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Kultusminister-Beschluss verärgert Wirtschaft: Abitur oder Lehre – was zählt mehr?

VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 26.01.2012 - 08:26

Berlin (RP). Der Beschluss der Kultusminister, das Abitur höherwertiger einzustufen als eine berufliche Ausbildung, hat bei Wirtschaft und Gewerkschaften einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Als Kompromiss soll das Abitur aus der Skala für internationale Vergleiche komplett herausfallen.

In der Streitfrage, welcher Bildungsabschluss mehr Kompetenz bringt, die Lehre oder das Abitur, hat Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) den Ländern einen Kompromiss angeboten. In einem Schreiben an den Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, das unserer Zeitung vorliegt, schlägt Schavan vor, die allgemeinbildenden Schulabschlüsse zunächst gar nicht in der Rangliste aufzunehmen.

Auslöser des Streits ist die Entwicklung eines Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR), der eigentlich Schul- und Berufsabschlüsse auf einer Skala von 1 bis 8 einsortieren soll. Wobei die Stufe 8 mit der Promotion den höchsten Abschluss darstellt. Damit sollen die deutschen Abschlüsse nach europäischem Vorbild international vergleichbar gemacht werden. Auch die Franzosen verzichten derzeit auf allgemeinbildende Schulabschlüsse in ihrer Skala.

Mit einem einheitlichen Europäischen Qualifikationsrahmen sollen die Bürger bessere Chancen erhalten, sich jenseits der eigenen Grenzen einen Job zu suchen und dort auch nach ihrer Qualifikation beschäftigt und bezahlt zu werden. Wegen der Debatte um Abitur und Lehre ist die Skala für Deutschland noch nicht vollständig. Diskutiert wird, dass wer einen Hochschulabschluss (Master) hat, die 7 erhält. Für den Bachelor gibt es die 6. Auch der Handwerksmeister soll die 6 bekommen. Auf der Stufe 5 könnten spezialisierte Facharbeiter stehen. Die 2 soll voraussichtlich erhalten, wer ein Berufsvorbereitungsjahr absolviert hat.

Die Kultusministerkonferenz hatte im Herbst beschlossen, das Abitur mit Stufe 4 über den Abschluss einer beruflichen Ausbildung mit Stufe 3 zu setzen. Mit dieser Bewertung stehen die Kultusminister weitgehend isoliert da. Die Bundesregierung, alle Wirtschaftsminister der Länder und auch Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften setzen sich dafür ein, dass die Lehre wie das Abitur auf Stufe 4 gestellt werden sollte.

"Die dualen Berufe gleichrangig mit dem Abitur einzuordnen, ist richtig, denn ein dreijähriger Lehrberuf ist in der Arbeitswelt mindestens so viel wert wie ein Schulabschluss", sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann unserer Zeitung. Diese Anerkennung sei auch wichtig, um zu verhindern, dass die duale Ausbildung bei Schulabgängern an Ansehen verliert. Die Wirtschaft sorgt sich derzeit besonders um den Nachwuchs, da im vergangenen Jahr erstmals seit sieben Jahren mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung standen, als es Bewerber gab. Viele Betriebe versuchen bereits, aus dem Ausland Lehrlinge anzulocken. "Wir sind mehr denn je auf gute Fachkräfte angewiesen", betonte Driftmann. Die Universitäten erleben dagegen einen Ansturm wie nie zuvor.

Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln lohnt sich eine berufliche Ausbildung durchaus. "Eine Berufsausbildung bringt im Laufe des Lebens eine Rendite von 8,3 Prozent. Nach einem Studienabschluss sind es 7,5 Prozent", sagt Axel Plünnecke vom IW. Die höhere Bildungsrendite der Ausbildung rührt daher, dass auch die Investitionen, was Verdienstausfall und Zeitpunkt des Berufseinstiegs betrifft, geringer sind. Allerdings sei über das Leben hinweg das Hochschulstudium attraktiver, weil der absolute Verdienst höher sei, betont Plünnecke.

Bei den Kultusministern der Länder ist Schavans Vorstoß auf positive Resonanz gestoßen. Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD), der auch Vorsitzender der Kultusministerkonferenz ist, betonte, er freue sich, "dass Frau Schavan hier einen Vorschlag macht, den die KMK bereits seit längerer Zeit diskutiert und auch bereits gemacht hat." Rabe kündigte an, kurzfristig das Gespräch mit der Bundesministerin zu suchen, um zu einer Einigung zu kommen. Für den 31. März hat die Kultusministerkonferenz Vertreter von Wirtschaft, Regierung und Verbänden zum Gespräch eingeladen, um den Konflikt um Abitur und Lehre zu entschärfen.

Auch NRW-Schulminister Sylvia Löhrmann (Grüne) setzt auf einen Kompromiss: "Ich begrüße es, dass nun auch die Bundesbildungsministerin in der Herausnahme der Schulabschlüsse aus der DQR-Einstufung eine Lösung sieht." Löhrmann betonte, sie und die SPD-geführten Länder hätten diesen Vorschlag bereits im November gemacht. "Ich hoffe sehr, dass Frau Schavan nun auch die CDU-geführten Länder für diesen Vorschlag gewinnt."

Quelle: RP/chk/csr


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