| 08.38 Uhr

Schlaganfall-Mittel
Behörde spricht von 102 Todesfällen nach Bayer-Arznei

Schlaganfall-Mittel: Behörde spricht von 102 Todesfällen nach Bayer-Arznei
FOTO: UM
Leverkusen/Berlin. Die Kritik am Schlaganfall-Mittel wächst. Die Zahl der Patienten, die nach Einnahme von Xarelto gestorben sind, stieg 2013. Gesundheitsforscher Glaeseke mahnte, Ärzte würden Xarelto zu oft verschreiben. Bayer weist die Kritik zurück. Von Antje Höning

Das Schlaganfallmittel Xarelto gerät erneut in die Kritik. Die Zahl der Patienten, die nach einer Therapie mit Xarelto gestorben sind, ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. "Uns liegen für 2013 insgesamt 102 Verdachtsberichte zu Todesfällen von Menschen vor, die zuvor mit Xarelto behandelt worden sind", sagte Maik Pommer, Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). In den Vorjahren hatten Ärzte der Behörde 72 beziehungsweise 58 Todesfälle gemeldet.

Der Bremer Pharmaforscher Gerd Glaeske sagte bei Vorstellung des aktuellen Arzneimittel-Reports: "Die Todesfälle nehmen zu." Er kritisierte, dass Ärzte das Mittel trotz der bekannten Risiken zu häufig verordnen würden. Bayer warf er vor, "aggressives Marketing" für Xarelto zu betreiben. So habe der Konzern allen Praxen vor einiger Zeit ein Infopaket zu Xarelto samt Musterpackung des Medikaments zugesandt. Das sei rechtlich angreifbar.

So unterscheiden sich Original und Generikum FOTO: dpa, Matthias Hiekel

Die Behörde betonte, dass unklar sei, ob die Todesfälle auf Xarelto zurückgingen oder die Patienten an ihrer Grunderkrankung gestorben seien. Der Anstieg der Todesfälle könne auch auf die gestiegene Zahl der Verordnungen zurückgehen. Es gebe keine neue Risikolage, aber: "In der ärztlichen Praxis müssen alle bekannten Risiken lückenlos berücksichtigt werden", mahnte das Institut die Ärzte. Verunsicherten Patienten riet der Behörden-Sprecher: "Patienten sollten auf keinen Fall Xarelto eigenmächtig absetzen, sondern im Zweifelsfall mit dem Arzt Rücksprache nehmen."

Der Bayer-Konzern wies die Kritik an seinem Hoffnungsträger zurück. Es gebe keine Belege für einen kausalen Zusammenhang zwischen Xarelto und den Todesfällen. "Der Gerinnungshemmer hat in klinischen Studien gezeigt, dass er Patienten einen wirksamen und verträglichen Schutz bietet. Das Sicherheitsprofil von Xarelto im klinischen Alltag wird laufend überprüft."

Das große Lexikon der Schmerzmittel

Xarelto bescherte dem Leverkusener Konzern 2013 einen Umsatz von 949 Millionen Euro. In der Spitze soll es künftig 3,5 Milliarden pro Jahr bringen. Die Zahl der verkauften Packungen in Deutschland verdoppelte sich 2013 auf 1,7 Millionen Packungen.

Zuvor wurden Patienten, die vor einer Thrombose oder einem Schlaganfall geschützt werden sollen, vorrangig mit Macumar behandelt. Dessen Patentschutz ist lange ausgelaufen. Die Kosten für eine Jahresdosis Macumar betragen nur bis zu 100 Euro. Bei Xarelto sind es dagegen 1193 Euro.

Kapuzinerkresse, Propolis, Thymian: Die besten Antibiotika aus der Natur FOTO: Shutterstock/oksix

Für den Forscher Glaeske ist Xarelto nur ein Beispiel dafür, wie teure, neue Medikamente in den Markt geboxt werden. Ein Teil hat zudem noch nicht einmal einen Zusatznutzen für Patienten. "Diese Arzneimittel sind überflüssig und teuer", sagte Rolf-Ulrich Schlenker, Vorstand der Krankenkasse Barmer, für die Glaeseke den "Arzneireport 2014" erstellt hat. Demnach entfallen zwischen 20 und 30 Prozent der Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung auf so genannte Scheininnovationen. Laut Barmer könnten die Kassen bis zu vier Milliarden Euro sparen, wenn Ärzte häufiger preisgünstige Präparate mit bewährten Wirkstoffen (Generika) verordnen würden.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Schlaganfall-Mittel: Behörde spricht von 102 Todesfällen nach Bayer-Arznei


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.