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Keine Entwarnung auf dem Ausbildungsmarkt: Ausbildungspakt greift - Lehrstellenlücke bleibt

zuletzt aktualisiert: 04.08.2004 - 18:45

Berlin (rpo). Der Ausbildungspakt scheint ein Erfolg zu werden. Dennoch gibt es an der Ausbildungsfront keinen Grund zur Entwahrnung. Trotz vermuteter Erfüllung des Paktes, werden zum Jahresende wahrscheinlich Tausende Lehrstellen fehlen. Derweil rechnet die OECD nicht mit einem Sinken der Arbeitslosigkeit in Deutschland.

Die Wirtschaft rechnet damit, dass sie dieses Jahr weit mehr als 30.000 neue Lehrstellen anbieten kann. Wie Industrie und Handwerk am Mittwoch mitteilten, haben sie ihre Zusage aus dem Ausbildungspakt schon jetzt fast erfüllt. Trotzdem sei im Herbst eine Lücke von 20.000 bis 30.000 Stellen zu befürchten, erklärte der DIHK. Ein Grund dafür ist, dass gleichzeitig etwa 18.000 Lehrstellen verloren gehen dürften. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt die Lage noch kritischer ein als 2003.

Nach Angaben der Behörde waren Ende Juli noch 238.000 Jugendliche auf Lehrstellensuche, aber nur 75.900 freie Plätze gemeldet. Damit war die rechnerische Lücke - mit 162.400 Stellen - deutlich größer als vor einem Jahr, als nur 148.000 Stellen fehlten. Obwohl sich bis Ende September erfahrungsgemäß noch viel ändert, wollte der stellvertretende BA-Vorsitzende Heinrich Alt nicht ausschließen, dass die im Herbst 2003 verzeichnete Lücke von gut 20.000 Plätzen dieses Jahr noch übertroffen werden könnte.

Erschreckende Lage

Der Deutsche Gewerkschaftsbund bezeichnete die Lage als erschreckend. "Allen Erfolgsmeldungen der Wirtschaft zum Trotz ist die Lehrstellenlücke so groß wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr", kritisierte er. SPD-Chef Franz Müntefering nannte die Entwicklung "erfreulich, aber noch nicht befriedigend". Ziel bleibe, dass wie im Pakt vereinbart allen ausbildungswilligen Jugendlichen eine Lehrstelle angeboten werde.

Wirtschaftsminister Wolfgang Clement wies darauf hin, dass zur Zeit viele Lehrstellen direkt bei den Kammern und nicht bei den Arbeitsagenturen gemeldet würden. Man dürfe sich von den Zahlen der Bundesagentur nicht blenden lassen, warnte auch DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun. Die Arbeitsagenturen erfassten immer nur einen Teil des Marktes.

"Der Pakt wirkt", betonte Braun sieben Wochen nach dem Start. Nachdem die Ausbildungsplatzabgabe vom Tisch sei, gebe es in vielen Firmen wieder bessere Stimmung. Allein bei den Industrie- und Handelskammern seien dieses Jahr 18.900 neue Ausbildungsplätze gemeldet worden.

IHKs warben bereits 13.400 neue Ausbildungsbetriebe

Insgesamt konnten die IHKs seit Jahresbeginn 13.400 neue Ausbildungsbetriebe werben. Bis Ende Juli wurde 202.000 Verträge abgeschlossen, 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Handwerk wurden laut Zentralverband 6.202 neue Ausbildungsfirmen gewinnen. Die Kammern verzeichnen laut Wirtschaftsministeriums zurzeit 2,3 Prozent mehr Ausbildungsverträge. Damit dürften die Verbände die zugesagten 30.000 neuen Lehrstellen bereits zusammen haben.

Braun warnte trotzdem vor Übermut. Es werde es "sicherlich" am 30. September wieder eine Ausbildungslücke von 20.000 und 30.000 Plätzen geben, sagte er. Gründe seien die schlechte Konjunktur, die größere Zahl der Schulabgänger und der Abbau von Lehrstellen.

Bei Jugendlichen, die leer ausgehen, soll im Herbst geprüft werden, ob sie sich nachträglich vermitteln lassen. Wenn die Qualifikation nicht ausreiche, sollten sie zumindest ein Praktikum bekommen, sagte Braun. Von den im Ausbildungspakt zugesagten 25.000 Plätzen für "Einstiegsqualifikationen" konnten bei den IHKs bislang allerdings erst 5.000 eingeworben werden.

OECD: Deutsche Arbeitslosigkeit wird nicht sinken

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland wird trotz besserer Wirtschaftsaussichten in den kommenden Monaten nicht sinken. Die OECD - die Wirtschaftsorganisation der Industriestaaten - sagte nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" voraus, dass erst 2005 erhebliche Beschäftigungsgewinnen zu erzielen seien. Im Juli waren nach Angaben der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit vom Mittwoch 4,36 Millionen Menschen ohne Job, was dem höchsten Juli-Wert seit der Wiedervereinigung entspricht.

Im OECD-Bericht, der am Donnerstag veröffentlicht werden soll, heißt es laut Bericht, dass die "starke, wettbewerbsfähige Exportindustrie" der deutschen Wirtschaft aus ihrer "dreijährigen Phase der Quasi-Stagnation" heraushelfen werde. Die Wirtschaft werde, wenn man die sehr geringe Zahl der Feiertage herausrechne, in diesem Jahr um 1,1 Prozent wachsen, im nächsten Jahr um 2,1 Prozent. Das sei weniger als in vielen anderen Industrieländern.

Der Arbeitsmarkt leide noch immer unter dem flauen Wirtschaftswachstum und den verzerrenden Anreizen zur Arbeitsaufnahme, hieß es weiter. Die OECD sehe in den bisherigen Anstrengungen von Rot-Grün eine bedeutende Reforminitiative zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums". Sie reicht aber nicht aus. Der bisherige Kurs weise einen "Mangel an Klarheit" auf. Nötig sei "eine kohärente Vision in Bezug auf die Neuorientierung der Wirtschaftspolitik". Die Nürnberger Bundesagentur muss laut OECD Erwerbslose noch effizienter vermitteln. Zudem sollte anders als in der Hartz-Reform vorgesehen, die Pflicht zur Jobsuche "unabhängig vom Alter für alle Arbeitslosen gelten". Schließlich sollten betriebliche Bündnisse für Arbeit erleichtert und das Rentenalter schrittweise heraufgesetzt werden.


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