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Zum 1. Mai
Die Zukunft der Arbeit

Zum 1. Mai: Die Zukunft der Arbeit
„Handlanger“ lautet der Titel des Arbeiterporträts, das der Fotograf August Sander 1928 festhielt. FOTO: Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn
Düsseldorf. Am Tag der Arbeit gehen den Fragen nach, was Arbeit uns bedeutet, und wie sie sich verändern wird. Die Frage wird künftig nicht mehr sein: "Was willst du mal werden?" Sie wird lauten: "Wer möchtest du sein?" Von Martin Bewerunge

"Was möchtest du einmal werden?" Hat man oft gehört. Und später noch viel öfter: "Und, was machst du so?" Früh lernen wir, dass Arbeit und Beruf mehr ausmachen als die bloße  Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Arbeit in ihrer unterschiedlichen Ausprägung verleiht Identität, Status; sie bestimmt die Rolle, die der Einzelne in der Gesellschaft einnimmt, ob er will oder nicht.

Ich arbeite, also bin ich, lautet das Mantra westlicher Industrienationen. Wer nicht arbeitet, steht unter Verdacht - sofern er sich nicht im Kranken- oder Ruhestand befindet. Denn Arbeit gilt nicht nur als Legitimation von Eigentum: Nur wer arbeitet, darf auch mitreden.  Müßiggänger haben nichts zu melden.

Das war nicht immer so. Und vieles deutet darauf hin, dass es nicht so bleiben wird.

Weder die alten Griechen noch die Römer hätten Verständnis für die heutige Arbeitswut. Sie zogen die schönen Künste vor. Es sind die Christen, die die Arbeit aus dem Ghetto der Geringschätzung befreien. Der Messias umgibt sich mit Malochern: Jeder dritte Jünger Jesu ist Fischer,  Paulus ein Zeltmacher. Von ihm sind die Worte überliefert: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen."

Reformer lieben diesen Satz. Martin Luther wird sich auf ihn berufen, ebenso Franz Müntefering, der damit als SPD-Arbeitsminister einst Hartz IV verteidigte. Im 19. Jahrhundert entsteht die moderne arbeitsteilige Gesellschaft und mit ihr die mächtigste Bewegung seit der Verbreitung des Christentums: die Arbeiterbewegung. Sie bringt nicht nur den die Segnungen des Sozialstaats hervor, sondern wird auch brutal missbraucht, von den Nazis ebenso wie von jenen, die in einem "Arbeiter- und Bauernstaat" eine Diktatur errichten.

Arbeit als Menschenrecht

Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist Arbeit ein Menschenrecht, zugleich sind Roboter und künstliche Intelligenz aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Arbeit bedeutet immer weniger verschleißenden Körpereinsatz. Sie löst sich von Präsenz. Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen. Vieles ist im Fluss. Als größte Konstante kristallisiert sich heraus: Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Mensch und Maschine gehen eine Symbiose ein. Dieser Prozess hat längst begonnen. Er wird aber an Tempo zulegen und nahezu alle Berufsgruppen erfassen.

Wohin das führen könnte, haben rund 300 Wissenschaftler in einer Studie mit dem Titel: "2050 – die Zukunft der Arbeit" zu ergründen versucht. Keine andere aktuelle Untersuchung wagt einen derart weiten Blick nach vorn. In den kommenden ein bis 20 Jahren werden  demnach durch "digitalen Darwinismus"  immer mehr Berufsgruppen und  Tätigkeiten von Automaten übernommen. Da, wo heute noch jemand einen Kunden berät, steht morgen ein Touchscreen plus Sprachschnittstelle. Damit, so die Forscher, beginne der Übergang in ein gänzlich neues System des Arbeitens und Wirtschaftens, an dessen Ende vielleicht das Prinzip der Lohnarbeit gänzlich überholt sei.

