Seelische Störung: Achtung Stress: Wenn die Arbeit krank macht
zuletzt aktualisiert: 09.11.2006 - 14:53Dortmund/Berlin (RPO). Krank ist so gut wie jeder mal. Ist die Krankheit so schlimm, dass das Bett gehütet werden muss, lassen sich Arbeitnehmer krank schreiben. Alarmierend ist dabei, dass mittlerweile jeder zwölfte Fehltag eines Mitarbeiters auf eine psychische Diagnose zurückzuführen ist. Die seelischen Störungen nehmen in der Arbeitswelt also zu.
"Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich der Anteil mehr als verdoppelt", sagt Prof. Karl Kuhn von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund.
"Psychische Erkrankungen sind häufig langwierig", ergänzt Christine Richter vom BKK Bundesverband in Berlin, der Spitzenorganisation der Betriebskrankenkassen. Sie führten oft zum Verlust des Arbeitsplatzes. Ein Drittel der jährlichen Rentenzugänge aufgrund verminderter Erwerbstätigkeit wird inzwischen durch seelische Leiden verursacht. Laut einer Studie im Auftrag der Bundesanstalt tragen Helfer und Helferinnen in der Krankenpflege das größte Risiko.
Frauen sind eher gefährdet
Auch bei den Krankheitstagen wegen psychischer Ursachen lassen sich Unterschiede je nach ausgeübter Tätigkeit feststellen. Unter den erwerbstätigen Frauen gehören Krankenpflegehelferinnen, Telefonistinnen, Sozialarbeiterinnen und Hilfsarbeiterinnen zu den am meisten gefährdeten Berufsgruppen. Die Fehlzeiten männlicher Beschäftigter aufgrund einer psychischen Diagnose liegen insgesamt um 40 Prozent niedriger als bei Frauen. Unter den Männern sind Krankenpfleger und Sozialarbeiter besonders betroffen.
Auffällig hoch sind auch die krankheitsbedingten Fehlzeiten durch psychische Störungen in pädagogischen Berufen: "Ein Pädagoge, der nicht mit aggressiven Kindern umgehen kann, hat sich gesundheitlich binnen kürzester Zeit an die Wand gefahren", erklärt Prof. Kuhn. Es könne zum Burn-out und in Folge zur Frühverrentung kommen. Die Beeinträchtigungen drücken sich nicht selten zuerst in körperlichen Symptomen aus. "Obwohl die Zahlen schon jetzt erschreckend sind, liegt die Erkrankungsrate daher noch höher", sagt Kuhn.
Psychische Leiden enttabuisiert
Die Ursachen für seelische Leiden sind komplex. "Die Gleichung, dass es durch die Zunahme von Belastungen am Arbeitsplatz zu mehr psychischen Erkrankungen kommt, stimmt nicht", betont Fritz Bindzius. Psychische Erkrankungen seien enttabuisiert worden und würden mehr wahrgenommen, so der Experte für gesundheitliche Prävention beim Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften in Sankt Augustin bei Bonn. "Erkrankungen wie Alkoholismus oder schwere Depressionen haben meist eine Verlaufsgeschichte", sagt auch Prof. Kuhn. Sie könnten nicht allein auf die Arbeit zurückgeführt werden.
Dennoch ist der Einfluss des Jobs nicht unerheblich. Stress, Zeitdruck sowie Über- und Unterforderung können sich auf das seelische Befinden niederschlagen. "Auch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist ein Stressfaktor", sagt Fritz Bindzius. Eine wichtige Rolle spielen die Vorgesetzten: "Wenn Arbeitnehmer keine Anerkennung und kein Lob erfahren, fehlt ihnen ein Teil der sozialen Unterstützung am Arbeitsplatz", erklärt Prof. Kuhn.
Stressresistenz verbessern
Vielen Arbeitnehmern sei nicht klar, was eigentlich von ihnen verlangt wird, bemängelt Christine Richter. Sie sollten daher das Gespräch mit ihren Vorgesetzten suchen. Auch Konflikte mit Kollegen sollten angesprochen werden. Nicht immer aber lassen sich die Bedingungen am Arbeitsplatz positiv beeinflussen: "Einen schwierigen Kunden kann man nicht verändern", sagt Fritz Bindzius. Auch die Konfrontation mit menschlichem Leid in Helferberufen lässt sich nicht abstellen. "Die Beschäftigten müssen ihre Stressresistenz verbessern und eine professionelle Haltung entwickeln, um mit Belastungen besser fertig zu werden", rät der Präventionsexperte.
Beispielsweise die Einstellung, es jedem Recht machen zu müssen, führe zu einem hohen Stresslevel. In Stressbewältigungskursen können solche Überzeugungen bearbeitet und abgebaut werden. Damit es nicht zu einer Erkrankung kommt, sollten die Signale wahrgenommen werden. "Depressive Verstimmungen, Konzentrationsschwäche oder Reizbarkeit können ein Hinweis darauf sein, dass jemand mehr auf sich achten sollte", sagt Fritz Bindzius.
Wer feststellt, dass er über längere Zeit hinweg nur schlecht abschalten kann oder unter Einschlafstörungen leidet, kann bei seiner Krankenkasse zum Beispiel einen Kurs zum Erlernen einer Entspannungstechnik beantragen. "In der Regel werden die Kurse von den Kassen mit bis zu 80 Prozent bezuschusst", erklärt Christine Richter.
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