| 10.23 Uhr

Ständehaustreff mit Bahn-Chef Grube
Jeden Tag elf Selbstmorde auf den Schienen

Bahn-Chef Rüdiger Grube: Züge werden pünktlicher
Bahn-Chef Rüdiger Grube im Interview mit RP-Chefredakteur Michael Bröcker. FOTO: Anne Orthen
Rüdiger Grube war zu Gast beim Ständehaus-Treff. Der 65-jährige Konzernchef sprach engagiert und leidenschaftlich über Lärmschutz, Sauberkeit und Sicherheit – und ein Thema, das bisher eigentlich unter der Decke gehalten wurde. Von Antje Höning, Düsseldorf

Eigentlich müsste Bahn-Chef Rüdiger Grube seinen Hut nehmen: Sein Konzern machte 2015 rund 1,3 Milliarden Euro Verlust, so viel wie nie seit Grubes Amtsantritt 2009. Die Gütersparte ist defizitär, bei Langstrecken nehmen Fernbusse der Bahn Passagiere weg, Bahnhöfe und Schienen sind renovierungsbedürftig. Hinzu kommt der Ärger mit Anwohnern, die sich durch laute Güterzüge belästigt fühlen. Jeder fünfte Fernzug hat eine ordentliche Verspätung.

Das alles soll besser werden, kündigte der 65-Jährige beim Ständehaus-Treff in Düsseldorf an, bei dem er sich den Fragen von Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, stellte.

Jeden Tag elf Selbstmorde auf Bahnschienen

Vor allem das Thema Pünktlichkeit treibt die Bahn um. Für wiederkehrende Verzögerungen durch Herbstlaub, ausgefallene Klimaanlagen und Langsam-Fahrstellen haben Kunden wenig Verständnis. Im August kamen laut Konzern 80,5 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich an, das heißt, maximal fünf Minuten später. Besser sieht es im Regionalverkehr aus: Hier kommen laut Bahn 95,7 Prozent der Züge pünktlich.

Für Verspätungen gebe es viele Gründe, betonte Grube und überraschte mit einem Thema, über das die Bahn eigentlich nicht spricht. "Jeden Tag gibt es elf Selbstmorde auf deutschen Bahnschienen", sagte Grube erstmals. Seit der Wirtschaftskrise 2009 habe es einen deutlichen Anstieg gegeben. Man spreche ungern darüber, weil es oft Nachahmer gebe, so Grube. Aber für die Lokführer und die Bahn als Unternehmen sei das immer wieder eine enorme Herausforderung. Dennoch werde er die Pünktlichkeits-Ziele für das laufende Jahr erreichen, versprach Grube.

Eine Botschaft für den Niederrhein hatte er auch im Gepäck: 7000 Häuser an der umstrittenen Betuwe-Linie sollen mit passiven Lärmschutz ausgestattet werden. Etwa 100 Kilometer Schallwände würden gezogen: "Der Güterverkehr wird deutlich leiser." Außerdem kündigte er an, mit Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel ein Konzept für die Sanierung des Vorplatzes am Hauptbahnhof zu erarbeiten. Schon vor dem Talk hatte Grube am VIP-Tisch neben Geisel gesessen und das Thema mit ihm besprochen. Mit dabei am Tisch des Gastes übrigens auch Vodafone-CEO Hannes Ametsreiter, NRW-Verkehrsminister Michael Groshek (SPD), Bahn-Sprecher Oliver Schumacher, Unternehmer Walter Mennekes, Karl Hans Arnold, Vorsitzender der Geschäftsführung der RP Mediengruppe, und Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon.  

550 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beim Ständehaus-Treff

Grube, der übrigens zehn Minuten früher als geplant, aber dafür mit Flieger aus Berlin nach Düsseldorf reiste, versprach auch Besserung bei den Dauerbrennern Sauberkeit der Züge und die Sicherheit der Bahnhöfe. Von mehr als 5000 Bahnhöfen seien 3500 noch nicht in einem vorzeigbaren Zustand. "Wir wollen sie aber alle zu Visitenkarten des Unternehmens machen", betonte Grube. Das dauere allerdings seine Zeit. 100 Bahnhöfe pro Jahr würden derzeit modernisiert. Nach dem Messer-Attacke eines Fahrgastes in einer Würzburger Regionalbahn kündigte Grube bereits verschärfte Sicherheitsvorkehrungen an. Die Zahl der Sicherheitskräfte an den Bahnhöfen und in den Zügen soll auf mehr als 4000 steigen, hinzu kämen 5000 Beamte der Bundespolizei. Nicht erst seit den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht weiß die Bahn, dass man zwingend mit den Sicherheitskräften kooperieren muss.

Grube forderte mehr Wettbewerb auf der Schiene. Die Bahn habe beim wichtigsten Verkehrsprojekt in Nordrhein-Westfalen, dem Rhein-Ruhr-Express RRX zwischen Dortmund und Köln den Zuschlag nicht bekommen, weil die Politik bei Ausschreibungen nur auf den Preis gucken dürfe: "Wir zahlen gute Löhne und ordentliche Pensionen. Wir fordern fairen Wettbewerb." Auch gehe es nicht, dass sich die Bahn ausländischer Konkurrenz stellen müsse, sie selbst aber im Ausland oft nicht bieten dürfe. Dafür gab es Applaus.

Grube sprach beim Ständehaus-Treff, zu dem 550 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den früheren NRW-Landtag gekommen waren, auch über Privates. Er verriet, wie er sich mit 65 Jahren fit hält. Wann immer es geht, läuft er vor der Arbeit eine Stunde. Seine Marathon-Bestzeit: drei Stunden und 26 Minuten. Dass er mit vier Stunden Schlaf auskomme, verwies er allerdings ins Reich der Fabel: "Ich brauche sechs."

"Einem Vertrag bin ich noch nie hinterhergelaufen"

Den Bahnchef erreichen täglich zwischen 3000 und 4000 Kundenanfragen, "nicht nur Beschwerden, auch Lob", wie Grube betonte. Er selbst telefoniere täglich mit zehn Kunden, die er zufällig aus dem Stapel ziehe. Da sei übrigens auch mal der Vater von heidi Klum dabei gewesen, der nicht glauben wollte, dass der Bahnchef persönlich am Telefon war. Das Problem von herrn Klum habe er jedenfalls lösen können, sagte Grube und lachte.

Als Sohn von Hamburger Obstbauern kämpfte sich der Bahnchef hoch: erst Hauptschule, dann Lehre als Flugzeugbauer. Gegen den Widerstand der Eltern und der Tante, die dem Sohn seine beruflichen Pläne ausreden wollte, machte Grube Abitur, Studium und eine Karriere, die ihn über den Hamburger Flugzeugbauer und Wertfkonzern MBB und später Daimler bis an die Bahn-Spitze führte. "Ich wollte es allen zeigen, dass ich es kann", erinnert sich Grube an den Aufstieg. Wer Grube auf der Bühne erlebte, musste sicher sein: Ans Aufhören denkt dieser Bahnchef noch lange nicht, auch wenn sein vertrag 2017 ausläuft. Im Dezember muss der Aufsichtsrat der Bahn festlegen, ob das Mandat des Konzernchefs verlängert werden soll. In der Politik hat er einige Unterstützer, SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier gehört zu den persönlichen Freunden Grubes und war auch sein Trauzeuge. Doch ob Grube auch 2018 Bahnchef sein wird, darüber entscheiden viele Faktoren. Grube sagte, er arbeite gern. "Aber einem Vertrag bin ich noch nie hinterhergelaufen."

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