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Psychische Erkrankungen nehmen zu: Depressionsfalle Job

zuletzt aktualisiert: 24.03.2010 - 09:30

Berlin (RPO). Immer mehr Arbeitnehmer macht ihr Job krank. Psychische Leiden haben sich seit 1990 fast verdoppelt, sie waren 2008 für knapp elf Prozent aller Fehltage verantwortlich. Das geht aus einer am Dienstag vorgestellten Studie der Bundespsychotherapeutenkammer hervor. 

Neben einer besseren Diagnostik der Ärzte seien vor allem auch die zunehmenden Belastungen in der modernen Arbeitswelt Ursachen des Anstiegs, sagte Kammerpräsident Rainer Richter in Berlin. Das Risiko einer Depression nehme zu, wenn der Betroffene keinen Einfluss auf Ablauf oder Erfolg seiner Tätigkeit habe und gleichzeitig wenig Anerkennung in Form von Gehalt oder Arbeitsplatzsicherheit erfahre.

Besonders von psychischen Erkrankungen ist daher den Angaben zufolge der Dienstleistungssektor und hier in erster Linie die Branche der Call-Center betroffen. Deren Mitarbeiter fielen etwa doppelt so häufig aufgrund psychischer Erkrankungen aus wie der Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Auch seien Frauen doppelt so häufig wie Männer von Depressionen betroffen. Bauarbeiter fehlen laut der Studie hingegen ein Drittel bis um die Hälfte seltener wegen psychischen Erkrankungen. Insgesamt kostete die Behandlung depressiver Störungen die Krankenkassen 2004 rund 4,3 Milliarden Euro.

Mehr noch als berufliche Belastungen macht jedoch der Verlust des Arbeitsplatzes psychisch krank. Arbeitslose sind laut der Auswertung der jährlichen Gesundheitsreporte der gesetzlichen Krankenkassen drei- bis viermal so oft betroffen wie Erwerbstätige. Die Krankheit sei meist nicht Ursache der Arbeitslosigkeit, sondern entwickle sich durch das geminderte Selbstwertgefühl.

Niedrigste Zahlen in Sachsen-Anhalt

Die Ursachenfindung bei psychischen Erkrankungen ist jedoch komplex. So liegt die Zahl der diagnostizierten psychischen Erkrankungen in allen ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Berlins trotz höherer Arbeitslosenzahlen unter dem Bundesdurchschnitt. Die niedrigsten Zahlen weist laut der Studie Sachsen-Anhalt auf. Dort fiel der Anteil psychischer Erkrankungen an allen Fehltagen 2008 rund 22 bis 30 Prozent geringer aus als in ganz Deutschland. Spitzenreiter waren die Stadtstaaten Hamburg und Berlin mit bis zu 50 beziehungsweise 25 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Zu möglichen Erklärungen sagte Richter, psychisch labile Menschen zögen aus verschiedenen Gründen in die Städte. Zudem gebe es dort auch mehr Dienstleistungsgewerbe.

Richter forderte Arbeitgeber auf, vor allem im Dienstleistungssektor für humane Arbeitsbedingungen zu sorgen und dabei von Reformen nach der industriellen Revolution zu lernen. Damals hätten Arbeiter am Fließband ein Teil der Kontrolle und Arbeitsmoral zurückerhalten, als sie die Geschwindigkeit selbst regulieren konnten. Es sei auch zu überlegen, wie viele konfliktgeladene Gespräche einem Call-Center-Mitarbeiter pro Tag zuzumuten seien.

Einige der von großen Firmen angebotenen Präventionsangebote bezeichnete Richter als großen Erfolg. Psychotherapeuten hätten bei den Gesprächen oft Vorgesetzte als Ursache psychischer Leiden ihrer Untergebenen ausgemacht. Die Ärzte könnten in derartigen Fällen intervenieren und für ein besseres Arbeitsklima sorgen. Größere, nicht unbedingt materiell ausgedrückte Wertschätzung, wünschte er sich auch für Leiharbeiter. Diese litten besonders unter ständiger Verunsicherung.

Richter plädierte auch für ein Umdenken bei den Hausärzten. Oft herrsche zwischen ihnen und den Patienten ein stillschweigendes Abkommen, bei Rücken- oder Magenschmerzen gar nicht erst über mögliche psychische Ursachen zu sprechen. Depressionen würden immer noch tabuisiert, sagte der Mediziner.

Quelle: DDP/mais

 
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