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AOK-Chef Litsch im Interview
"Minister Gröhe wird zusätzlich 40 Milliarden Euro ausgeben“

AOK-Chef Litsch: "Minister Gröhe wird zusätzlich 40 Milliarden Euro ausgeben“
AOK-Chef Martin Litsch. FOTO: imago
Berlin. AOK-Verbandschef Litsch warnt wegen explodierender Kosten im Gesundheitswesen vor einem jährlich steigenden Zusatzbeitrag um 0,2 Prozentpunkte. Er fordert kostenbremsende Reformen. Die Zahl der Krankenhäuser soll reduziert und die Arzneimittelpreise mit einer Obergrenze versehen werden. Von Eva Quadbeck

Herr Litsch, müssen sich die AOK-Versicherten mit der neuen Spitze an ihrem Verband auf Neuerungen einstellen?

Litsch Da ich lange Zeit in einer regionalen AOK gearbeitet habe, kenne ich die Problemsicht der Mitarbeiter und der Versicherten. Das ist eine gute Voraussetzung, um in Berlin die Interessenvertretung der AOK zu organisieren. Wir können besser als andere Kassen die Versorgung vor Ort organisieren. Das soll so bleiben. Zudem werden wir das Thema Qualität in der Gesundheitsversorgung weiter nach vorne bringen.

Sie werden also keine Filialen schließen?

Litsch Wir haben rund 1200 Geschäftsstellen, die sollen erhalten bleiben. Zugleich bieten wir natürlich auch Information und Beratung auf anderen Kanälen an, telefonisch und im Internet. Grundsätzlich nimmt der Bedarf nach Beratung vor Ort ab. Doch wenn die Menschen ein wirklich ernsthaftes Problem haben, wollen sie immer noch von Menschen in einer Geschäftsstelle beraten werden.

"Den Landarzt, wie ihn TV-Serien präsentieren, werden wir künftig nicht mehr haben"

Das Versorgungsstärkungsgesetz für eine bessere Gesundheitsversorgung insbesondere im ländlichen Raum ist seit Sommer in Kraft. Sehen Sie schon Fortschritte?

Litsch Wir wissen, wo wir welche Ärzte benötigen. Aber das Problem einer besseren Verteilung der Allgemeinmediziner auf die Regionen ist noch nicht gelöst. Es ist nicht erkennbar, dass es gelingen wird, die jungen Mediziner dazu zu bewegen, sich mehr im ländlichen Raum niederzulassen. Die Regeln für die Arztsitzvergabe müssen strenger gefasst werden, sonst werden wir nicht zu einer ausgeglichen Verteilung der Arztpraxen kommen. An der Stelle haben wir Nachbesserungsbedarf.

Wie wird sich die Versorgungsstruktur in Zukunft ändern - weitere Wege, digitaler, spezialisierter?

Litsch Den Landarzt, wie ihn TV-Serien präsentieren, werden wir künftig nicht mehr haben. Der Beruf wird weiblicher, immer mehr Ärzte wollen angestellt statt freiberuflich arbeiten. Es wird auch unter den Ärzten mehr Zusammenarbeit und Flexibilität geben. Künftig könnten auch mehrere Ärzte in einer Praxis ein größeres Gebiet betreuen. Es werden auch mehr Leistungen delegiert werden müssen an nicht-ärztliches Personal. Die Zusammenarbeit verschiedener Professionen bringt auch mehr Qualität. Da sind wir im ambulanten Bereich nicht weit genug.

Wird es zu entscheidenden Fortschritten in der Telemedizin kommen?

Litsch Bei der Telemedizin macht mich skeptisch, dass wir immer darüber reden, was man mit der neuen Technologie alles machen kann, gleichzeitig sind wir bisher nicht in der Lage, eine einzige vernünftige Anwendung für die Gesundheitskarte zu installieren. Die Vernetzung der Leistungserbringer ist aber eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Telemedizin in der Fläche funktionieren kann.

Haben Sie ein Patentrezept, wie man die unendliche Geschichte der Gesundheitskarte zu einem guten Ende bringt?

Litsch Die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die ich sonst sehr schätze, war in der Frage der Gesundheitskarte schlicht nicht handlungsfähig. Der einzige Mechanismus, der das Projekt Gesundheitskarte ins Laufen bringen kann, sind finanzielle Sanktionen. Es kann jedenfalls nicht sein, dass Ärzte für Selbstverständlichkeiten wie das Verschicken von E-Mails oder das Überprüfen von Versicherten- Stammdaten extra honoriert werden. Was die Ärzte fordern, um die Gesundheitskarte einzusetzen, ist teilweise skurril. Die Politik macht leider nicht genug klare Vorgaben zur Gesundheitskarte.

"Wir brauchen dringend wirksame Strukturreformen im Gesundheitswesen"

Warum ist der Wille zur Nutzung der Gesundheitskarte so gering?

Litsch Die Leistungserbringer argumentieren, den Patienten davor zu schützen, gläsern zu werden. Das ist aber nur ein Vorwand. Sie haben vielmehr Sorge davor, dass ihre Leistungserbringung transparenter und damit auch besser bewertbar wird.

Mit Jahresbeginn ist eine milliardenschwere Krankenhausreform in Gang gesetzt worden. Stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis dieser Reform?

