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Arndt Kirchhoff
"Werkverträge führen nicht zu Sklavenarbeit"

Arndt Kirchhoff: "Werkverträge führen nicht zu Sklavenarbeit"
Metall-NRW-Präsident Arndt Kirchhoff will Flüchtlinge schneller in Jobs vermitteln. FOTO: dpa
Aus Sicht des Präsidenten des Arbeitgeberverbands Metall NRW gibt es nur einige schwarze Schafe, die die Regeln missachten.

Die Börsen in China gehen seit Wochen auf Talfahrt. Stehen wir vor einer weltweiten Rezession?

Kirchhoff Die Nervosität im Unternehmerlager ist nicht so groß wie an den Börsen. Dass sich ein zweistelliges Wachstum in China nicht fortsetzen konnte, war klar. Wir erleben jetzt eine Normalisierung. Selbst wenn das Land nur fünf Prozent Wachstum hinbekommt, wäre das kein Beinbruch. Was wir derzeit sehen, ist kein Problem der Realwirtschaft, sondern die Folge von Spekulationen.

Allerdings machen Autobauer wie VW inzwischen erheblich schlechtere Geschäfte in China.

Kirchhoff Das Land ist immer noch der größte Automarkt mit 21 Millionen verkauften Fahrzeugen. Grundsätzlich sind daher Unternehmen, die sich besonders in China engagieren, auch überproportional betroffen. Dennoch: Der Markt erlebt eine Sättigung, aber keinen Kollaps.

Richten wir den Blick nach Deutschland. Hier wurde zuletzt hitzig der Acht-Stunden-Tag diskutiert.

Kirchhoff Niemand will den Acht-Stunden-Regelarbeitstag abschaffen. Aber wir wollen und müssen Arbeit flexibler gestalten. Den starren Arbeitstag gibt es nicht mehr - das wollen im Übrigen auch die Arbeitnehmer nicht mehr. Deswegen sollte die Politik bereit sein, Gewerkschaften und Arbeitgebern mehr Spielraum zu geben. Die Politik kann nicht von den Firmen immer mehr Flexibilität einfordern - etwa bei der Eltern-, Teil- oder Pflegezeit - und selbst an starren Rahmenbedingungen festhalten.

Dann werden Sie mit der IG Metall über flexiblere Arbeitszeiten reden?

Kirchhoff Wir sind im Dialog. Es geht aber nicht um die Stunden pro Tag. Wir reden vielmehr darüber, wie wir die Lebensarbeitszeit besser einteilen können. Junge Menschen, die gerade ein Haus bauen, wollen längere Arbeitszeiten, viele 60-Jährige dagegen vielleicht nur drei oder vier Tage pro Woche arbeiten. Wieder ein anderer plant eine Weltreise für neun Monate. Wir wollen versuchen, all diese Fälle gemeinsam in unseren Tarifwerken abzubilden, ohne dass das Einkommen sinkt. Das wird uns wegen der Komplexität nicht in der nächsten Tarifrunde gelingen.

Solche flexiblen Arbeitszeiten stellen die Firmen vor große Herausforderungen. Sie werden das nicht aus reiner Nächstenliebe mittragen. Was versprechen Sie sich davon?

Kirchhoff Natürlich müssen wir diejenigen, die weniger arbeiten, ersetzen. Dafür muss die Gewerkschaft die anderen Instrumente auch mittragen - dazu gehören auch Zeitarbeit und Werkverträge.

Gerade diese Instrumente will Arbeitsministerin Nahles aber noch im Herbst beschränken.

Kirchhoff Ich sehe da keinen großen Regelungsbedarf. Und ich befürchte, dass es höchstens zu Verschlimmbesserungen kommen wird. Um Missbrauch zu verhindern, müssten eigentlich nur die Gesetze angewandt werden.

Die IG Metall spricht aber von "kriminellen und unmenschlichen Bedingungen".

Kirchhoff Werkvertragsarbeitnehmer sind keine Sklavenarbeiter. Auch für sie gelten das deutsche Arbeitsrecht und vielfach Tarifverträge. Die IG Metall muss auch zugeben, dass es nur vereinzelt schwarze Schafe gibt, die die Instrumente missbrauchen. Und die wollen wir auch nicht bei uns haben.

Spielt auch das Thema Digitalisierung in Ihren Gesprächen mit der Gewerkschaft eine Rolle?

Kirchhoff Selbstverständlich. Um zu verhindern, dass Arbeit aus dem Hochlohnland Deutschland abwandert, müssen wir stärker auf Digitalisierung und Automatisierung setzen. Für einen Großteil der Arbeit bedeutet dies, dass sie anspruchsvoller wird. Ein Beschäftigter muss zum Beispiel genau wissen, wie er mit dem Tablet einen Roboter bedient. Es gibt aber auch Arbeitsplätze, die weniger anspruchsvoll werden, weil der Computer das Gros der Arbeit abnimmt. Diesen zweiten Fall bildet die Tarifpolitik bislang nicht ab.

Wollen Sie mit der IG Metall über niedrigere Löhne sprechen?

Kirchhoff Wir wollen bei der IG Metall ein Problembewusstsein schaffen. Mal ein Beispiel: In unserer niedrigsten Tarifgruppe verdienen Ungelernte bereits mehr als 14,50 Euro die Stunde. Übrigens sind da Urlaubs- und Weihnachtsgeld noch gar nicht drin. Wenn wir hierzulande aber auch weiterhin einfache Arbeit anbieten wollen - auch für schwer Vermittelbare oder ganz aktuell für Flüchtlinge -, müssen wir das auch bezahlen können. Das hat nichts mit prekärer Beschäftigung zu tun. Aber der Abstand zum Mindestlohn darf nicht sechs Euro betragen. Wenn wir da weiterkämen, wäre schon viel gewonnen.

Seit der letzten Tarifrunde müssen Sie allerdings deutlich mehr zahlen.

Kirchhoff Die Summe, die uns die IG Metall mit ihren überzogenen Dauerwarnstreiks abgerungen hat, war zu hoch. Wir sind ja in der Vergangenheit von anderen EU-Ländern gerügt worden, dass unsere Lohnstückkosten so niedrig wären. Dieser Abstand ist durch die letzten drei Abschlüsse verschwunden. Das macht unseren Mitgliedern im Wettbewerb sehr zu schaffen. Deshalb war es auch extrem kritisch, dass wir bei dem Abschluss keine flexiblen Ausweichinstrumente hatten. Firmen mit Problemen konnten zum Beispiel Lohnerhöhungen nicht verschieben. Über solche Instrumente werden wir uns künftig unterhalten müssen. Am Ende ist dies auch eine Frage der Tarifbindung. Nicht wenige Mitgliedsunternehmen haben uns gesagt: Eine Chance habt ihr noch!

Welchen Beitrag kann die Wirtschaft in der Flüchtlingskrise leisten?

Kirchhoff Diejenigen, die vor Krieg und Gewalt zu uns geflohen sind, müssen schneller in Jobs gebracht werden. Da sind auch wir Unternehmer gefordert - am besten, indem wir ihnen eine Ausbildung anbieten. Der Bund könnte die dafür zusätzlich nötigen Maßnahmen - etwa Sprachkurse - übernehmen. Zudem muss er den Firmen garantieren, dass die Flüchtlinge nicht in einem Jahr wieder abgeschoben werden. Die Lehre müssen sie auf jeden Fall zu Ende zu machen und dann noch mindestens ein Jahr hier arbeiten dürfen. Das wäre nur menschlich.

M. PLÜCK FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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