analyst Schickentanz, die boomende T-Mobile USA mit 20 Prozent an die Börse zu bringen, um eine höhere Bewertungstransparenz zu erreichen. Denn in Deutschland steht spätestens 2012 die nächste Kündigungswelle an. Bis dahin will der Konzern sein Netz auf Internettechnik umstellen. Tausende Techniker werden damit überflüssig.
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