Litsch Wir geben bis 2020 zusätzlich zehn Milliarden Euro mehr für den Krankenhaussektor aus. Wir wissen aber nicht, ob der Scheck, der schon eingelöst wurde, auch zu den gewünschten qualitativen und strukturellen Effekten führt. Vielen Krankenhäusern fällt es noch schwer, Qualität als Kriterium der Krankenhausplanung zu akzeptieren. In NRW wurden 2015 erste Gehversuche in diese Richtung unternommen. Aber in der Realität ist es schon mühsam, einfachste Strukturqualitätskriterien durchzusetzen, zum Beispiel, dass auf einer gastroentologischen Station auch Gastroentologen arbeiten. Dabei müssen wir schneller vorankommen und endlich auch Ergebnisqualität abbilden.

Ist es nicht Ziel der Krankenhausreform, jene Kliniken, die solche Standards nicht einhalten, auch schlechter zu honorieren?

Litsch Ja. Nur das muss die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen aus Krankenkassen und Leistungserbringern umsetzen und da bin ich durchaus skeptisch, dass dies mit den Stimmen der Kliniken gelingt. Sinnvoll wäre es, die Honorierung für die Kliniken zu kappen und das eingesparte Geld an jene Häuser zu verteilen, die gute Qualität liefern. Am Ende müssen wir dahin kommen, dass Krankenhäuser, die schlechte Qualität liefern, auch vom Markt verschwinden.

Die Krankenkassen hatten sich im Zuge der Reform auch als Krankenhausbetreiber angeboten. Halten Sie das für sinnvoll?

Litsch Nein. Krankenkassen und Kliniken sollten nebeneinander organisiert sein. Es kommt sonst zu einer Interessensvermischung.

Wie wird sich angesichts der teuren Reformen, des medizinischen Fortschritts und der Alterung der Gesellschaft der Zusatzbeitrag perspektivisch entwickeln?

Litsch In dieser Wahlperiode kommt es zu einem noch höheren Ausgabenschub als in den vorangegangenen Wahlperioden. Minister Gröhe wird zusätzlich 40 Milliarden Euro ausgeben. Sonst haben wir im Zeitraum einer Wahlperiode von vier Jahren eher eine Kostensteigerung von rund 25 Milliarden Euro verzeichnet. Das sehe ich mit großen Sorgen. Wir haben diese enormen Zusatzausgaben und rutschen absehbar wieder ins Minus, obwohl die Wirtschaft brummt, der Arbeitsmarkt sehr robust ist und die Löhne steigen.

Sind die Ausgaben einfach zu hoch?

Litsch Ja. Die Einnahmen steigen pro Jahr um rund zwei bis drei Prozent, die Ausgaben um rund vier bis fünf Prozent. Diese Lücke von anderthalb bis zwei Prozent kann nur durch einen steigenden Zusatzbeitrag ausgeglichen werden. Es besteht die Gefahr, dass künftig der Zusatzbeitrag jährlich um 0,2 Prozentpunkte steigt. Wir brauchen dringend wirksame Strukturreformen im Gesundheitswesen, die die Ausgaben begrenzen.

Wo wollen Sie da den Hebel ansetzen?

Litsch Im Krankenhausbereich als größter Kostenblock ist erst einmal eine Chance vertan worden. Die Anzahl der Krankenhäuser muss aber endlich reduziert werden. Die Verweildauer in den Kliniken wurde verringert und viele Leistungen sind in den ambulanten Bereich verlagert worden. Die Zahl der Kliniken bzw. Klinikabteilungen ist aber bisher nicht entsprechend gesunken. Da muss die Krankenhausreform nachgebessert werden. Wir brauchen den Abbau von Überkapazitäten, mehr Spezialisierung und Zusammenarbeit. Es darf nicht mehr jeder alles machen.

Wie sieht es bei den Arzneimitteln aus?

Litsch Im Arzneimittelbereich sehe ich viel Einsparpotenzial. Der Herstellerrabatt, den die Pharmaindustrie geben muss, sollte dauerhaft festgeschrieben werden. Aber vor allem brauchen wir eine bessere Preis- und Mengensteuerung bei der Arzneimittelversorgung. Wir haben immer noch Mondpreise bei den neuen Arzneimitteln. Es kann nicht sein, dass Arzneien zu beliebigen Preisen neu eingeführt werden dürfen und erst nach einem Jahr über eine Preissenkung verhandelt wird. Das ist international einmalig.

Wie wäre es mit einer Obergrenze?

Litsch Ja. Über Preisobergrenzen für Arzneimittel sollten wir wirklich nachdenken, auch schon bei der Markteinführung. Die Pharmafirmen erzielen heute Gewinnmargen von durchschnittlich 25 Prozent, die erfolgreichsten Unternehmen der Automobilindustrie liegen weit unter zehn Prozent, das gilt in der Pharmaindustrie als Krisensignal.  Die Preise der Arzneimittel sind aber nicht wegen der Forschungskosten hoch. Das sind hausgemachte Preise am Ende einer langen Marketingkette. Die Pharmaindustrie ist der einzige Markt, der nicht budgetiert ist. Das kann so nicht bleiben.

Eva Quadbeck führte das Gespräch.

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