Schöne neue Welt? Nicht ganz. Bisher hat zwar noch jede neue Technologie mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Nahezu einhellig erwarten die Experten jedoch zunächst eine global steigende Arbeitslosenquote, im Schnitt von heute etwa sechs Prozent auf elf Prozent im Jahr 2020, mit einer kontinuierlichen Steigerung auf 24 Prozent bis zum Jahr 2050. Allerdings könnte die Prognose deutlich günstiger ausfallen, hielten der Umbau der Sozialsysteme, des Bildungswesens und der Gestaltung von Arbeit annähernd mit dem rasanten Wandel mit. Das aber ist momentan schon nicht der Fall.

Bedingungsloses Grundeinkommen als Lösung?

Angesichts solcher Szenarien glauben immerhin 60 Prozent der an der Studie mitwirkenden Forscher an die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ein Argument dafür lautet: Die meisten hochentwickelten westlichen Länder zeigten der Welt schon lange, dass ein garantierter Mindest-Lebensstandard der sicherste Weg zu besserer Bildung, weniger Kriminalität, höherer Lebensqualität sei und eben keineswegs in flächendeckendes Schmarotzertum münde.

Finanziert werden könnte ein solches Grundeinkommen durch den Anteil des Staates an der höheren Wertschöpfung, die aus den neuen Technologien entsteht. Dass beim  Finanzamt künftig Roboter als Steuerpflichtige geführt werden könnten, erscheint hingegen wenig wahrscheinlich.

Dennoch: Den Menschen wird die Arbeit auch in Zukunft nicht ausgehen. Jobs werden entstehen, von denen heute noch keiner etwas ahnt. Innenausstatter für virtuelle Räume vielleicht. Oder Fachleute, die Robotern ihre Menschen erklären, weil auch die cleverste  künstliche Intelligenz niemals mit Marotten, Emotionen und unlogischen Handlungen von Wesen aus Fleisch und Blut zurechtkommen wird. Wenn Menschen weniger körperlich arbeiten, bedeutet das Wachstum für den Gesundheits- und Fitnessbereich. Und wenn sie mehr Zeit haben, wird das neue Bedürfnisse und Dienstleistungen bei Entertainment, Kunst oder Erlebnis-Kultur nach sich ziehen. Wer weiß? Arbeit wird vielleicht irgendwann vollständig von den Gesetzen des Geldes entkoppelt sein und so definiert werden, dass jemand etwas Sinnvolles tut.

Als sicher gilt: Es wird künftig noch weniger feste Anstellungsverhältnisse und noch mehr freiberufliche sowie selbstständig Tätige geben – Wissensnomaden, die ihre Kenntnisse und Fertigkeiten, wenn nicht virtuell, dann an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Teams einbringen. Das  Ende hierarchischer Führungskulturen, wie wir sie kennen, naht. Wir haben uns auf Patchwork-Karrieren einzustellen, auf häufige Berufswechsel, auf lebenslanges Lernen und nicht zuletzt auf  große Konkurrenz:  Wenn wissensbasierte Arbeit von jedem Ort ausgeübt werden kann, wird jede Stelle mit Mitarbeitern aus aller Welt besetzbar.

Man wird sich viel selbst beibringen müssen

Die Schlüsselfähigkeit wird die sein, sich selbst etwas beizubringen. Schon in der Schule wird es darauf  ankommen, Kinder mit selbstständigem Unternehmertum vertraut zu machen. Kritisches Denken und die Fähigkeit, Technologien zu beherrschen, werden mehr denn je ausschlaggebend für die persönliche Weiterentwicklung. Denn die Arbeit der Zukunft wird nicht mehr von oben, sondern von unten organisiert. Was bedeutet, dass sie auch in Zukunft nicht immer leicht sein wird.

So deutet vieles darauf  hin, dass die Frage an junge Menschen nicht mehr lange die sein dürfte, was sie im Leben einmal werden möchten. Entscheidend dafür, Ideen, Ziele, Träume in der künftigen Welt der Arbeit zu verwirklichen, werden die frühe Besinnung auf Talent und die Bereitschaft zu Engagement sein. 

Die wichtigste Frage, die beantwortet werden muss, wird dann lauten: Wer möchte ich einmal werden?

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